DECOLAP - Äppelchen 1

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Bilderbuch "Flum, Flo und Pascha"

Man schätzt eine Wirklichkeit nur, wenn man sie durch eine andere filtert. Nur wenn sie in eine andere übergeht. Deshalb entdeckt das Kind die Welt durch die literarischen oder legendenhaften oder jedenfalls formalen Umgestaltungen. Deshalb "ist das Wesen der Dichtung das Bild".

Cesare Pavese

Despite the fact that I don't write with children in mind, I long ago discovered that they make the best audience. They certainly make the best critics. They are more candid and to the point than professional critics. Of course, almost anybody is. But when children love your book, it's "I love your book, thank you, I want to marry you when I grow up." Or it's "Dear Mr. Sendak: I hate your book. Hope you die soon. Cordially."

Maurice Sendak

Das Bilderbuch "Flum, Flo und Pascha" erzählt die Geschichte von drei Katzen, aber lassen wir Mike, Anna, Sabrina und die anderen Kinder aus dem ersten Schuljahr in Walferdingen das Buch resümieren:

Mike: Drei Katzen sitzen auf einem Baum; ein mit ... ein ... blauen Augen ... Die Fische, die Goldfische, die drei Goldfische zu sehen.

Anderes Kind: ... zu schauen.

Mike: ... zu schauen. Mit der Mund auf. Der Katze springt im Wasser ... äh.


Andere Kinder: ... und die Fische schwimmen weg.

Mike: ... und die Fische schwimme weg. Und dann die andere zwei sind da unten, und sie auch mit springen. Und dann die Fische, und dann kommen die Fischen oben in den Baum, und die Katzen sind im Wasser der Fischen.

Anna: 'den Fischen' möchte er sagen.

Lehrerin: Weshalb?

Anna: Weil die Katzen ... es ist den Fischen ihr Wasser ... Den Katzen gehört der Baum und den Fischen das Wasser.

[kleine Pause, niemand redet]

Lehrerin: Wer möchte auch erzählen?

Sabrina: Es waren einmal drei Katze. Einer habt Flum geheißt, eine Floh, und eine Pascha. Und dann waren sie einmal hin auf den Baum, auf ein Baum, und dann ... und dann ...
Einer hat gelbe Augen, einer grüne und einer blaue.
Sie wollten sie die Fische essen, waren ein schon ins Wasser gesprungen. Dann die andere zwei wollte auch ins Wasser springen. Haben sie gespringen. Dann wollten sie die Fische essen, und dann krut er die Fische nicht. Dann waren die Fischen auf dem Baum und die Katzen im Wasser. Und dann ...

Mike: Ich weiß noch was.

Anna: Und die Fische sind in den Himmel geflogen.

Mike: Die Fische. Bei der Fische gehört Wasser, zu der Fischen und der Katze gehört sie den Baum.

Lehrerin: Die Katzen gehören auf den Baum und ...

Einige Kinder: ... die Fische gehören ins Meer ...

Andere Kinder: ... ins Wasser.

Lehrerin: Sind die Fische nicht ... auf dem Baum? [zeigt aufs Bild im Buch]

Anna: Nein, sie sind nicht gut.

Lehrerin: Habt ihr noch nie Fische auf einem Baum gesehen?

Kinder: [durcheinander]

Doch ... ich doch ... da sterben sie ... ja, wirklich, weil sie kein Wasser haben ... sie trocknen aus.

Anna: ... und ... sie stinken.

[Gelächter]

Anna: Oder es kommt eine Spleiter hier in das Herz ... eine Splitter ... ein Splitter? Und dann sind sie tot.

Kind: Ach so.

Kind: Wie kommt die Spleiter ins Herz da rein?

Kind: Weil die scharf ist, und die ist auf dem Baum.

Kind: Wer ist scharf?

Anna: Die Splitter. Aah! ... Die Baumrinde.

Mike: Die kommen immer ganz oben. Wenn einer ist ganz oben, die picken sich immer.

Kinder: ... die Katzen und ... die Fischen.

Lehrerin: Nicht Fischen, die FISCHE!

Jean-Luc: Also, zwou Saachen sin et, déi ech soe muss: also a Kanada, wou de Jong erofgefall war ...
[déi Geschicht vum Jong, dee vum Waasserfall vun uewen erofgefall war, krute mier just den Dag virdrun erzielt]
du hun sech e puer ëmmer un e Faass ugestréckt mat den Äerm a mat de Been. Da si se do an d'Waasser gaang. An dann falen se do erof. Si hu jhust opgehalen, wéi si bis e Protokoll kruten. An ... bei deem een haten si jhust den Aarm um Faass font. ... Dout ... hm!
[de Jean-Luc zuckt e bësschen mat de Schëlleren]

Anna: War das ein Skelett?

Jean-Luc: Nur den Arm. Der Rest war nicht mehr da.

Mike: Das Mensch war tot.

Lehrerin: Der Mensch.

Kinder: [jede und jeder, großes Durcheinander]
Vielleicht war er nicht tot.
Vielleicht lag er woanders ohne seinen Arm.

Michelle: [sehr ruhig, sehr leise, doch jeder ist still]
Ein Außerirdischer.

[es klingelt zur großen Pause]

Jeff: Drei Katzen. Vierte ist schon fort.

Anna: Weil sie keine Fische bekommen hatte.

Carmen: Die drei Katzen und die drei Katzen hm haben ... Eine hat blaue Augen, eine hat grüne und eine hm ... weiße ...

Andere Kinder: gelb, gelbe, ...

Carmen: ... hm gelbe. Eine Katze hat auf dem Rücken schwarz und hier hm... weiß. Die andere Katze hat hm hinten und ein bißchen vorne schwarz und hier weiß.

[Pause. Überlegen.]

Lehrerin: [da ein Kind sehr, sehr leise spricht] Ich verstehe nicht.

Sandra: Eng Kaz hält d'Hand an de Monn.

Lehrerin: Ja. Das hatte noch niemand bemerkt: die zweite Katze nimmt die Pfote in den Mund.

Marilène: Die andere hat die Ohren so kromm.

Sabrina: Eine habt eine Bauch, die ist weiß, bis hier, bis dem Gesicht.

Mike: Jetzt das Schwarze im Gesicht wie Batman ... wie ein Pirat.

Jeff: Eine Katze, Pasch ... hm kuckt nach unten, und er will einen Fisch fangen.

Andere Kinder: Vielleicht will er damit spielen.

Lehrerin: Ja, Sabrina.

Sabrina: Da sind drei Fischen.

Lehrerin: Drei Fische. Jean-Luc!

Sabrina: ... hm!

Jean-Luc: Dat kanns du dir einfach nët virstellen. ... e richtegt Gewier. ... an eng Kanoun am ...

Sandra: Zwei Fische ... drei Fische und drei Katzen.

Carmen: Mäi Papp, deen as eng Kéier fësche gaangen mat méngem Brudder. Si hun ... Deen aneren Dag virdrun as hien Wierm kafe gaang fir een, dass d'Fësch, em, Fësch upake, sollen drugoen. Duerno huet mäi Papp se an de Frigo geluet. Du wollt méng Mamm en Apel aus dem Frigo huelen. Wéi si d'Wierm gesin huet, du ekelt si sech. Dun huet si gesot [Ausruff, betraff]: "Wat hues du dann do gemat?"

Marilène: Déi eng sëtzt um Aascht mat den Äermen no ...

Lehrerin: ... mit den ...

Andere Kinder: Pfoten nach vorne.

Lehrerin: mit den Pfoten ...

Anna: mit den Tatzen.

Jeff: [sehr leise]

Die möchten sich immer einen ... Sie können sich nicht mit den Krallen festhalten, und sie

fallen dann runter. Sie fangen die Fische. Aber die Fischen

schwimmen fort.

Lehrerin: Nicht: die Fischen, sondern die Fische!

Jeff: ... die Fische, auf den Baum ...

Carmen: Da sind ja drei Fische, und ein Fisch hat andere Augen wie die anderen. [kommt und zeigt auf dem Bild]

Lehrerin: Hast du gut beobachtet!

Sabrina: Und da sehen die drei Fischen Katzen.

Anna: Wenn die runterspringen, werden sie vielleicht gefangen.

Marilène: Die Katze hat die Krallen raus.

Anderes Kind: ... die Krallen rausgelassen, weil sie zugreifen möchte.

Sandra: Sie bücken sich. Eine hat die Augen zu. Sie sehen jetzt gleich aus.

Sabrina und Marilène: Sie sind ins Wasser gefallen. Die Fische laufen fort.

Lehrerin: Die Fische laufen nicht fort, sie ...

Andere Kinder: ... schwimmen fort, weg, auseinander.
Die Katze ist nicht ins Wasser gefallen, sie ...
... gesprungen. Die Katze ist gesprungen.
Die Katze ist doch runtergefallen.
Da geht's rund.
Ja, wenn man ins Wasser springt, dann geht es so rund.

Jeff: Das nennt man ein Strudel.

Lehrerin: Marilène.

Anna: Wenn man da reingerät, dann kommt man nie mehr raus da. ... Kann manchmal passieren.

Kinder: Die anderen zwei kucken zu.

Die anderen zwei sind zusammengesprungen.

Ein einfaches Bilderbuch ohne Text ermöglicht den Kindern zu erzählen, zu sprechen und zuzuhören.

"Flum, Flo und Pascha" bietet einen sinnvollen und bedeutungstragenden Kontext, in dem die Kinder lernen können. Sprache erlaubt dabei den Kindern, sich mit mannigfaltigen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Natürlich können Bilderbücher besonders im Sprachlernprozeß innerhalb der Schule eine herausragende Rolle spielen.

Wir können beobachten, wie Sprache sich bei Kindern anbahnt. So haben beim Einsatz des Bilderbuches "Flum, Flo und Pascha" im Kindergarten von Niederanven einzelne Kinder ihre Aussagen zu den Bildern mit Handbewegungen begleitet. Der Sprung der Katzen ins Wasser wurde durch Zeigen nachempfunden. Der faszinierende Strudel, in dem die Katzen versinken, wurde ebenfalls mit der Hand nachgezogen. Diese Gesten bereiten oftmals sprachliche Äußerungen vor oder begleiten sie. Sie deuten ebenfalls die enge emotionale Bindung der Kinder an den Inhalt der Geschichte an.

Das Transkript aus dem ersten Schuljahr gibt einen Einblick in die Reichhaltigkeit einer Spracharbeit, die auf dem tätigen Umgang mit guter Kinderliteratur beruht.

Die Besprechung der großflächigen Bilder läßt Raum für eingehende Beobachtungen, welche ansatzlos in die Schilderung eigener Erfahrungen und Phantasien münden. Jean-Lucs und Carmens Beiträge verdeutlichen dies. Wie selbstverständlich greifen die Kinder bei solchen gefühlsbetonten Beiträgen auf ihre Muttersprache zurück. Dieselben Strategien finden wir im Kindergarten:

Kind A: Die Katze will kucken, ob sie ein Fisch kriegt.

Kind B: Platsch! Lo fällt en an d'Waasser!

Kind C: O je! Si as dragesprongen, an elo erdrénkt se gläich!

Kind D: Il est tombé dans l'eau, il a peur, il va se noyer!

Und bei einem anderen Bild:

Kind A: Hoo! Lo as d'Kaz dout oder wéi?

Kind B: Blubb, blubb, blubb ... lo as se ënnergaang!

Kind C: Da sind Runde, weil die Katze dreingesprungen ist.

Kind D: Il est tombé dans le grand trou, il s'est fait mal.

Später:

Kind A: Flatsch! A voll ënner!

Kind B: Do as de Schwanz!

Kind C: Gluck, gluck, o je!

Kind D: Ils sont allés dans l'eau pour l'aider, pour le rejoindre.

Immer wieder werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion abgesteckt.

With the help of fantasies, tall tales, fairy tales, and topsy-turvies of every type, children confirm their realistic orientation to actuality.

Kornëi Chukovsky

(...) fantasy cannot be completely divorced from what is real; (...) fantasy heightens and contributes new insights into that reality. (...) Fantasy rooted in the living fact: (...) no story is worth the writing, no picture worth the making, if it is not a work of imagination. (...) Fantasy is all-pervasive in a child's life. I believe there's no part of our lives - our adult as well as child life - when we're not fantasizing, but we prefer to relegate fantasy to children, as though it were some tomfoolery only fit for the immature minds of the young. Children do live in fantasy and reality, in a way we no longer remember. They have a cool sense of the logic of illogic, and they shift very easily from one sphere to another.

Maurice Sendak

Jean-Lucs Schilderung der Wasserfallgeschichte kontrastiert mit konkreten, sachbezogenen Aussagen anderer Kinder:

Kindergarten:

Lo verdréchnen se [= d'Fësch], an si sin dout!

Si droen en [= d'Kaz] op de Bam, fir dass d'Waasser erofleeft, wéi eng Wäschléngt!

erstes Schuljahr:

Den Katzen gehört der Baum und den Fischen das Wasser.

... da sterben sie ... ja, wirklich, weil sie kein Wasser haben, ... sie trocknen aus.

Oder es kommt eine Spleiter hier in das Herz ... eine Splitter ... ein Splitter? Und dann sind sie tot.

Katzen können sehr hoch runterfallen. Das hat mir mein Vater erklärt. Ihr Schwanz ist dann so wie ein Propeller. Der dreht sich andauernd, wenn sie runterfallen, und so landen die ordentlich auf dem Boden.

Ich weiß, was die Katzen so alles fressen, weil ich habe Katzen zu Hause.

E sëtzt sou ... wéi eng Kanéngchen, déi sëtzt och esou.

Und doch taucht daraufhin ein Außerirdischer in der Phantasie der Kinder auf! Dieses Alternieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion erlaubt den Kindern, die Grenzen der Realität abzustecken und die Möglichkeiten der Fiktion zu nutzen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie eine fiktive Geschichte es den Kindern erlaubt, detailgetreue, reale Sachverhalte zu schildern. Darüber hinaus eröffnet die Geschichte der Phantasie neue Freiräume.

Sehr eindrucksvoll kommen solche Tendenzen beim Besprechen der Titelseite im ersten Schuljahr zum Ausdruck:

Steve: Drei Katzen sitzen dort auf dem Ast. Jedoch hat sich auch vorher eine vierte Katze da befunden.

Frage: Wo ist die hin?

Steve: Die ist schon weg und erlebt ein anderes Abenteuer.

Steve ist von dieser Möglichkeit so bewegt, daß er zwei Tage später dieses Abenteuer der vierten Katze mit Anna und Jean-Luc zusammen auf dem Computer mit Hilfe des Programmes TEO aufnimmt, selbst wenn die anderen Kinder die Existenz einer vierten Katze stark in Zweifel ziehen.

Ein Bilderbuch, welches eine Geschichte nur mit Bildern erzählt, erinnert die Kinder natürlich an Comics und andere Medien, die in ihrem Leben eine große Rolle spielen. Immer wieder klingen Bezüge zu Medien an:

Steve: Die vierte Katze ist weggeflogen. Das sind Superkatzen.

Mike: Jetzt das Schwarze im Gesicht wie Batman ... wie ein Pirat.

Kinder greifen solche Elemente auf und verwandeln sie auf ihre eigene Weise. So gestalten sie mit Hilfe von Medien wie TEO eigene Geschichten oder zeichnen sie wie einen Comicstrip. Während dieser kreativen Arbeit entstehen natürlich wiederum Freiräume für angeregte Gespräche.

Kinder spielen auch gerne solche Episoden nach, denn es gibt eindeutige Parallelen zwischen Spiel und Fiktion.

Imagination is play without action.

L. S. Vygotsky

"Where the Wild Things" Are was not meant to please everybody - only children. A letter from a seven-year-old boy encourages me to think that I have reached children as I had hoped. He wrote : "How much does it cost to get to where the wild things are? If it is not to expensive my sister and I want to spend the summer there. Please answer soon." I did not answer that question, for I have no doubt that sooner or later they will find their way, free of charge.

Maurice Sendak

Das Dekodieren der Bilder bedarf zum großen Teil derselben Strategien wie das Dekodieren von Text. Das aufmerksame Betrachten von Details, welche unabdingbar sind, um das Geschehen zu deuten und zu verstehen, kann in Beziehung gesetzt werden zur notwendigen Konzentration beim späteren Lesen von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und Texten:

Der Schwanz der Katzen: einer hängt gerade runter, der eine ist ein wenig nach links, rechts gebogen, der andere hängt wieder fast gerade runter.

Si probéiere, mam Schwanz ze fëschen.

Di do huet d'Zänn, kuck.

Si sin traureg. (Kindergarten)

Einer hat gelbe Augen, einer grüne und einer blaue.

Eine hat blaue Augen, eine hat grüne und eine hm weiße ... gelb, gelbe, ... hm gelbe. Eine Katze hat auf dem Rücken schwarz und hier hm weiß. Die andere Katze hat hm hinten und ein bißchen vorne schwarz und hier weiß.

Eng Kaz hëlt d'Hand an de Monn.

Die andere hat die Ohren so kromm.

Eine habt eine Bauch, die ist weiß, bis hier, bis dem Gesicht.

Die Katze hat die Krallen raus.

... die Krallen rausgelassen, weil sie zugreifen möchte.

Sie bücken sich. Eine hat die Augen zu. Sie sehen jetzt gleich aus.

Die anderen zwei kucken zu.

Die anderen zwei sind zusammengesprungen.

Als Erwachsene haben wir beim Betrachten eines Bilderbuches meistens die Tendenz, den Textteil zu sehen und zu lesen, um etwas über die Geschichte zu erfahren. Kinder dagegen stützen sich am Anfang primär auf die Bilder. Für sie kann Lesen mit Beobachten gleichgesetzt werden.

Durch das genaue Beobachten der Bilder machen die Schüler erste eigene Erfahrungen mit dem "Lesen". Immer wieder fordern die eindrucksvollen Bilder die Kinder dazu auf, sich Gedanken über den Fortgang und über den Inhalt der Geschichte zu machen. Die für den Leseprozeß sehr wichtigen Strategien des Vorausschauens (antizipieren), des Spekulierens und des Bestätigens anhand des Inhaltes (verifizieren) werden so eingeübt, ohne daß das eigentliche Lesen begonnen hat:

Lo gin déi aner och bestëmmt eran! (Kindergarten)

Beim Betrachten des Buchdeckels im ersten Schuljahr:

Die Katzen werden runterspringen.

Die können nicht. Du weißt ja gar nicht, was sich da unten befindet, was da los ist.

Die möchten Mäuse fangen.

Stimmt nicht. Die sitzen auf dem Baum, also fressen die Vögel.

Katzen fressen auch Fische, wußtet ihr das noch nicht?

Die werden da runterfallen und sich den Hals brechen.

Man kann doch nicht von so einem hohen Ast runterspringen. Das ist unmöglich.

Eine Schülerin im ersten Schuljahr stellt fest, daß die Geschichte tatsächlich so verläuft, wie sie es sich vorher mittels des Deckelbildes vorgestellt hat: die Katzen sitzen über dem Wasser, und sie fangen Fische.

The very lack of text means that a picture book is rich in narrative spaces that must be filled in by the reader.

Marian R. Whitehead

Eine solche technische Sichtweise des Leseprozesses darf uns nicht vergessen lassen, daß das Betrachten und später auch das Lesen eines Bilderbuches sich in einem komplexen Netzwerk der Gefühle abspielt. Antizipation ist nur ein Element, welches zusammen mit Ungeduld, Erleichterung, Enttäuschung, Freude und anderen unbestimmten Gefühlen an der Auflösung der Geschichte beteiligt ist.

So führen Bilderbücher ohne Text zum ersten Kontakt mit Literatur und regen zum Lesen an. Sie zeigen, daß sich zwischen Buchdeckeln chronologisch eine Geschichte entwickelt, wie diese Geschichte beginnt und zu einem Abschluß findet.

Der Deckel bietet erste Aufschlüsse über den Autor und den Inhalt. Es wird klar, daß hier jemand es für wertvoll genug findet, einem Leser eine Geschichte zu erzählen.

Der Titel läßt erste Vermutungen über den Inhalt aufkommen.

Flum, Flo und Pascha, die Namen der drei Katzen verfehlen nicht ihren Einfluß auf die Phantasie der Kinder. Namen sind Bedeutungsträger, und in ihnen verdichten sich unsere Erfahrungen:

Dat do as de Pascha, well deen e bësse méi no hanne läit.

Ech gif mengen, dat do wär de Flo. E sëtzt sou ... wéi eng Kanéngchen, déi sëtzt och esou. (Kindergarten)

Im ersten Schuljahr schreibt die Lehrerin die Namen der Katzen an die Tafel; spontan äußern sich die Kinder:

Pascha ist ein Mann, der in der Straße schläft, einer, der Geld klaut. Die Lehrerin erklärt den Kindern, daß Pascha eine ganz andere Bedeutung hat. Sabrina meldet sich seit geraumer Zeit und stellt fest, daß sie ganz genau weiß, wo der Name Flo geschrieben steht. Sie zeigt der Lehrerin den Namen an der Tafel. Wieso weiß Sabrina das so genau? Sie hat eine kleine Schwester, die Floriana heißt, und dieser Name beginnt genauso wie Flo, der Name einer unserer Katzen.

Durch Kommunikation und Dialog über die Geschichte des Bilderbuches treten die Kinder gemeinsam in die Welt der Schrift ein, auch wenn das Buch selbst wenig mit Text und mit Lesenlernen zu tun haben scheint. Der Ausruf eines Schülers aus dem Kindergarten am - überraschenden - Ende des Bilderbuches spricht Bände:

A firwat steet do näischt dobäi!

In unserem Fall machen die Bilder neugierig auf einen Text. Die Kinder erfahren und spüren, daß im Text etwas "Mehr" oder etwas "Anderes" ausgesagt werden kann. Der Text kann eine alternative Erzählung zu den Bildern darstellen oder diese ergänzen und erläutern. Besser kann der symbolische Charakter einer Schriftsprache den Kindern nicht nahegebracht werden.

Ce fut ma mère qui m'apprit à lire, puisqu'il fallait bien y passer. Avec un alphabet, bien sûr, mais surtout avec L'oiseau bleu, avec La Belle et la Bête et La Belle aux cheveux d'or, avec Le Petit Tailleur, Les Musiciens de la Ville de Brême.

Jacques Prévert

Es verwundert in diesem Zusammenhang auch nicht, wenn ein Mädchen aus dem Kindergarten in einer Zeichnung die Ziffer '1' benutzt, um anzudeuten, daß nur eine Katze zuerst ins Wasser gesprungen ist.

Über das Zeichnen, über das Reproduzieren einzelner Bilder und Episoden aus dem Buch, über die Gestaltung von eigenen Comics und über das Aufnehmen von mündlichen Geschichten zu dem Bilderbuch finden die Kinder einen autonomen Einstieg in das Wesen der Schriftsprache. Durch ihre eigenen Produkte befinden sie sich auf dem Weg zum erzählerischen Schreiben.

Bilderbücher ermuntern zum eigenen Schreiben, da sie nicht an einen reduktiven Wortschatz gebunden sind, wie es in Fibeln allzuoft der Fall ist, und weil sie die Konventionen, Strukturen und Organisation der Schriftsprache exemplarisch darbieten. Sie verdeutlichen ebenfalls die unwahrscheinlichen Variationen von Schriftsprache.

Die Individualität eines jeden Autors kommt in der Verbindung von Form und

Inhalt zum Ausdruck.

Wenn in der Schule Kinder ihre eigenen Bücher zeichnen und schreiben und gegebenenfalls ihre Versionen mit denen professioneller Autoren vergleichen, so bedeutet dies eine wertvolle Erfahrung im Umgang mit Schriftsprache.

Der Schule kommt durch die Organisation eines lesefördernden Umfeldes eine besonders große Verantwortung in diesem Bereich zu:

- gehört das Betrachten und Lesen von Bilderbüchern zur institutionnellen

Organisation in der Klasse und in der Schule?

- geschieht Lesen nicht nur in der individuellen Sphäre, sondern führt es zum Kontakt mit anderen, zu einer Vorstellung des Gelesenen oder zu einer anschließenden Weiterverarbeitung?

- führt die Beschäftigung mit Bilderbüchern über den Kontext der Klasse und der Schule hinaus, durch Kontakt mit Eltern, Bücherei, Buchhandlung, Autoren, ...?

- fördert die materielle Organisation des Klassenzimmers die Beschäftigung mit und die Kommunikation um Kinderliteratur?

Bilderbücher bieten einen Kontext, der es erlaubt, die Erzählfähigkeit, das Hörverständnis, Lesen (Textrezeption), Schreiben (Textproduktion) in Kombination mit künstlerischer Gestaltung in einem integrativen Rahmen zu behandeln.

Die Kinder des Kindergartens von Niederanven und des ersten Schuljahres von Walferdingen bestätigen durch ihre Kreationen auf eindrucksvolle Art und Weise die Worte der mit dem "Hans-Christian-Andersen-Preis" ausgezeichneten Bilderbuchautorin Kveta Pacovská: Ein Bilderbuch ist die erste Galerie, die ein Kind besucht.

Martine Geib, Gérard Gretsch, Jeanne Nour El Din-Letsch


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