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Gilles Deleuze zum 30. Todestag 2 (18.1.1925 – 4.11.1995)

von Taccuino Del Vecchio | 06/11/2025 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Gilles Deleuzes Sprachkonzepte:

Gilles Deleuze nimmt einen ähnlichen Standpunkt wie Peter Bichsel ein, der ja behauptet hat: “Es gibt nur eine Sprache.”

Gilles Deleuze und sein Ko-Autor Felix Guattari setzen nämlich folgenden Vergleich ein:
“To be bilingual, multilingual, but in one and the same language.” (p. 108)
DELEUZE, G. & GUATTARI, F. (2004) A Thousand Plateaus: Capitalism and Schizophrenia. London, Continuum.

Wie sieht diese eine gemeinsame Sprache Im multilingualen Umfeld der Jean Jaurès Schule und in den multilingualen Sprachproduktionen der Kinder nun aus?

Es ist vor allem die Sprache des zögerlichen Eintauchens und des zögerlichen Erforschens der multiplen Sprachmöglichkeiten, welche insbesonders im ´storying´, also in dem Geschichtengestalten, Geschichtenerzählen und Geschichtenspielen auf der Basis der kollektiven Sprachressourcen der Kinder eine Hauptrolle spielt.

Die eine gemeinsame Sprache macht also den Sprechenden, Schreibenden und Spielenden quasi zu einem Fremden in der eigenen Sprache:
“(…) a foreigner in one’s own tongue, not only when speaking a language other than one’s own.” (ibid.)

Die Aktivität des ´storying´ wird somit ausgedehnt und um viele Möglichkeiten bereichert, besonders durch das kolletive Experimentieren in einer intuitiven, affektiven Intensität, die gerade vom Unvorhergesehenen und Approximativen befeuert wird.

Resultat ist eine extreme Sprachfreudigkeit in einer solidarischen Sprachproduktion auf der Basis aller verfügbaren Sprachen. Begeisterung, Freude und Humor kennzeichnen dieses Sprachenlernen. Die Lernenden erfahren sich selbst und die anderen Sprecher und ihre Sprachen “(…) through an intimate, social synaesthesia, where the words, the sonority, the affect of one are heard in the ears of the other, but also in their mouths, their eyes, their hearts, their gut (…).” (p.42)
DAVIES, B. (2014) Listening to Children – Being and Becoming. Abingdon, Routledge.

Deleuze und Guattari bezeichnen eine solche Sprachproduktion als Stammeln, welches linguistische und nicht-linguistische Elemente Seite an Seite stellt und variiert, so dass die Sprachproduktion ungehemmt fließen kann: “It is easy to stammer, but making language stammer is another thing; it concerns placing all linguistic and non-linguistic elements in variation (…) A new kind of redundancy. AND … AND … AND … .” (ibid, p. 208)

Laut Deleuze verlangt jede wirkliche Lehr- und Lernsituation eine ungestüme Suche nach den entsprechenden Zeichen, also auch nach den sprachlichen Ausdrucksmitteln.
Gleichzeitig entsteht ein kreatives Experimentieren mit den Zeichen und Sprachformen, welches ein Gütesiegel jedes wirklichen Sprachenlernens darstellt und zu radikalen Veränderungen im Leben der Kinder führt. Solch ein Triggern von sprachlichen Intensitäten charakterisiert den realen multilingualen Sprachlernprozess.

Beispiel gefällig?:

Der deutsche Autor Hans Werner Richter spricht in dem obigen Zusammenhang von einer “(…) Art Sprech-Konzert (…)”
1986, Im Etablissement der Schmetterlinge – Einundzwanzig Portraits aus der Gruppe 47. München, Hanser. S.256

Gilles Deleuze hat dafür das Wort “Sprechgesang” geprägt und nennt es eine Echo-Kammer: “(…) an echo chamber, like a feed-back loop, in which an idea reappeared after going, as it were, through various filters.” (p. 139)
DELEUZE, G. (1995) Negotiations 1972-1990. New York: Columbia University Press.
Dieser “Sprechgesang” ist markiert durch unzählige kontinuierliche Variationen. Es ensteht laut Deleuze eine Art Polytonalität, wo “(…) processes are becomings and aren’t to be judged by some final result but by the way they precede and their power to continue.” (ibid. pp. 142-149).

Natürlich ist in solchem “Sprechgesang” auch Platz für Flüstern, subvokales Nachsprechen und weise Stille:
“Underneath the large noisy events lie the small events of silence.” (p. 163)
DELEUZE, G. (1994) Difference and Repetition. London: Athlone Press.

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