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Paul Auster zum Geburtstag (3.2.1947 – 30.4.2024)

von Taccuino Del Vecchio | 03/02/2026 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster hat es geschafft, mit einfachsten Worten die Notwendigkeit und die Wertschöpfung einer inklusiven Schule zu beschwören:

“(…) in den dreizehn Jahren, die du in diesem System verbrachtest, (…) hattest du einige gute Lehrer und einige mittelmäßige Lehrer, eine Handvoll außerordentlicher und inspirierender Lehrer und eine Handvoll miserabler und inkompetenter Lehrer, und deine Mitschüler deckten das ganze Spektrum von hochintelligent überdurchschnittlich bis halb schwachsinnig ab. Dies ist an allen staatlichen Schulen der Fall. Jeder, der in dem Bezirk lebt, kann sie kostenlos besuchen, und weil du in einer Zeit aufgewachsen bist, in der es noch keine Sonderschulen gab, auf die man Kinder mit sogenannten Problemen schickte, hattest du auch einige körperlich behinderte Klassenkameraden. Niemand im Rollstuhl (…), aber du siehst noch immer den buckligen Jungen mit dem verrenkten Körper vor dir, das Mädchen, dem ein Arm fehlte (ein fingerloser Stummel ragte aus ihrer Schulter), den Jungen, der sich immer das Hemd vollsabberte, und das Mädchen, das kaum größer war als ein Zwerg. In der Rückschau hast du das Gefühl, dass diese Menschen ein wesentlicher Teil deiner Erziehung waren, dass du ohne sie nur ein lückenhaftes Verständnis hättest von dem, was es heißt, ein Mensch zu sein, dass es dir an Tiefe und Mitgefühl, an jeglicher Einsicht in die Metaphysik von Schmerz und Unglück fehlen würde, denn diese Kinder waren die Heldenhaften, sie waren es, die sich zehnmal soviel anstrengen mussten wie alle anderen, um einen Platz für sich zu finden. (…) Intelligenz ist die einzige menschliche Eigenschaft, die sich nicht vortäuschen lässt, (…)“ (S. 212, 213, 220)
(2014) Winterjournal. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt.

Als Vater wurde Paul Auster sich auch der Unterschiede zwischen seiner eigenen Schulbiografie und der seiner Kinder bewusst:

“Das Beste an deiner Grundschule, die vom Kindergarten bis zum Ende der sechsten Klasse dauerte, war, dass es niemals Hausaufgaben gab. Die Leiter der örtlichen Schulbehörde waren Anhänger von John Dewey (…) und du warst ein Nutznießer von Deweys Lebensweisheit, ein Junge, der nach der letzten Klingel bis zum Abend tun und lassen konnte, was er wollte, mit Freunden spielen, nach Hause gehen und lesen, gar nichts tun. Du bist diesen namenlosen Herrrschaften unendlich dankbar, dass sie deine Kindheit unversehrt gelassen und dich nicht mit sinnlosen Aufgaben überhäuft haben, dass sie so klug waren zu begreifen, dass Kindern nicht zu viel zugemutet werden darf, dass man sie auch einmal sich selbst überlassen nuss. Sie haben bewiesen, dass alles, was zu lernen ist, auf dem Schulgelände gelernt werden kann, denn dir und deinen Klassenkameraden wurde unter diesem System eine gute Grundschulausbildung zuteil, und wenn die Lehrer vielleicht nicht immer die phantasievollsten waren, waren sie doch kompetent und brachten euch Lesen, Schreiben und Rechnen fürs ganze Leben bei, und wenn du an deine eigenen zwei Kinder denkst, die in einer, was die Pädagogik betraf, wirren und unruhigen Epoche aufwuchsen, erinnerst du dich daran, wie sie sich Abend für Abend mit zermürbenden, unerträglich langweiligen Hausaufgaben herumschlagen mussten, wobei sie nicht selten, um überhaupt fertig zu werden, die Hilfe ihrer Eltern brauchten, und ein Jahr ums andere hattest du, wenn sie mit hängenden Schultern dasaßen und die Augen kaum noch offen halten konnten, Mitleid mit ihnen und fandest es traurig, dass so viele Stunden ihres jungen Lebens einer zum Scheitern verurteilten Idee zum Opfer fielen.“ (S. 30, 31)
(2014) Berichte aus dem Inneren. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt.

In respektvoller Anlehnung an das Buch ´Lieux´des großen Georges Perec hat Paul Auster ganz konkrete Vorschläge zur Begegnung mit Menschen und Orten und zu deren Verschriftlichung gegeben. Eine solche Arbeit wäre auch unseren Kindern zuzumuten, so denkt zumindest der Alte:

“Menschen sind nicht das Einzige, was in New York vernachlässigt wird. Auch Dinge werden vernachlässigt. Ich meine nicht nur große Dinge wie Brücken und U-Bahn-Schienen, sondern die kleinen, kaum bemerkbaren Dinge, die wir direkt vor Augen haben: Bürgersteige, Mauern, Parkbänke. Sieh dir die Dinge in deiner Umgebung genau an, und du wirst feststellen, dass nahezu alles in die Brüche geht.
Wähle eine Stelle in der Stadt aus und stell dir vor, sie gehöre dir. Wo spielt keine Rolle. Was spielt keine Rolle. Eine Straßenecke, ein U-Bahn-Eingang, ein Baum im Park. Übernimm die Verantwortung für diese Stelle. Halte sie sauber. Verschönere sie. Betrachte sie als Erweiterung deiner selbst, als Teil deiner Identität. Sei so stolz darauf wie auf dein Zuhause.
Besuche deine Stelle täglich zur selben Zeit. Beobachte eine Stunde lang alles, was sich dort abspielt, wer dort vorbeigeht oder stehen bleibt oder irgendetwas macht. Mach die Notizen, mach Fotos. Notiere diese täglichen Beobachtungen und finde heraus, ob du etwas über die Leute oder die Stelle oder dich selbst in Erfahrung bringst.
Lächle den Leuten zu, die dort hinkommen. Wenn möglich, sprich mit ihnen. Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, fang vom Wetter an. 5. März 1994” (S. 195)
(2020) Mit Fremden sprechen – Ausgewählte Essays und andere Schriften aus 50 Jahren. Hamburg, Rowohlt.

Unten spricht Paul Auster über seine Lesesozialisation. Dies bringt den Alten zum Schmunzeln, muss er doch an seine eigenen Leseerfahrungen mit den Illustrierten Klassikern denken, denen er ein kulturelles Allgemeinwissen verdankte, das selbst abgebrühten Sekundarprofessoren noch auf der Abiturklassse Respekt abverlangte.
Auster spricht über seine Liebe zu den Romamnen und Gedichten von Robert Louis Stevenson, Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle, seine Schreibversuche mit einem Notizbuch, sein erstes Gedicht und seinen aussichtslosen Versuch, Doktor Schiwago zu lesen:

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