DECOLAP - Äppelchen 2 |
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Wie kann ich die Entwicklung der verschiedenen Kinder meiner Klasse festhalten, greifbar machen in einer Form, die ökonomisch ist, das heißt, zeitlich und vom Aufwand her zu bewerkstelligen? Welche Aspekte soll ich berücksichtigen? Wie kann ich meine Beobachtungen systematisieren und in eine Form bringen, die es erlaubt, den Entwicklungsprozeß zu verfolgen und zu rekonstruieren?
Wie kann ein Dokument aussehen, das Beobachtungen, Elternkommentare, wichtige Entwicklungsmomente und meine Überlegungen hierzu festhält?
In unserer Arbeitsgruppe sind wir uns einig: Wir haben uns alle diese oder ähnliche Fragen schon gestellt. Wir mußten aber auch zugeben, daß keiner unserer Gruppe bis dato eine
systematische Methode gefunden hat, einen solchen Überblick für jedes Kind zu seinen wichtigsten Lernbereichen zu erstellen.
Im Rahmen des Projektes DECOLAP haben wir diese Thematik aufgegriffen und versucht, ein Instrument zu erarbeiten, das die Entwicklung und die Fortschritte der Kinder im Bereich Sprache festhält.
Als Ausgangspunkt diente uns der in England entwickelte und angewandte primary language record (=Sprachentwicklungsbericht).
Der primary language record ist ein Dokument, das erlaubt, ein Bild über die sprachliche Entwicklung (mündlicher Sprachgebrauch, Lese- und Schreibfertigkeit) der einzelnen Kinder aufzuzeichnen.
Bevor wir die einzelnen Elemente dieses Sprachentwicklungsberichtes vorstellen, wollen wir einige wichtige Prinzipien, die dieses Modell charakterisieren, hervorheben.
Der Sprachentwicklungsbericht wird zusammen mit den Eltern und dem Kind erstellt. Diese Vorgehensweise erlaubt, die verschiedenen Perspektiven (Lehrer, Eltern, Kind) mit einzubeziehen und ihnen Rechnung zu tragen. Alle Beteiligten werden sich somit der Vielschichtigkeit von Sprache bewußter.
- Durch die Aussagen der Eltern und des Kindes muß der Lehrer/die Lehrerin die eigene Sichtweise relativieren. Die sprachliche Entwicklung des Kindes wird in einem weiteren sozialen Kontext gesehen, schließlich findet das Lernen von Sprache nicht nur in der Schule statt. In dieser Hinsicht bietet der Sprachentwicklungsbericht eine gute Gelegenheit, die Rolle der Medien beim Sprachlernprozeß zu beleuchten.
- Das Kind wird aktiv an der Beurteilung und an der Planung
seiner Arbeit beteiligt, indem es über seine Sprache spricht. Es erklärt, wie es Sprache in und außerhalb der Schule erlebt. Es sieht sich als Sprachbenutzer und als Sprachlerner und übernimmt Verantwortung für sein eigenes Lernen.
- Die Eltern sind von Anfang an am schulischen Lernen ihres Kindes beteiligt. Sie können ihre Perspektive darlegen und, bedingt durch den Austausch, gegebenenfalls ändern.
Der Sprachentwicklungsbericht hat dynamischen Charakter. Allein die Tatsache, einen Bericht zu erstellen, verändert die Perspektive der Beteiligten. Da der Bericht über das Schuljahr vervollständigt wird, erlaubt er, den Lernprozeß festzuhalten.
Weiterhin ist der Bericht situations- und kontextgebunden (im Gegensatz zu standardisierten Sprachtests). Die Eintragungen sollen die Situation und den Kontext, in denen Sprache stattfindet, festhalten. Der Bericht basiert auf Beobachtungen, Aussagen der Kinder und der Eltern und Produkten der Kinder (Zeichnungen, Schreibversuche, Aussagen zu Büchern ...).
Der Bericht erlaubt es, die Sprachen von Ausländerkindern oder mehrsprachigen Kindern, welche in der Schule häufig ausgeblendet werden, in ihrer Sprachentwicklung zu berücksichtigen.
Der Sprachentwicklungsbericht an sich wäre zwecklos, hätte er keine Konsequenzen für die Praxis.
- Der Lehrer/Die Lehrerin kann besser auf die jeweiligen Lernbedingungen, Voraussetzungen und Interessen der Kinder eingehen.
- Er/Sie kann zusammen mit den Kindern positive Lernstrategien entwickeln und die Kinder auf ihrem individuellen Lernweg unterstützen.
- Es entstehen Möglichkeiten zur Veränderung des Unterrichts, sowohl auf der pädagogisch-didaktischen, als auch auf der organisatorischen Ebene (z. B. Einbeziehen der verschiedenen Muttersprachen der Kinder).
- Der Kontakt Lehrer-Eltern und Lehrer-Kind wird dynamisiert.
- Der Sprachentwicklungsbericht ist ein Arbeitsinstrument zu einer fundierten Diskussion mit den Eltern (die gesammelten Produkte und die systematischen Beobachtungen können den Lernprozeß sichtbar machen).
- Ebenso kann er eine wichtige Informationsquelle beim Übergang von einer Schulstufe zur nächsten darstellen.
- Insgesamt gibt der Sprachentwick lungsbericht ein differenziertes Bild über die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder.
Der Sprachentwicklungsbericht besteht aus 3 Elementen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Jahresablauf durchgeführt werden.
A1. Gespräch mit den Eltern
A2. Sprachkonferenz mit dem Kind
B1. Beobachtungsbogen. 'Das Kind als Sprachbenutzer'
B2. Dokumente (Produkte der Kinder)
C1. Gespräch mit den Eltern
C2. Sprachkonferenz mit dem Kind
Im Folgenden beschreiben wir die einzelnen Teile näher und geben einige Hinweise zur praktischen Durchführung.
Zur Zeit erproben wir verschiedene Vorgehensweisen zur Erstellung des Berichtes. Dies betrifft einerseits die Erfassung des Inhaltes und andererseits die Form der Darstellung. Da der Sprachentwicklungsbericht sowohl im Kindergarten als auch im Untergrad anwendbar sein soll, verlangt er allein schon in dieser Hinsicht situationsbedingte Anpassungen.
Wir haben zu jedem Teil eine Auflistung von möglichen Fragen oder Beobachtungskategorien beigefügt, die den Verlauf der Gespräche und die Inhalte der Beobachtungen illustrieren sollen.
Eine erste Fassung des Sprachentwicklungsberichtes werden wir in der nächsten Ausgabe vorlegen.
Der erste Teil (A) sollte zu Beginn des Schuljahres durchgeführt werden.
A1. Ein individuelles Gespräch mit den Eltern dient dazu, das sprachliche Umfeld und die sprachliche Entwicklung des Kindes kennenzulernen.
Diese Gespräche bieten eine gute Gelegenheit, die Eltern zu Beginn des Jahres kennenzulernen, und sie erlauben gleichzeitig, die Eltern in die schulischen Prozesse einzubeziehen und für den spontanen Spracherwerb zu sensibilisieren.
Dieses Gespräch wird jeweils mit einem Elternpaar/Elternteil geführt. Termin und Ort der Gespräche müssen mit den Eltern vereinbart werden und sind je nach Schulsituation verschieden. Die Dauer des Gespräches soll begrenzt werden; aus praktischen Gründen schlagen wir eine halbe Stunde vor. Allerdings haben erste Erfahrungen gezeigt, daß die meisten Eltern viel länger über ihre Kinder zu berichten wissen und auch sehr wohl bereit sind, diese Zeit aufzubringen.
Wenn Eltern und Lehrperson sich nicht in einer gemeinsamen Sprache verständigen können, muß ein Übersetzer hinzugezogen werden. Oft kennen die Eltern eine Vertrauensperson, die sie mitbringen können.
Wichtig ist, daß es zu einem echten Gespräch kommt, wobei die Eltern erzählen und die Lehrperson hauptsächlich zuhören soll. Einzelne Fragen sollen das Gespräch lenken, aber nicht gänzlich bestimmen.
Die Eltern sollen über Sinn und Zweck des Gespräches informiert werden.
Sie sollen wissen, daß sie zum Erstellen eines Sprachberichtes über ihr Kind beitragen. Während des Gespräches können Notizen gemacht werden, sowohl von den Eltern als auch von der Lehrperson.
Am Ende des Gespräches wird eine schriftliche Zusammenfassung der wichtigsten Punkte festgehalten und den Eltern zum Lesen unterbreitet.
A2. Die Sprachkonferenz zwischen Kind und LehrerIn gibt dem Kind die Möglichkeit, sich als Sprachbenutzer darzustellen. Das Kind kann über seine Erfahrungen und Interessen im sprachlichen Bereich berichten, in der Schule und außerhalb der Schule.
Die Lehrperson lernt so die sprachlichen Interessen des Kindes kennen und gewinnt Einsicht darin, wie das Kind sich als Sprachenlerner sieht.
Die Sprachkonferenz mit dem Kind findet in der Klasse während der normalen Schulzeit statt. Der Lehrer/Die Lehrerin ruft das Kind zu sich. Ausgangspunkt des Gespräches kann eventuell ein Spielzeug, ein Buch oder
eine eigene Schriftproduktion sein. Wenn ein Kind mehrere Sprachen spricht, sollen diese auch Thema der Unterhaltung sein. Verschiedene Kinder, die wenig oder nicht Luxemburgisch sprechen, brauchen jemanden, der sie in ihrer Muttersprache versteht. Oft kann ein anderes Kind übersetzen.
Die Antworten der Kinder werden schriftlich festgehalten. Die niedergeschriebenen Aussagen sollen dem Kind vorgelesen werden, um ihm die Möglichkeit einer eventuellen Korrektur zu geben.
Der zweite Teil (B) wird im Laufe des Schuljahres durchgeführt.
Dieser Teil umfaßt gezielte Beobachtungen der einzelnen Kinder und eine Sammlung von Produkten.
Die Beobachtungen sollen in verschiedenen Situationen (Freispiel, Gruppenarbeit, Einzelarbeit ) durchgeführt und mehrmals im Schuljahr wiederholt werden. Jedes Kind sollte mindestens einmal pro Trimester gezielt beobachtet werden, hinzu kommen sporadische Eintragungen, wenn dem Lehrer/der Lehrerin etwas Besonderes auffällt.
Durch die verschiedenen Rubriken sollen möglichst viele Aspekte der Sprache aufgezeichnet werden.
Zu diesen Beobachtungen sollen Produkte der einzelnen Kinder beigefügt werden, die die einzelnen Aussagen belegen.
Der dritte Teil (C) wird am Ende des Schuljahres durchgeführt.
C1. Das Gespräch mit den Eltern bezieht sich jetzt auf die Entwicklung und die Fortschritte, die das Kind im Laufe des Jahres gemacht hat. Anhand der Beobachtungen und der Produkte (Teil B) kann der Lehrer/die Lehrerin den Eltern eine differenzierte Rückmeldung zum sprachlichen Bereich geben. Im Gespräch sollen die Veränderungen und Fortschritte im Vordergrund stehen. Die Eltern sollen Gelegenheit haben, ihre Beobachtungen und ihre Kommentare zu dem Sprachentwicklungsbericht zu machen. Am Ende des Gespräches werden die wichtigsten Aussagen festgehalten und den Eltern zur Approbation vorgelegt. Die Eltern sollen wenn möglich eine Kopie des Sprachentwicklungsberichts mit nach Hause nehmen können.
C2. Auch das Kind soll am Ende des Schuljahres die Gelegenheit bekommen, sich zu seinen Lernfortschritten zu äußern. Die gesammelten Dokumente werden dem Kind gezeigt, damit es sich hierzu äußern kann. Ein Hauptakzent wird auf die Lernfortschritte gelegt, damit das Kind sich über seinen eigenen Lernweg bewußt wird. Auch eine Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten sollte nicht fehlen.
Dieses Gespräch wird festgehalten und in den Sprachentwicklungsbericht eingefügt.
Der Sprachentwicklungsbericht soll am Ende des Schuljahres den Lernprozeß der einzelnen Kinder im sprachlichen Bereich wiedergeben. In den kommenden Wochen erproben wir verschiedene Varianten, und im nächsten Äppelchen berichten wir über unsere Erfahrungen.
Marie-Paul Origer-Eresch, Christian Schwarz, Brigitte Stammet, Marc Wantz
VorschullehrerInnen
Claude Kinarian, Claudine Kirsch, Jeanne Nour El Din-Letsch
PrimärschullehrerInnen
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