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Georg Hermann zum Geburtstag (7.10.1871 – 19.11.1943)

von Taccuino Del Vecchio | 07/10/2025 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Auf Georg Hermann (eigentlich Georg Borchardt) aufmerksam geworden ist der Alte über Umwege.
Der Berlinerin Gundel Mattenklott war der Alte bei einem Vortrag am damaligen ISERP in Walferdingen begegnet und konnte sich mit ihr während zwei Tagen angeregt austauschen, zumeist über Kunst, über unser von Besuchern desertiertes Museum MUDAM, sowie über Praktiken des Schreibens mit Kindern und Jugendlichen.
So weit, so gut.

Viel später fand der Alte zufällig heraus, dass Gundel Mattenklott gemeinsam mit ihrem Mann Gert, dem famosen Germanisten, das Gesamtwerk von Georg Hermann in Berlin herusgegeben hatte.
Aha, somit erklärte sich auch die Präsenz unseres Dekans bei Gundels Vortrag im Audimax!

Natürlich bestellte der Alte sämtliche verfügbaren Werke Georg Hermanns, stellte sie in seine Bibliothek und … vergaß sie.

Letztes Jahr zog er einen Band heraus (Henriette Jacoby) und las in der Folge unverzüglich (fast) alle Werke, ob es sich um die Romane über die Biedermeierzeit oder über die Zeit nach dem ersten Weltkrieg handelte.
Obwohl bereits seit 1933 im holländischen Exil, wurde Georg Hermann dennoch 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet.

Interessant ist es, wie Georg Hermanns Tochter Hilde Borchardt den Arbeitsprozess ihres Vaters beschreibt:

“Ich weiß, mein Vater arbeitet immer. Und jeder Spaziergang, den er macht, ist ein neues Sehen, Fühlen und Empfinden. Wenn wir zusammen gehen und er mitten im Gespräch, meist mitten auf dem Fahrweg, stehenbleibt, ein kleines Notizbüchelchen herauszieht, um rasch einen Gedanken festzuhalten, ist mir das so vertraut, daß ich nur Obacht gebe, daß wir nicht überfahren werden. Nicht nur Beobachtungen und eigene Einfälle, sondern auch nette Bemerkungen, die er von anderen hört, und sei es nur von seinen Kindern, finden Platz in diesem Büchelchen. Wenn mein Vater sich an den Schreibtisch setzt, hat er meist schon die schwierigste Arbeit hinter sich. Der Schreibtisch ist dann überfüllt mit Notizzettelchen, bei denen der Rot- und Blaustift eine große Rolle spielt, die mächtig eng beschrieben sind und furchtbar unordentlich durcheinanderliegen. (…)
Und als Resonanz für seine künstlerische Arbeit ist es ihm ein Bedürfnis, ab und zu etwas von seiner Arbeit vorzulesen, irgendeinen Artikel oder, wenn er in einem Buch arbeitet, Teile daraus: um sich mitzuteilen, verstanden zu werden, und auch etwas, um selbst noch einmal zu hören, was er geschrieben hat. Auch spricht mein Vater gern über das, was er gerade schreibt oder schreiben will.”
(1991) Georg Hermann. IN Laureen Nussbaum (Hrsg.) Georg Hermann – Unvorhanden und stumm, doch zu Menschen noch zu reden – Briefe aus dem Exil 1933-1941 an seine Tochter Hilde.

Georg Hermanns Prosa lebt genau von diesen minutiösen Beobachtungen, die sein Sehen, Fühlen und Empfinden genau wiedergeben und daraus ein Kaleidoskop oder Mosaik formen, in dem der Leser sich und seine Gefühle wiederfinden kann.

Auch das für das Schreibatelier mit Kindern und Jugendlichen so wichtige Vorlesen (modern im Curriculum auch Hörverstandnis genannt) betont die Tochter.
Resonanz, Austausch, Kritik und Diskussion fordern und fördern die Verantwortung sowohl des Autoren wie auch des Publikums für das Verfasste.

Georg Hermann selbst bestätigt die Worte Leo Tolstois, der ja behauptete, jeden Text seiner Schüler in Jasnaja Poljana dem jeweiligen Kind zuordnen zu können, gerade auf Grund des jedem einzelnen Autor eigenen Stils:

“Beim Schreiben kommt es darauf an, so zu schreiben, wie man spricht – dann kriegt man seinen persönlichen Stil heraus. Man muß fürs Ohr, nicht fürs Auge schreiben. Das ist, was die Darstellung anbetrifft, das ganze Geheimnis. Jeder Mensch hat seine eigene Diktion, wie er seine eigene Handschrift hat. Das erste wird am frischesten, aber dann muß es doch gefeilt werden, aber so, daß das (Persönliche) nicht rausgeht.” (S.50)

Zur Ausbildung eines eigenen Schreibstils gehört das Vertrauen in die eigenen Interessen und Beobachtungen, so legt Georg Hermann es auch seiner Tochter nahe:

“Und vielleicht wird sie dann auch das lernen, was allein notwendig ist: sich von sich aus für Dinge zu interessieren!!. (…) nur eine Sache des Temperaments und der Einstellung.” (S. 138)

Der Alte hofft, dass die Kinder dieses Interesse in der Schule aufbringen dürfen und somit zusammen mit den Lehrpersönlichkeiten ihr eigenes Neu-Seh-Land betreten können.
Georg Hermann weist dabei auf die nicht zu unerschätzenden Erfahrungsbereiche,
welche der Leser allein aus den Büchern gewinnt:

“Finde immer, in Büchern sind alle Dinge, selbst die Natur, Wälder, Meer und Berge, Tropfen und Nordpol und alle Landschaften der Menschenseele viel leichter zugänglich, viel klarer gedeutet, und viel lebensvoller und schärfer umrissen, als in ihrem Urbild, dem Leben selbst. Nirgends ist die Welt so weit und so tief, als im Buch. Sicher ist Paris von 1850 nur ein Abklatsch von Balzac gewesen ud nicht umgekehrt.”
(2000) November Achtzehn. Berlin, Das Neue Berlin. S. 110

Georg Hermanns Schreibdidaktik sieht dann gekürzt so aus:

“Und dann eine rein technische Sache. Schreib mit kleiner Schrift auf möglichst große Bögen, denn es ist nötig, viel zu übersehn auf einmal. Man braucht große Zusammenhänge, und die Seite, die du mal umgeschlagen hast, ist wie weggewischt aus deinem Kopf. Dann, recht bald, tippe es um. (…) Noch besser: du diktierst es in die Maschine, weil du es dann laut selbst hörst, leichter Unebenheiten siehst, im Sprechen änderst. Merke dir das eine: Man ist leicht geneigt, Worte, die man einmal gebraucht hat, alsbald zu wiederholen, weil sie einem im Hirn noch nachklingen. Ein Wort darf höchstens zweimal auf einer Seite sich wiederholen. (…) Aber denk an keine Kritik; du sollst für dich und nicht für andere schreiben.
Und denk daran: Nicht nur du bist einmalig, sondern alle Dinge und Menschen und Geschehnisse sind einmalig, und scheinbar die simpelsten Dinge sind überhaupt noch nicht gesagt und können dem andern, der in andern Welten lebt, ganz neu sein und tief ergreifend. (…)
Eine wichtige Probe gibt es: Du mußt nicht am Anfang des Schreibens, aber bald danach das Gefühl haben, als ob dir die Worte diktiert würden, das heißt, du hörst sie und schreibst sie nach – oftmals so schnell, daß man kaum mitkommt. Wenn du nichts mehr hörst, mußt du pausieren, bis du wieder etwas hörst. Wenn nicht mehr: Schluß machen für heute. Morgen diktiert es schon wieder. (…)
Der alte Pietsch, der ja (…) in Baden-Baden mit Turgenjew eng befreundet war, erzählte mir mal, (wie Turgenjew geklagt habe): “Also tagelang spiele ich schon Billard – ich muß da was schreiben, und ich will nicht. Da hab ich in einer Türnische in Moskau ein Mädchen stehn sehn, die hat so furchtbar geweint und war sehr schenn! Un das läßt mir keine Ruhe. Das muß ich schreiben!”
Es ist die prachtvolle Novelle ´Eine Unglückliche´ geworden.”
1991, Georg Hermann. IN Laureen Nussbaum (Hrsg.) Georg Hermann – Unvorhanden und stumm, doch zu Menschen noch zu reden – Briefe aus dem Exil 1933-1941 an seine Tochter Hilde. (S. 209, 210, 211, 212)

Damit müsste auch heute noch etwas anzufangen sein, meint zumindest der Alte.

Aber da war ja noch etwas mit Gundel Mattenklott:

“1874 schrieb der französische Lyriker Paul Verlaine ein Gedicht mit dem Titel Art Poétique. In dieser lyrischen Poetik forderte er eine musikalische Dichtung, ein vages und vagierendes trunkenes Lied (“la chanson grise”), in dem das Unbestimmte und das Genaue sich verbinden (“Où l´Indécis au Précis se joint”). Ein Mittel dieser Verbindung zwischen scheinbar Gegensätzlichem ist die Nuance:

Car nous voulons la nuance encore,
Pas la couleur, rien que la Nuance!
Oh! La nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor!“
Gundel Mattenklott
Nachwort. IN Georg Hermann (1998) Henriette Jacoby. Berlin, Das Neue Berlin. S. 387

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