Arthur Holitscher zum Todestag (22.8.1869 – 14.10.1941)
In dem Buch von 1919 Amerika – Heute und Morgen, welches die Reiseerlebnisse des ungarischen Autors, Redakteurs und Lektors Arthur Holitscher aufzeichnet, entdeckte der Alte die untenstehende Passage.
Dieser Auszug eines Gespräches vor dem Hohen Gericht exemplifiziert (mittels des Amerikanerdeutschen) die dynamische Vermischung von gerade zur Verfügung stehenden Sprachelementen aus beiden Registern:
«Der Richter sagt Filistes, was er von ihrem Bruder Gary hält. Filistes schreit der Mutter in die Ohren: “Er sagt, Gary muß gehn nine o’clock ins Bett, und wenn er noch amol wird gekätscht playing cards, wird er gehn nach Golden für e Jahr!” (…) Dann übersetzt Filistes wieder: “Er sagt, er weiß, wir sein arme Leit und Gary muß treien (to try, versuchen) gut zu machen (to make good), so er will Gary geben a Tschänz bis first vom Dezember, wenn er sich nix gut aufführt, muß er nach Golden.” (…) Filistes zur Mutter: “Er sagt, Gary kenn nich sticken zu a Dschab, das is die Matter wis him! “» (S. 263)
Der luxemburgische Soziologe Fernand Fehlen hat diese auch in Luxemburg anzutreffende Sprachdynamik einmal treffend eine diffuse Mehrsprachigkeit genannt.
Noch ein Beispiel gefällig?
«Hochgradige Damenmäntel, speziell gepreist so und so viele Dollar.» (S. 404)
Es scheint vor über hundert Jahren selbst in Amerika noch humane Richter gegeben zu haben, denn in demselben Buch schreibt Holitscher:
«Wenn er (Richter Ben Lindsey) sich erhebt, ist er nicht größer, als ein vierzehnjähriges Kind. Vielleicht verschafft ihm auch dieser Umstand solche Gewalt, solche innere Gewalt über die Kinder. – Grade, ohne sich zu bücken, kann er ihnen in die Augen schauen. Er nimmt ein Kind bei den Schultern und seine Arme liegen waagerecht zwischen ihm und dem Kind. (…) Lindsey spricht mit den Kindern wie ein Erwachsener zu Erwachsenen.»
1919, Amerika – Heute und Morgen – Reiseerlebnisse von Arthur Holitscher. Berlin, S. Fischer Verlag.
Der Richter also als leuchtendes Beispiel für Lehrpersönlichkeiten.
Mit Schule und Lehrern lag Arthur Holitscher im Clinch:
«Wahrscheinlich bestand die Absicht jener Gewaltigen im Lehrkörper-Zimmer gar nicht darin, daß wir aus der Schule Wissenswertes mit ins Leben herausnehmen, sondern darin, daß wir acht Jahre lang unter Not und Schrecken einer eingesetzten Obrigkeit gehorchen, Wahres und Falsches, Aufgebauschtes und Reduziertes in dem Umfang und nach dem Wortlaut, in dem es uns dargeboten wurde, einschätzen, daß wir Order parieren lernten mit einem Wort. Eine Vorbereitung nicht fürs Leben, wohl aber für die Funktionen des ordentlichen Staatsbürgers, für das Herdentier der Klassengesellschaft. Acht Jahre – ein wenig reichlich, in der Tat. (…) das Ministerium für Unterricht, die Brutstätte der geistigen Versklavung des Volkes.» (S. 44, 99)
1924, Lebensgeschichte eines Rebellen. Berlin, S. Fischer Verlag.
Kein Wunder also, dass Arthur Holitscher die Humantät des amerikanischen Richters aufgefallen ist.

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