DECOLAP - Äppelchen 3 |
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Eine ganz besondere Anziehungkraft muß wohl das Buch Der kleine Blumenkönig (Kveta Pacovskà) auf die Kinder ausgeübt haben. Das Erzählen der Geschichte meinerseits wurde aufmerksam verfolgt und von vielen begeisterten Zwischenrufen begleitet.
Der kleine König zog die Kinder in seinen Bann. Sie begleiteten ihn, durch die Nacht und durch den Regen, auf der Suche nach " seiner " Prinzessin. Endlich entdeckte er sie in einer riesigen Blüte kauernd. Die anschließende Hochzeit wurde freudig beklatscht.
So war es nicht weiter verwunderlich, als am nächsten Morgen eine Kindergruppe ein Rollenspiel inszenierte, das sich deutlich auf die Geschichte des kleinen Königs bezog.
Mein späterer Vorschlag, das Rollenspiel zu verfilmen, wurde spontan begrüßt. Kelly und Gabriela wollten aber zuerst die " Joffer " sein und ihren Kollegen die Geschichte noch einmal erzählen. Gabriela zeigte vorwiegend die Bilder des Buches. Eifrig lieferten ihre Kollegen den Kommentar dazu. Machte sie Pausen, so wurde sie mit " dis " angefeuert, doch etwas schneller zu erzählen. Kelly belohnte man mit Bravorufen für das Vortragen der Geschichte. Auch der vierjährige Greg erzählte, liebevoll unterstützt von seinen Mitschülern.
Gefilmt zu werden, eine doch wohl nicht alltägliche Situation, störte die Kinder keinesfalls. Wir beratschlagten gemeinsam, wie wir unser Rollenspiel mit Requisiten verschönern könnten. Da uns keine Zwiebelknollen för die Tulpen des kleinen Königs zur Verfügung standen, wurden schnell einige aus Plastilin hergestellt. Ein weißes Laken wurde zum Brautschleier, ein roter Schal zur Krawatte des Bräutigams, Trockenblumen dienten als Brautstrauß ...
Die Intermezzodialoge, ob die Braut nun den Rock anzieht oder nur vor sich zu halten hat, wer denn nun als nächster die Rolle des Bräutigams übernimmt, wann die Zuschauer mit ihren Orff-Instrumenten endlich " Musik " machen dürfen, ob das Laken doch etwas zu groß als Brautschleier sei; diese und ähnliche " Probleme " lösten viele sprachliche Interaktionen aus, die den eigentlichen Ablauf des Rollenspiels wertvoller machten als das Endprodukt, der fertige Film. Bemerkenswert finde ich außerdem, daß fast sämtliche Dialoge in luxemburgischer Sprache stattfanden trotz unserer doch besonderen Sprachsituation (s.u.).
Kelly entwickelte sich zur perfekten Regisseurin. Die " Joffer " begnügte sich mit der Zuschauerrolle! Das Spiel wurde immer wieder von neuem von den Kindern aufgeführt. Es verkürzte sich mehr und mehr. Übrig blieb schließlich nur die Hochzeitsszene. Fast alle Kinder der Klasse hatten sich nach und nach dazugesellt.
Jedes wollte mindestens einmal Braut oder Bräutigam gewesen sein!
Das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, nämlich eine Situation zulassen und ausbauen, die die Kinder zu spontanen sprachlichen Interaktionen anregt, ist in meinen Augen erreicht. Die Kinder agierten untereinander in der " zone of proximal development " .
Während des Rollenspiels beschränkten sich die Äußerungen der Kinder auf das für sie Wesentliche in luxemburgischer Sprache.
- " Ee Moment! "
- " An ech wëll och eng! " (Musikinstrument - Trommel)
- " A lass! Allez! "
- " Helder! "
- " Ech soen Joffer! "
- " An du méchs de Mutz! " (Der Prinz setzt der Prinzessin die Krone und sich selbst einen Hut auf.)
- " An elo kënnt de Musik! "
- " Waasser! " (Gieß die Blumen!)
- " Hee Blummen, de Blummen as flores! Maach d'Blummen! " (Der Prinz soll der Prinzessin einen Blumenstrauß überreichen.)
- " Hei! Esou! Waart! " (Ein Kind zeigt dem anderen, was es tun soll.)
- " Huhu, ech sin do! " (ruft die Prinzessin in der Blume.)
- " Anda aqui! Komm heihin! "
- " Elo muss d'Blummen maachen! " (Die Blumenknollen in die Erde pflanzen.)
- " Faz tock, tock, tock! " (Klopfe an die Tür!)
- " Faz asim! " (Mach es so!)
- " Nët du! "
- " Helder, elo roueg! "
- " Nach nët! Elo as de Paus! "
- " Gëf dech d'Hand! "
- " Elo as de Mérisse! " (Rollenwechsel)
- " 't mécht näischt! "
Der Kommentar der Kinder beim Abspielen des Films sollte das ganze Geschehen abschließen.
Während dieses Kommentars erfolgten einzelne ganz spontane Äußerungen auch in ihrer Muttersprache.
Zum ersten Teil, dem Büchervorlesen, äußerten die Kinder spontan ihre Evaluation zu verschiedenen Sprachproduktionen:
- " Firwat huet d'Gabriela nët vill gezielt? "
- " Hat si näischt gewësst? "
- " Hatt wousst nët, wat geschitt war! "
- " Ech hun awer gutt gezielt! "
- " Elo as de Greg zielen! "
- " Elo maacht heen schéin! "
- " Dat war gutt! "
- " De Bruno wëllt alles, alles soen! "
Zum zweiten Teil des Films, dem Rollenspiel, beschränkte sich der Kommentar der Kinder eher auf ihr persönliches Mitwirken und Mitgestalten. Sie zeigten sich stolz und begeistert, wie folgende Ausrufe zeigen:
- " Kuck, ech sin do! "
- " Kuck Joffer! "
- " Joffer, kuck d'Gabriela! "
- " Bruno geet mat iwwer, gell Joffer! "
- " Setzen Bruno! " (rufen sie in den Fernsehapparat hinein.)
- " Ech kréien de Greg an de Bruno, ech kréien zwee! "
- " Hee seet, d'Tania as d'Prinzessin, an dat sin ech! "
- " Gesäis de, ech sin et! "
- " Ech hun esou gemeet a Mirza! "
- " Sabrina mam Greg, ha-ha-ha! "
- " De Greg as nach kleng: Kuck Joffer! "
- " An elo hun ech d'Elisa ugedoen! "
- " Neen, et as d'Patricia! Neen et as d'Elisa! "
- " Do as de Prinzessin gekomm! "
- " Joffer, firwat geséis een dann du nët do? "
- " Et as fäerdeg! "
- " O schon! "
Es stand für mich von vorne herein fest, daß ich keinen vorgegebenen Text sowie kein eingeübtes Theaterstück mit den Kindern nachvollziehen wollte. Die Requisiten stehen den Kindern jeden Tag im Freispiel zur Verfügung (große Kiste mit verschiedenen Kleidungsstücken, etc.), so daß sich diese oder ähnliche Situationen beliebig wiederholen können.
Abschließend möchte ich noch einmal unterstreichen, daß das Rollenspiel alle sehr fesselte. Zieht man weiter in Erwägung, da§ die Beteiligten nur seit einem oder zwei Jahren mit der luxemburgischer Sprache in Kontakt stehen und dies fast ausschließlich in einer Schule, mit einem Ausländeranteil von mehr als 80 Prozent, so kann man das Endprodukt wohl als Erfolg werten.
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