DECOLAP - Äppelchen 2

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Bilderbücher, nur für Kinder?

Im Laufe eines Elternabends in einem Kindergarten der Gemeinde Niederanven, als wir uns über Bücherausleihen unterhielten, kam einem Vater eine Idee, wie wir dieses Projekt ausbauen könnten.

Ich sollte 2-3 Kindern das gleiche Buch mit nach Hause geben, dieses Buch würde mit den Eltern oder/und Geschwistern zusammen erzählt und besprochen werden. Im Kindergarten sollten diese Kinder dann zusammen den Schulfreunden die Geschichte erzählen.

Dies führt dazu, daß zu einem selben Auszug verschiedene Wörter, Ausdrücke und Interpretationen von Kindern vorgebracht werden. Daraus ergeben sich natürlich Möglichkeiten zu Diskussion und Kommunikation.

Ausschnitte aus der Erzählung des Buches FREDERIK von Leo Lionni durch Myriam und Charli.

Beide Kinder sind 6 Jahre alt und luxemburgischer Nationalität.

Myriam wollte, daß ihre Mutter die Geschichte nur einmal auf deutsch vorliest. Charlis Mutter hat ihm die Geschichte auf luxemburgisch erzählt.

Die beiden Kinder beschreiben abwechselnd ein Bild nach dem andern, ihre Kameraden sitzen im Halbkreis vor ihnen und hören zu.

Myriam: Ech fänken un. Bei engem grousse Bam do stounge ganz vill Mauersteng.

Charli: Mauersteng …?

Myriam: Stengmauer … Ëmmer een nom aneren, d'Mais hun elauter Kirschen an Nëss gesammelt, wou de Frederik nët matgemaach huet.

Charli: Hm … do waren se ganz vill Saache sichen.

Myriam: Dat sin Nëss.

Charli: Do haten se Nëss gesammelt, an do haten se de Frederik gefrot: Wëlls du nët mat eppes sammelen? Ech sammele ganz vill Wierder.

Myriam: Frederik, firwat sammelst du nët? Ich sammle ja, ich sammle die Sonnenstrahlen aufzugehn. A jo nach d'Bild weisen. Hut dir et gesin?

Aner Kanner : Jo, neen, jo …

Charli: An dunn haten se een nom aneren de Frederik gefrot: Wëlls du mat d'Nëss erop dron? Neen, ech sammele Faarwe vun de Blummen. An dunn

Myriam: Lo kommen ech!

.......

Charli: An du war de Schnéi komm. An dunn hate se gefrot: Firwat bas du dobaussen? Ech sammele Joreszäiten

Myriam: Neen, dat as nët richteg!

Charli: Dach!

Myriam: Neen!

Charli rosen: Dach!

Myriam: Méng Mamm sot et richteg. Und wie der Winter kam

Aner Kanner: Op lëtzebuergesch!!!!

Myriam: A wéi de Wanter koum, du waren se erëm all an hir Steng gaangen ….

Zum Erzählen vor den Klassenkameraden gehören persönliche Überwindung und Mut. Das Selbstvertrauen der Kinder wird gleichzeitig gestärkt durch diesen «Auftritt» vor den Freunden. Die Voraussetzung ist die Fähigkeit zum kohärenten Erzählen, zum Anknüpfen an vorhergehende Aussagen.

Vielleicht liegt es an diesen Voraussetzungen, daß die Idee zum Erzählen vor Freunden besonders bei den älteren Kindern gut ankommt. Die Kleinen ziehen es vor, ihre Geschichte am Computer (TEO) zu erzählen.

Auch ausländische Kinder können sich so mit der luxemburgischen Sprache auseinandersetzen.

Ricardo, 6 Jahre, leiht sich seit kurzem Bücher aus. Mit diesen Büchern haben wir uns über längere Zeit im Kindergarten beschäftigt, oder er hat sie sich zusammen mit der Erzieherin, die u. a. mit Ausländerkindern arbeitet, angeschaut.

Er will die Geschichten den andern Kindern nicht erzählen. Er hat auch sehr viele Schwierigkeiten, die Geschichte am Computer zu sprechen. Er erzählt jedoch seinem Vater die Bilderbücher aus der Schule auf portugiesisch.

Das Projekt Bücherausleihen, welches sich über das ganze Schuljahr erstreckt, bietet viel Gelegenheit zu sinnvoller Kommunikation, zu Hause, während des Freispiels oder während des Erzählens vor den andern Kindern.

Besonders vielseitig sind die Gespräche der Kinder, wenn sie sich zu zweit oder dritt über ein Bilderbuch unterhalten. Da kommt es des öfteren zu Wortstreitereien. «Neen, dat as falsch, du weess et guer nët, méng Mamm sot esou …"

Den Kindern die Möglichkeit geben, sich Bücher anzuschauen, erzählen zu lassen, darüber zu sprechen und zu streiten, bedeutet sicher auch, Neugierde für das Geschriebene und Leselust wecken.

Daß sich auch Eltern für Kinderbücher interessieren und begeistern können, zeigen diese Aussagen:

«Lo kënne mir och mol eng Kéier déi Bicher kucken, vun deenen de Jeff ëmmer schwätzt.»

«Fir d'Sarah sin d'Billerbicher dat schéinst an der Spillschoul.»

«Ich freue mich jedesmal, wenn Frank ein Buch von Helme Heine oder Leo Lionni mitbringt.»

«Weißt du, ich lese mit meinen Augen, nicht mit meinem Kopf!»

So antwortete Dario, ein Portugiese aus dem ersten Schuljahr, als ich ihn nach dem Inhalt eines eben von ihm gelesenen Textes befragte. Lesen ist eben keine rein technische Angelegenheit, bei der einzelne Buchstabenlautungen zu einer Wortlautung zusammengefügt werden.

Durch die Gestaltung unserer Klassenbibliothek, durch das Bereitstellen einer reichhaltigen Auswahl qualitativ hochwertiger Bücher versuche ich, meinen Schülern den Sinn des Lesens näherzubringen und eine Lesemotivation auf- und auszubauen.

Im Rahmen des Projektes DECOLAP entwickelte sich die Idee, parallel mit Kolleginnen aus der Vorschule in Niederanven (s. Bilderbücher, nur für Kinder …?) einen ähnlichen versuch an unserer Schule, der Brillschule in Esch/Alzette, durchzuführen.

Hier gibt es etwa 850 Kinder in der Vor- und Grundschule. Circa 80% dieser Kinder sind nicht-luxemburgischer Nationalität. Von den 19 Kindern meiner Klasse (erstes und zweites schuljahr) sind 3 Kinder luxemburgischer und 14 Kinder portugiesischer Nationalität. Zwei Kinder stammen aus Ex-Jugoslawien.

Jeden Tag nimmt ein Kind meiner Klasse ein Buch seiner Wahl aus der Bibliothek mit nach Hause, um es zu «lesen». Am folgenden Tag begründet es seine Buchwahl und erzählt «sein Buch» im Sitzkreis.

Eltern, die nicht deutschsprachig sind, können ihren Kindern bei dieser «hausaufgabe» nur zum Teil oder gar nicht helfen. Eine Mutter, die etwas Deutsch kann, gesteht: «Ich habe nicht alle Wörter verstanden.»

Ein anderes Kind sagt vor dem Erzählen, seine Mutter habe ihm das Buch auf Portugiesisch erzählt.

In unserer Klassenbibliothek gibt es auch einige portugiesische Bücher. Allerdings ist es recht schwierig, in Luxemburg an portugiesische Kinderliteratur zu gelangen: Die Auswahl ist klein, und es fehlt mir persönlich an genügender Sprachkenntnis, um diese Bücher aufgrund des Textes einschätzen zu können.

Durch das DECOLAP-Projekt angeregt, wollen wir verstärkt Erzählkreise anbieten, wo die Großen aus der Untergradklasse den Kleinen aus der Vorschule Bücher erzählen sollen.

Besonders wollen wir auch versuchen, die Eltern in das Erzählen und Vorlesen einzubeziehen. Ein Potential, von dem bisher allgemein angenommen wurde, daß es aufgrund der sozialen und sprachlichen Situation kaum vorhanden oder kaum aktivierbar sei.

Die positiven Erfahrungen in Niederanven regen uns an, auf eine Entdeckungsfahrt nach dieser pädagogischen und menschlichen Ressource zu gehen.

Kevin (6 Jahre, Portugiese, Esch-Brill) erzählt den anderen Kindern seiner Klasse im Erzählkreis die Geschichte FREDERIK von Leo Lionni

Kevin: Frederik. Do war eng grousse, grousse Wiss. A Blummen. E puer Pärten an Kuhe.

Andy: Keng Kou.

Kevin bestimmt : Dach!1

Lehrer: A wat war nach an der Wiss?

Kevin : Eine grousse, grousse, ale Mauer! An dise Mauer si sin eine Familie. Si schaffe nëmmen, awer Frederik schafft näischt. Si schaffe nach ëmmer, nach ëmmer, awer Frederik schafft nach ëmmer näischt. Soen si Frederik: Frederik, schaffst du nicht? Dach, ich … ich schaff!

Lehrer: Jo, a wat schafft en?

Kevin: Sonnestrahlen!

Lehrer: E sammelt Sonnestrahlen!

Kevin: Sammelt Sonnestrahlen. Si schaffe nach ëmmer, nach ëmmer. Si schaffe nach ëmmer. Soen si: Frederik, schaffst du nicht? Dach ich schaffen. Ich sammelen Farber. Si schaffen nach ëmmer. Frederik! Was schaffs du? Ich sammelen Wörter. Elo kënnt Schnéi, di éischten Schnéi. Di éischte Schnéi kënnt et. Di gi ënnert die Steine. Si hu nach vill ze vill Iessen. Di véier Maiser iessen, mee nët de Frederik. Hi ësst guer näischt.

Selma: Heen nëmme schléift.2

Kevin: Si hu bal bal näischt ze iessen. Si stin op einer … Zwee Maiser stin op einer Stein. Si schwätzen näischt méi. Si soen: Wat machen deine Wörter, Frederik. Machen ihre Augen zu. Si … heen et e bëssen Sonn gin. Si … si waren e bëssen méi kal … mi waarm gin. Si träumt, wat Frederik huet … a wat Frederik huet gesammelt. Wat gesammelt oder wat Zauber. Si … Frederik huet ge … de … gezielt. De Geschicht gezielet.

Lehrer: An de Frederik huet hinnen d'Geschicht gezielt. Weess du d'Geschicht nach?

Kevin: E bëssen.

Lehrer: Gutt. Dann erziel eis, wat s de nach weess!

Kevin: Si hu nach … de Frederik huet … heen huet gezielt vun déi schéine Blumme, vun de Sonn, a vun déi Wörter. Awer déi véier Maiser - déi heiten (zeigt mit dem Finger) si hu Pantoffel.

Lehrer: Si hu Pantoffeln?3

Kevin: Jo, steet do! Een waart frou. Een huet op sech op e Steen, well een war frou. Weider. Sou huet lo kee méi.4

1 Im Original: «Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten, stand eine alte, alte Mauer.»

2 Frederiks Augen sind geschlossen.

3 Im Original: «Pantoffeln braucht die Wintermaus für ihre kalten Füße.»

4 Ich soll das letzte Blatt umdrehen. Kevin will sagen, daß die Geschichte fertig ist. Die folgende Zeichnung entstand, nachdem Kevin ( erstes Schuljahr ) die Geschicht FREDERIK in der Vorschule erzählt hatte.

Pollys Pisspott: Was Bücher alles bewirken

Fragmente eines Schulalltags

Wenn ich morgens in meine Klasse (1. Schuljahr) eintrat, besonders am Anfang des Schuljahres, saß Helgi (er war zwei Wochen vor Schulbeginn aus Island nach Luxemburg gekommen; sprachlich konnte er sich nur auf Isländisch verständigen) in der Leseecke und verschanzte sich hinter einem Buch. Hier konnte er bestimmt manches Liebgewonnene oder Vertraute wiederfinden, was im Klassenraum und in seiner neuen Welt nicht unbedingt der Fall war.

Wenn ich in meiner Klasse die Kinder fragte, wer Lust auf eine Geschichte hätte, sagte Helgi meistens nein. Dennoch kam er zögernd hinter seiner Bank hervor und schlich sich fast unbemerkt an die Kinder heran, die schon alle voller Erwartung, Neugier und Wißbegierde auf die Welt da warteten, die sich gleich vor ihnen öffnen würde.

Jean-Luc antwortete nicht auf meine Frage, vergaß sich und seine Umwelt, sah sich schon wieder als Pirat von Insel zu Insel segeln und neue Schätze und Abenteuer entdecken. Doch bei dem Ausruf: «Wer möchte mit mir ein Buch lesen?», war er der erste, der aufmerkte und sich voller Spannung dorthin setzte, wo die Sitzung stattfinden sollte.

«L'intérêt présent; voilà le grand mobile, le seul qui mène sûrement et loin.» (Jean-Jacques Rousseau)

«… l'ère des contes s'ouvre. Il exige la suite et la répétition des merveilles; il est un public impitoyable et excellent.» (Paul Valéry)

Mehrmals pro Woche setzen wir uns zum Erzählen, Vorlesen und Gespräch zusammen. Die Kinder scheinen offensichtliches Interesse an dem Dargebotenen zu haben: obwohl die Teilnahme den Kindern freisteht, beteiligen sich alle ausnahmslos mit großer Regelmäßigkeit daran, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, vorher Gelesenes oder Gehörtes, Besprochenes weiterzuverarbeiten. Sie hören immer wieder gerne zu. Vieles kann nicht oft genug wiederholt und vorgelesen, erzählt und berichtet werden.

Für die einen ist es eine Gelegenheit, Erlebtes preiszugeben, für andere ist es einfach die Freude am Zuhören, am Reden und Sich-Mitteilen, für andere wieder ist es die Gelegenheit, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und Ängste zu überwinden.

So erging es auch mit dem Buch Pollys Pisspott oder Die Suche nach dem Königlichen Nachtgeschirr von Tony Ross. Die Begeisterung der Schüler wollte nicht nachlassen. Viele sputeten sich, andere Aufgaben zu erledigen, um die eben gehörte Geschichte weiterzuverarbeiten. Es fiel ihnen auch diesmal nicht

schwer, die Geschichten in anderen Medien zu verarbeiten.

Wenn sie Gelegenheit haben, etwas am Computer zu schreiben oder zu erzählen, so ist das Buch Anlaß genug, eine neue oder ähnliche Geschichte selbst zu verfassen. Auch möchten einige den anderen Kindern die Geschichte vortragen oder Tage später neu erzählen, um sie sich und den andern ins Gedächtnis zurückzurufen. Selbstverständlich malen manche auch die ganze Geschichte oder halten einzelne Szenen in Bildern fest.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das Interesse der Kinder an den Büchern immer wieder zu unterstützen. Deshalb versuche ich, im Laufe des Schuljahres durch neue oder wiederentdeckte Bücher die Kinder zu weiteren «Aufgaben» anzuspornen. Irgend jemand wird wieder einmal besonderen Gefallen an einer Geschichte finden und sich und seine eigene Welt damit identifizieren oder besser verstehen können. Anhand des Erzählten und Erlebten wächst sein Vertrauen, offener, frei von der Seele zu reden oder eben neue faszinierende Geschichten zu entwerfen.

Jeanne Nour El Din-Letsch

Primärschullehrerin in Walferdingen


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