Elias Canetti zum Todestag (25.7.1905 – 14.8.1994)
Erste Schritte zu einer visuellen, literarischen, multilingualen Alphabetisierung ab Précoce und Zyklus 1
Elias Canetti beschreibt in seiner Lebensgeschichte eindrucksvoll eine Erfahrung, die viele Jungen und Mädchen gleich zu Beginn ihrer Schullaufbahn machen: die einschläfernde und brutalisierende Überhandnahme des typisch schulischen nachahmenden Lernens.
Ein ehemaliger Vorgesetzter einer hohen Bildungsinstitution hat das dem Alten gegenüber einmal so formuliert: “Das Lernangebot muss für jeden das Gleiche sein.”
Widerstand ist zwecklos, deshalb steigen dann auch viele Kinder aus dem Lernbetrieb aus.
Elias Canetti findet einenAusweg aus dieser heiklen Lernsituation, indem er die Macht der Bilder und Objekte beschwört, deren konzentrierte Anschauung auf der Basis eigener Erlebnisse und Vorerfahrungen authentisches Lernen erst ermöglicht.
In Canettis Worten:
“Ich wollte es nicht lernen, wenn lernen bedeutete, daß ich denselben Weg gehen
müsse. Es war das nachahmende Lernen, gegen das ich mich wehrte. (…) Sobald ich merkte, daß man mir etwas empfahl, bloß weil es in der Welt so üblich sei, bockte ich und schien nicht zu verstehen, was man von mir wollte. (…) Denn ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, daß es einen besseren Weg gibt. Man hält sich an das, was sich nicht verändert, und schöpft damit das immer Veränderliche aus. Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang. (…) Da hält die Erfahrung still, da sieht er ihr ins Gesicht. (…) Scheinbar wäre sie auch ohne ihn da, doch dieser Anschein trügt, das Bild braucht seine Erfahrung, um zu erwachen. (…)
Wirklich wird erst das Erkannte, das man zuvor erlebt hat.” (S. 130, 135)
(1980) Die Fackel im Ohr – Lebensgeschichte 1921-1931. München, Carl Hanser.
Ein gutes Porträt des Schriftstellers (ab Minute 17 auch über die Elastizität der Sprachen und über die Mehrsprachigkeit) findet man hier:
