Seite wählen

Célestin Freinet zum Geburts- und Todestag im Oktober (15.10.1896 – 8.10.1966)

von Taccuino Del Vecchio | 08/10/2025 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Die ersten Jahre in der Dorfschule war der Alte oftmals sehr verzweifelt.

Er war schlecht auf das Dorf vorbereitet. Seine Praktikumsklassen in der Stadt Luxemburg, auf Howald und in Hesperingen hatten aus Einzelklassen mit verhältnismäßig geringen Schülerzahlen (16-18 in etwa) bestanden.

Und nun 34 Schüler in einem 1. Und 2. Schuljahr auf dem Dorf! Und kein Saal!
Doch – Halt – der Schankraum des Festsaals der Gemeinde wurde kurzum zum Klassensaal für die Rabauken umfunktioniert. Er war ja kurz zuvor erst frisch gestrichen worden, so der Bürgermeister. Die Bar mit Zapfhahn hinten im Raum störe ja wohl nicht. Und der Toilettenzugang gleich rechts neben der Bar war ja eher günstig.

Da saßen wir nun mit einer kleinen Tafel auf Rädern. 1X2m maß das Ding!
Tapetenbahnen, mit Tesafilm an die Wand geklebt, mussten herhalten, um zusätzliche Instruktionen und Übungen festzuhalten.
Leider ging beim Abnehmen immer etwas Farbe mit, so dass der Jungspunt sich bald zum Rapport auf der Gemeinde wiederfand.
Da der angrenzende Ballsaal – vom röhrenformigen ´Klassensaal´nur durch eine verschiebbare Wand getrennt – regelmäßig an Wochenden für die lokalen Ballabende genutzt wurde, sahen Bar und Toiletten nach stundenlanger Benutzung am Montagmorgen oft nicht vertrauenerweckend aus. Auch so mancher schaler Humpen fristete noch sein Dasein in Ecken oder auf dem Tresen.

Die Suche nach Möglichkeiten, einen differenzierten Unterricht für die zwei Klassen zu garantieren, führte den Alten zuerst zum Spiritusdrucker (Ronéotype). Der war auch noch im Einsatz, als die Klasse am Ende des Schuljahres einen ´richtigen´ Klassenraum´ – früher der Kühlgenossenschaftsraum – im Parterre des Vereinsbaus bezog.

Zu kämpfen hatte der Alte aber immer noch mit der Masse der Schüler, mit der Arbeitsorganisation und besonders mit der Motivation seiner SchülerInnen, die vielfach aus schwierigen Familenverhältnissen kamen und/oder gerade erst eingewandert waren.
Kinder schliefen manchmal einfach ein, hatten kein Frühstück dabei, hatten keine Hausaufgaben geschrieben und bohrten Löcher in die Blätter beim Dikat.
Die Hefte waren mit Essensresten verklebt, im Schulranzen lauerten verschimmelte Brote und zermatschte Bananen: der Alte war oft dem Weinen nahe.
Altkluge Antworten der Schülerinnen aber lagen auch schon damals auf der Hand: Wozu schreiben lernen, wenn ich lieber meine Oma mit dem Telefon anrufe, so eine gewitzte Schülerin vor etwa 50 Jahren!

Der Schulinspektor, den der Alte bereits am Nikolaustag beim Lehrertreffen in der Kantonalhaupstadt um seinen Rat angefleht und um einen sofortigen Klassenbesuch gebeten hatte – ansonsten trete er nach Weihnachten nicht mehr an – hatte am Ende einen guten Rat, den ihm der Junglehrer lange nachgetragen hat:
“Ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Du brauchst ihnen nur das Lesen und Schreiben in 2 Jahren und im 1. Schuljahr Rechen bis 20 beizubringen. Das ist doch nicht die Welt!”
Lange Jahre danach erst hat der Alte verstanden, was der Inspektor ihm sagen wollte:
“Mach es selbst, denn keiner wird dir helfen, das mußt du selbst lösen. Nimm es in die Hand, du schaffst das!”

Jetzt begann die intensive Suche – zusammen mit dem einen oder anderen Lehrerkollegen – nach Alternativen zum herkömmlichen Unterricht, zu Formen der Pädagogik, welche die Lebenswirklichkeiten und die vielfältigen Interessen der Kinder als Basis für sinnvolles Lernen im kollektiven Austausch einer Schulgemeinschaft respektiert und strukturiert. Wie komme ich an meine SchülerInnen ran, damit sie begeistert lernen?

Dieser Prozess war langwierig. Es gab noch viel Heulen und Zähneknirschen.
Der Alte brauchte etwa 4-5 Jahre, die maßgeblich durch das Studeren der Werke Célestin Freinets (und auch Anton Makarenkos) geprägt.
Aber, ohne Célestin Freinet hätte der Alte noch lange suchen können und wahrscheinlich die institutionelle Pädagogik nie entdeckt.

Der französische Bildungswissenschaftler Philippe Meirieu bringt es hier auf den Punkt:

In einem zweiten Post wird der Alte auf seine Klasse und den Anfang seiner freinetischen Versuche zurückkommen.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Rezente Kommentare