DECOLAP - Äppelchen 3 |
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Was erlebt ein Osterhase beim Eierfärben? Woher bekommt er überhaupt Eier? Was geschieht, wenn ihm diese plötzlich ausgehen? Wen beschenkt er?
Diese und ähnlich wichtige Fragen stellten sich meine
Schüler Ende März, in der nun beginnenden "
Osterhasenzeit " . Im Klassensaal tauchten immer mehr Bücher, Zeichnungen und kleine Bastelarbeiten auf, die deutlich das Interesse an diesem Thema verrieten.
Die erste selbstgeschriebene Geschichte las uns Manon am 27. März vor. Sie fand sehr großen Anklang. Die Thematik war noch neu, spannend und interessant.
Am folgenden Tag brachte ein Kind ein Osterbuch mit. Drei andere lasen uns vor, was sie zu Hause über den berühmten Hasen geschrieben hatten.
Während der Freiarbeit begannen die Schüler, die Texte der andern zu lesen und selbst welche zu schreiben. So wurden in der Zeitspanne vom 27. März bis zum 3. April mehr als dreißig Geschichten geschrieben.
Beim genauen Lesen der Geschichten wurde mir wieder einmal deutlich, wie sehr die Schüler sich beim Schreiben an der Sprache anderer orientieren - sei es die von Schriftstellern oder die ihrer Mitschüler. Sie nehmen Elemente, die ihnen gut gefallen, in ihre eigene Sprache auf und verarbeiten sie. Dies können einzelne Wörter, Ausdrücke oder Ideen sein, aber auch ganze Satz- und Textstrukturen.
In diesem Artikel möchte ich anhand einiger kleiner Geschichten aufzeigen, wie Kinder die Sprache anderer erleben, aufnehmen und weiterverarbeiten. Diese Art des Sprachenlernens ist aber nur möglich, wenn Kinder in der Schule die Gelegenheit zur Kommunikation haben. Bevor ich Beispiele aus den " Osterhasengeschichten " gebe, möchte ich zuerst umreißen, wie letztere entstanden sind.
Die Kinder hatten in der Schule reichlich Gelegenheit, die ausgestellten Bücher durchzusehen und die kleinen Aufsätze ihrer Freunde zu lesen. Einige Schüler wollten sofort eine eigene Geschichte produzieren, andere lasen zuerst einige Texte, diskutierten darüber und schrieben ein paar Tage später.
Brauchte jemand Hilfe, so konnte er auf seine Kameraden zurückgreifen.
Einander helfen konnte z.B. darin bestehen, beim Nachbarn die Orthographie eines Wortes nachzufragen. Um weitere Ideen zu gewinnen, lasen andere Schüler zwischendurch wieder einige Geschichten ihrer Freunde oder sahen sich Bücher und Bilder an. Die neuen Informationen wurden anschließend in den eigenen Aufsätzen mitverarbeitet.
Gemeinsam schreiben war ebenfalls möglich, davon profitierten vier Schüler. Je zwei Schüler setzten sich zusammen an einen Tisch und tauschten erste Ideen aus. Jeder schrieb seine Geschichte auf ein Blatt. Ich erwartete mir also die gleiche Geschichte von den Partnern. Dem war aber nicht so. Während der Verarbeitung tauchten viele verschiedene Ideen auf, die angenommen oder verworfen wurden. So ergab es sich auf einmal, daß jedes Kind seine eigene Geschichte weiterentwickelte.
Die so entstandenen Texte waren keinesfalls identisch. Zwei
Geschichten handelten von einer Osterhasenverkäuferin. Der
Vergleich zeigt, daß sie mit Ausnahme des Titels und der "
Personen " - beschreibung nichts gemeinsam haben. Die beiden andern Geschichten ähnelten sich im Aufbau, jedoch nicht in der Story. Was dem Osterhasen in jeder Etappe widerfuhr, war zweimal verschieden.
Gemeinsam schreiben heißt also nicht abschreiben.
Hatte ein Kind seinen Text beendet, so hängte es ihn an unsere
Geschichtenwand. Er war nun in einer ersten Etappe "
veröffentlicht ". Andere Schüler konnten ihn jederzeit herunternehmen und lesen. Meistens nahmen die Kinder ein paar Geschichten mit in die Leseecke und lasen sie dort gemeinsam. Beim Lesen allein sollte es aber nie bleiben. Die Texte regten auch zu diesbezüglichen Diskussionen an. Hier einige Beispiele:
" Wat as dat? Hei steet: gebunkelte Eier? "
" Wou? (sucht) Ah, do. Also ... Er hat gestreifte Eier. Er hat gebunkelte Eier.
Hatt mengt Eër mat Punkten. "
" Gebunkelt: Ewéi komesch! As dat richteg? "
" Mir froen henno. Komm mir liesen weider! "
" Schtein ... So, Stein kritt dach e [st].
Joffer, hat huet Stein falsch geschriwwen. Stein kritt e [st]. "
" Gutt, mee so mir dat nët. So deem Kand dat.<"
" Mir huet am beschten dat mat der Frau Henne gefall!"
" A mir dat, mat wou e bei d'Osterhasenverkäuferin gaangen as. Dat as e laange Saz."
" Wat? "
" Osterhasenverkäuferin."
" Dat as e Wuert. "
Diese Äußerungen über die Geschichten zeigen, wie sehr Kinder sich mit Sprache auseinandersetzen. Sie analysieren Wörter auf ihre Richtigkeit hin und entdecken auch manche Ungereimtheit. Fragen drängen sich auf, die oft nur vom Autoren selbst beantwortet werden können.
Es hat sich mittlerweile so eingebürgert, daß viele Kinder
nach dem Lesen einer Geschichte zum " Schriftsteller " gehen, um diesem eine kurze Rückmeldung zu geben. Hier werden dann nochmals Inhalt und Sprache beleuchtet. Dies gibt sowohl dem Autoren als auch den Lesern das Gefühl, etwas Wichtiges und Interessantes erlebt zu haben. Fehler und unklare Textstellen werden diskutiert, überdacht und gegebenenfalls verbessert.
Es wird deutlich, in welchem Ausmaß die Kinder an der Verbesserung eines Textes beteiligt sind.
Die Geschichten werden dann in einer zweiten Etappe mit mir verbessert. Nachdem alle Texte nun definitiv fertig sind, können die Schüler sie der Klasse vortragen. So hat jedes Kind jede Geschichte gehört.
Die Struktur des Unterrichts erlaubt es den Schülern, voneinander
zu lernen: Sie können die Sprache anderer kennenlernen,
aufgreifen, diskutieren und " fremde " Ausdrücke, Ideen, Handlungen in eigenen Worten wiedergeben.
So kann die Sprache eines jeden viel reicher werden.
Um den Einfluß der Kooperation der Kinder auf ihre Sprache zu zeigen, habe ich Auszüge aus verschiedenen Texten gewählt. Es handelt sich hier immer um erste Fassungen, die ich wortgetreu wiedergegeben habe.
Sie waren zu diesem Zeitpunkt also noch von niemandem verbessert worden.
Manon, 27.3.: ... Der Osterhase geht zum Bauernhof. Er geht Eier holen. ... Papa Hase malt Eier. Ein Hase plumpst in die rote Farbe ...
Anne, 28.3.: ... Die Kinder haben auch ein Teisch. Beim Teisch sind par Schteine. Der Osterhase legt seine Eier bei den Schtein ...
Lilli, 28.3.: ... Der Osterhase fängt eine Fliege und gibt der Heuschrecke die Fliege zum essen. Die Wespe fliegt auf eine Rose. Die Kreuzspinne geht auf sein Spinnennetz ...
Tom, 28.3.: ... Sie malen die Eier. Sie plumsen alle in die rote Farbe einer ist in die Weiss Farb er ist ganz Weiss ...
Estelle, 2.4.: ... Aber er fellt in die rote Farbe. Er ist ganz rot. Er geht in die Dusche. Er ist wieder Proper ... Er hat nur nor 5 Eier. Er geht bei die Henne. Er holt Eier aber da Schlübfen Küken. ...
Cathy, 3.4.: ... Es ist Osterhasenzeit ... " Ihr müßt mir helfen. Ich hab zu viel zu tun. Also macht euch an die Arbeit...Das Baby will auch mal versuchen aber er ist noch zu klein. Da fällt er in die Farbe ...
Jessica, 3.4.: ... Da plubst der eine in die grüne Farbe ... Der Osterhase sagt zu Frau Henne bitte bekome ich Eier. Frau Henne sagt nein ...
Claudine, 3.4.: ... Der Hase gibt der Ente ein Ei. Sie ist fro und pipst Sie sind Freunde. Der Hase lest das Ei fallen. Da kommt eine kleine Ente raus ...
Catherine, 3.4.: ... Der Osterhase ist schon müde und er hat soviele Eier zu malen. Da ruft er seine Freundin. Sie soll ihm helfen. Er hat nicht aufgepast dann waren die Farben umgefalen. Dann kann er keine Eier mehr malen ... Ich frage meine Freundin. ... Er kauft Schokoladeneier ...
Die kursiv gedruckten Teile wurden von andern Kindern ganz oder
teilweise übernommen. So " plumpste " der Osterhase in
fünf Geschichten in die Farbe. Von dreißig Texten fiel der
Osterhase zehnmal in die - meist rote - Farbe, bzw. kippte die Farben
um. Der Ausdruck " Frau Henne " tauchte ebenfalls in verschiedenen Texten auf. Er muß einigen Schülern also gut gefallen haben.
Mehrmals griffen die Osterhasen auf Freunde zurück, die ihnen
behilflich sein sollten. Der Ausruf: " Ich hab zuviel zu tun!
" wird hier öfters gebraucht.
Aufgenommene Ideen werden weiterverarbeitet: Statt des Osterhasen fiel das kleine Baby in die Farbe, oder aber der schmutzige Osterhase mußte unter die Dusche.
Die Idee, daß dem Hasen plötzlich Eier fehlten, wurde sehr oft
wiederholt. Hier gab es einige Lösungen: Manche Hasen liefen in
den Laden und besorgten sich dort welche. Problematischer wurde es,
wenn das Geschäft geschlossen war oder dem Geschäftsmann
die Eier ausgingen. Ein Osterhase kaufte sich daraufhin
Schokoladeneier, andere besuchten die " Frau Henne " - dies, um ihr Eier abzubetteln oder aber heimlich welche zu stehlen.
Die Kinder fanden es immer lustig, wenn in einer Geschichte plötzlich etwas Unerwartetes geschah. So kam Estelle auf die Idee, ein Küken aus dem Ei schlüpfen zu lassen. Claudine griff die Idee auf. Bei ihr wurde aus dem Küken eine Ente.
Waren die ersten Geschichten inhaltlich ziemlich einfach, so wurden sie jeden Tag etwas reicher. Da die Kinder Ideen kombinierten, wurde der Ablauf ihrer Story immer spannender.
Carolines Text illustriert das sehr gut. Sie greift auf Ausdrücke und Ideen aus andern Geschichten zurück. Der Aufbau ihrer Story ähnelt den andern, sie hat ihn jedoch ausgeweitet. Einen ähnlichen Handlungsablauf findet man in vielen Bilderbüchern.
Caroline 3.4.:
... Komm wir gehen Eier holen sagt Tim.
Mama bekomen wir noch Eier? fragt Tim. Ich habe keine Eier mehr.
Tim und Susi gehen Eier kaufen. Der Laden ist zu.
Sie gehen zu Frau Henne.
Frau Henne bekomen wir 6 Eier? fragt Tim.
Frau Henne giebt ihnen 10 Eier.
Sie gehen nach Haus.
Susi sagt: Wir haben keine Farbe mehr.
Sie gehen Farbe suchen. Sie gehen zu Tims Vater.
Aber er hat keine Farbe mehr.
Sie gehen zu Onkel Willi der hat viele viele Farben.
Onkel Willi gibt ihnen rot gelb blau grün liela rosa und
weiß ...
Lauras Text scheint mir ebenfalls sehr interessant. Auch sie schrieb
am 3. März und verarbeitete sehr viele Elemente aus anderen
Geschichten.
Der Osterhase
Der Osterhase hat heute viel zu tun.
Der Osterhase sagt den andern Tieren ich habe zuviel zu tun.
Ihr sollt euch an die Arbeit machen.
Der Igel und die Biene färben die Ostereier. Und die Heuschrecke fängt eine Fliege.
Die Eier müssen für die Osterzeit fertig sein.
Es ist Osterzeit die Kinder sind im Bett im Garten haben sie einen Teich. Beim Teich liegen viele Steine.
Der Osterhase versteckt den Korb mit den Ostereiern im Briefkasten.
Am nächsten Tag gehen die Kinder raus um die Post zu holen. Da sehen die Kinder die Eier. Sie freuen sich.
Als Laura den Text in der Klasse vorlas, schmunzelten viele Kinder und
meinten: " Das steht auch in meiner Geschichte. "
Andere Schüler hörten ähnliche Bemerkungen, worauf ein Mädchen antwortete: " Dat as awer elo méng Geschicht."
Einigen Kindern wurde beim Vorlesen bewußt, daß sie Teile aus den Geschichten anderer Kinder übernommen hatten.
Da diese es nun erwähnten, fiel es jedem auf.
Es stärte niemanden, daß andere sich bei der eigenen Geschichte
inspiriert hatten. Manche empfanden es als großes Lob, wenn
" ihr " besonderer Ausdruck oder " ihre " Idee von einem Mitschüler wieder aufgegriffen wurde.
Ich verstehe das Sprachelernen als interaktiven, sozialen
Prozeß. Erst so wird Sprache lebendig, interessant,
vielschichtig, bereichert und bereichernd. Dies bedeutet für den
Unterricht, den Kindern Raum für ihre persönlichen
Erzählungen zu lassen, also das Kind selbst mit seinem Wissen und
Können, auch mit seinen Interessen ins Zentrum zu
setzen. Außerdem müssen die Schüler Gelegenheit zu
Kommmunikation und Kooperation haben, andernfalls ist die Arbeit in
der " zone of proximal development " nicht möglich.
Es ist doch wohl klar, daß diese Arbeitweise sich nicht nur auf die
" Osterhasenzeit " beschränkt, sondern fortwährend und in jeder Altersstufe gilt. Sie begrenzt sich auch nicht auf das Schreiben von Geschichten, sondern hat Gültigkeit in gleichem Maße für alle Lernsituationen, in denen Kinder autonom und verantwortungsbewußt arbeiten.
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