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Bruno Latour zum Todestag (22.6.1947 – 9.10.2022)

von sketchblog_t091 | 09/10/2025 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Vor etwa 40 Jahren begann der Alte in seiner Klasse mit Computern zu arbeiten:
Logo-Programmierung im Rechenunterricht und gleich danach – auf eine Anmahnung durch die Kinder hin – im Schreibatelier mit Computern.

Stellte er seine Arbeit Kollegen, Beamten des Ministeriums und Wissenschaftlern vor, bekam er sogleich folgenden Satz zu hören:
“Aber der Computer ist doch nur ein Werkzeug!”, im Ausland: “The computer is just a tool!”
Den Alten störte von Anfang an und stört bis heute dieses ´nur ein Werkzeug´oder ´just a tool´, das nicht totzukriegen ist. So konnte man denn diese Woche in Zeitungen lesen: “KI und Ai sind doch nur Werkzeuge für den Menschen.”

Von Anfang an sah der Alte mehr in Computern, elektronischen Programmen und komplexen elektronischen Kontexten.
Besonders die Arbeit mit den von den Kindern aufgenommenen mündlichen Texten mit dem TEO-Programm bestärkten ihn in seiner Ansicht. Hier sah er, wie die Kinder die von ihnen bereits aufgenommenen Stimmen zu gegebenen Momenten neu mobilisieren konnten, um ihre Aussagen zu stützen oder weiter zu entwickeln.

Fehlte nur noch eine theoretische Legitimation seines Gefühls, wonach der Alte lange suchte, bis er sie im Werk Bruno Latours, der vor drei Jahren verstarb, fand.

Die Theorie hat den Namen ´Actor-Network Theory´ (ANT), welche Bruno Latour (übrigens aus der bekannten burgundischen Latour-Weindynastie) unter anderem mit Michel Callon und Annemarie Mol begründet hat.

Im Sinne dieser Theorie ist der Computer, sind die Programme und die elektronischen Kontexte nicht nur Werkzeuge, sondern echte (nicht-menschlichen) Akteure, weil sie einen Unterschied in der jeweiligen Tätigkeit oder Aktivität erzeugen:
Für Latour gilt folgender Grundsatz:

«An actor is not substitutable and must make a difference. »

Wie bei Célestin Freinet, so stehen auch bei Bruno Latours ANT die Arbeit, der Arbeitsfluss und die werkzeugbedingten Veränderungen im Zentrum jeder zielbewussten Lerntätigkeit:

«(…) we should say ‘worknet’ instead of ‘network’. It’s the work, and the movement and the flow, and the changes that should be stressed. (…) because tools are never ‘mere’ tools ready to be applied: they always modify the goals you had in mind. That’s what ‘actor’ means.» (p. 143)
(2005) Reassembling the Social – An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford, Oxford University Press.

Lernen und die daraus erwachsenden (wisssenschaftlichen) Erkenntnisse entstehen in einem kollektiven, unvorhersehbaren, kreativen Transformationsprozess, den Bruno Latour mit dem Rugbyspiel vergleicht:

«(…) le mouvement total d‘une balle, d‘un énoncé, d‘un artefact dépendra dans une certaine mesure de votre action mais davantage encore de celle d‘une foule de gens sur lesquels vous n‘avez pas de prise. La fabrication des faits, comme le jeu de rugby, est un processus collectif. (…) Les individus (…) sont (…) des multi-conducteurs (…) imprévisibles. (…) l‘objet est soumis à des modifications multiples quand il passe de main en main. Il n‘est pas simplement transmis d‘un acteur à son voisin par un processus collectif, il est composé collectivement par eux. Pas de transmission sans transformation. Pas de diffusion sans création.» (pp. 250, 251)
(1989) La science en action. Paris, Gallimard.

Faktoren wie Differenzen, Unsicherheiten, Unvorhergesehenes, Zögerlichkeiten , (tentativeness – den Terminus mag der Alte), Konflikte spieln auch im multilingualen Sprachenlernen eine determinierende Rolle:

Language learning presupposes a collective, communicative and interactional situation and a group formation (not pre-existing groups!) where more actors are simultaneously on a specific task «within a specific system of relations and network acting as a source of uncertainty.» (p. 44)
(2005) Reassembling the Social – An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford, Oxford University Press.

Bruno Latour verlangt sogar Verzögerungen im Lernprozess, um den Sprachen bewusster auf den Leib zu rücken: Die «necessity of hesitating» (p. 82), also die Notwendigkeit des Zauderns und Zögerns, garantiert erst einen wirklichen Spracherwerb.
(2010) The Making of Law – An Ethnography of the Conseil d’état. Cambridge, Polity Press.

Jede Lerntätigkeit ist im Rahmen der ANT notgedrungen das Produkt einer Menge oder eines Kollektivs von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren oder Aktanten:

«Action is a property of associated entities. (…) The attribution to one actor of the role of prime mover in no way weakens the necessity of a composition of forces to explain the action. (…) Action is simply not a property of humans but of an association of actants.» (p. 182) und:
«Humans are no longer by themselves. (…) other actants (…) now share our human existence (…).» (p. 190)
(1999) Pandora’s Hope – Essays on the Reality of Science Studies. Cambridge, Harvard University Press.

In Bruno Latours Sinn sind also Computer, elektronische Programme und Kontexte, AI und KI also Akteure und Aktanten, nicht nur Werkzeuge, sowie der Alte es intuitiv breits geahnt hatte.

Wer den Wissenschaftler Bruno Latour ganz menschlich erleben will, kann das hier tun:

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