DECOPRIM 1

Index-Sujets

Kino in der Erziehung


   

Wegen der ansteigenden Verbildlichung unserer Gesellschaft und der damit verknüpften Prognose, der Bilderkonsum könnte Einfluß auf die Aneignung von Realität haben, wird unter dem Begriff » visuelle Lesefähigkeit « die Frage aufgeworfen, ob Kinder und Jugendliche neben den traditionellen Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben nicht auch Bildersprache erlernen sollten. Wenn wir alle die Welt immer mehr über technische Bilder realisieren, dann kann man davon ausgehen, daß sich unsere Sehweise im Vergleich zu früher entschieden verändert hat. In einer Zeit also, in der die Menschen exzessivem Fernsehkonsum und anderen visuellen Reizen (Computer- und Videospielen) ausgesetzt sind, drängt sich eine gründliche Auseinandersetzung mit diesen Bildmedien auf.

 

Kinder nutzen nämlich die Medien in der Regel in ihrem sozialen Umfeld zu Hause in ihrer Freizeit. In der Schule kommen diese Medien - insbesondere der Film - nur sporadisch zur Geltung, mal als rekreatives Häppchen zwischendurch (z.B. am letzten Schultag vor Ferienbeginn), mal als Aufhänger zu einem Unterrichtsstoff (Geschichte, Sachkunde, ...), ohne daß dabei den Schülern allerdings die Möglichkeit gegeben wird, sich mit dem Filmangebot sprachlich auseinanderzusetzen. Ihr » aktiver « Mediengebrauch reduziert sich also auf die Verfügbarkeit von Medien im elterlichen Haushalt oder in der Schule. Die Kinder kommen im Prinzip schon sehr früh mit dem Fernseher in Verbindung. Mit drei Jahren gehören sie bereits zu den Stammkunden des Pantoffelkinos. Die Nutzungszeiten steigern sich mit zunehmendem Alter, wobei vor allem die Kinder im Vorschul- und Primarschulalter am stärksten betroffen sind, während ältere Jugendliche auf andere Freizeitaktivitäten zurückgreifen. Da im Familien- und Schulrahmen nur oberflächlich oder überhaupt nicht über Filmsprache geredet wird, müßte eigentlich die Schule diese Pflicht übernehmen und sich nicht mit Scheuklappenpädagogik ausschließlich den traditionellen Kulturtechniken widmen. Ob dieses Ziel realisierbar ist oder nicht, hängt schließlich von einer adäquaten Lehrerausbildung ab, doch beim Betrachten des ISERP-Stundenplans vermißt man schmerzlich ein medienpädagogisches Pflichtfach. Die traditionelle Ausrichtung des Lehrerberufes steht in diesem Kontext mehr denn je zur Diskussion, denn eine bebilderte Realität, die sich zunehmend in visuelle Reize aufzulösen beginnt (virtuelle Realität), wärmt die Fragen nach ästhetischer Ausbildung wieder auf. Nur bei einer solchen Voraussetzung kann dem Kind im Unterricht erklärt werden, wie es mit den Bildern umzugehen, wie es sie zu deuten hat. Nur so kann es begreifen, daß die Filmrealität eine künstlerische ist und im Laufe der Zeit eine eigene Sprache entwickelt hat. In diesen Kontext muß man die Eltern allerdings einbeziehen, sei es durch individuelle Beratung oder im Rahmen von Informationsversammlungen, in denen der Lehrer die Eltern über die Wichtigkeit eines solchen Unterrichts informiert.   Denn:

  Auf diese Weise bekäme man das oben erwähnte Dilemma in den Griff, Kinder in der Familie einem unkontrollierten Medienkonsum ausgesetzt zu lassen, zumal Fernsehbilder oft nur wenig kindgemäß sind. Kinder haben in der Tat Schwierigkeiten, die Gliederung von Filmen zu begreifen. Es hängt vom Alter ab, wie gut Kinder filmsprachliche Hinweise wie Schnitt, Überblendung oder Montage verstehen. So zerlegen Kinder im Vorschulalter - ob zu Hause oder in der Klasse - Filminhalte in kleine Einheiten, die oft kürzer als die Dauer von Szenen sind. In diesem Kontext brennen sich meistens nur einzelne Szenen in ihr Gedächtnis ein, eher als deren Zusammenhang.   Ein diesbezügliches Beispiel von Produkten aus der Klasse von Christian Schwarz, die sich den dänischen Film Hoppla Mama Mia (in luxemburgischer Sprache) angesehen hat: In diesem Streifen kommt es zu einer für den Plot relativ unwesentlichen Szene, als das Mädchen einen Apfel stehlen will, von einer Frau am Fenster aber von seinem Vorhaben abgebracht wird. Mehrere Kinder haben nach der Vorführung diese Szene, die nur fünf Sekunden gedauert hat, als beste des Films zurückbehalten und malerisch verarbeitet. Dazu die anschließenden Gespräche, die der Lehrer mit den Schülern über die gemalten Produkte geführt hat.  

(Kind=K; Lehrer =L)
Erstes Kind:
K: Do as de Männchen.
L: Wien? K: Weess n ët m éi.
L: Wat huet de Männchen am Film gemaach?
K: D'äppel geklaut.
L: Ah, du mengst d'Reike.
K: Do sin d'äppel, an do as de Butt ék, an do as d'Fra,
d éi eraus kuckt.
L: An hei?
K: Dat as e Bam.
L: War am Film och e Bam?
K: Nee.
L: A firwat hues du 2 Sonne gemoolt?
K: Well am Film zweemol d'Sonn komm as, wou hatt
gedreemt hat.
 

Zweites Kind:

L: Du hues dräi Biller gemoolt. Dann erziel mir emol,
wat do alles drop as!
K: Do as d'Haus, an do as d'Schoul, do as d'Joffer, an do
as d'Sonn, an do as, wou d'Reike d'äppel klaue w ëll.
L: A firwat hues du dat mat den äppel gemoolt?
K: Well ech dat sch éin fond hun.
L: An hei?
K: Do as de Pegasus, d'Sonn.
L: Sin dat Flill éken vum Pegasus?
  K: Do si lauter Woll éken, do as en Engelchen, do as s éng
Mamma am Himmel beim Engelchen.
L: As dat en Engelchen, deen mat der Mamm
dor ëmmer flit?
K: D'Mamm as dout.
L: An den Engelchen?
K: Dee kuckt jhust.
L: An hei?
K: Do as d'Reike, dem Reike s éng Fr ëndin a s énger
Fr ëndin s éng Mamm. Hei as den Auto.
L: Do sin awer 2 Auto ën. Wou kommen d éi dann am
Film vir?
K: Wou se do mam Päerd gefuer sin, wou dat anert
Meedchen war.
L: Um Turn éier?
K: Jo. Wou d'Reike gefall as.
L: An deen aneren Auto?
K: ...
L: As dat vläit dem Ludwig säin Auto? Wat hat de
Ludwig mam Auto gemaach, am Film?
K: Wien as de Ludwig?
L: De Monni, deen ëmmer an den Drecksk ëschte
gewullt huet.
K: Den Auto mam Seel geholl.
L: An d éi zwee do?
K: S éng Fr ëndin an d'Mamma.
L: Do wou se d'Schung kafe gaange sin?
K: Jo.
L: D'Reike wollt awer och matgoen. Virwat dann?
K: Hat wollt och nei Schong.
L: Ech mengen n ët, dat hatt nei Schong wollt.
K: Hat wollt n ët doheem alleng bleiwen.
   


Drittes Kind: K: Hei as nach eng K éier de Pegasus, d'Reike an
d'Mamma an eng Bloos, wou eppes drasteet.
L: Wat steet dann do?
K: Weess ech n ët.
L: W éi heescht d'Päerd dann?
K: Pegasus.
L: An hei?
K: Dem Reike s éng Fr ëndin, an s éng Mamma.
L: An wat steet dann do?
K: Mama Mia, Donald.
L: Kennst du den Donald Duck?
K: Jo.
L: A firwat hun se d'Päerd Donald genannt?
K: Well si am Stall vum Donald Duck geschwat hun.
 

Form und Inhalt Beim Filmverständnis geht es für viele nur darum, aus dem inhaltlichen Angebot die Aussage herauszufiltern oder zu interpretieren. Es genügt allerdings nicht, bloß herauszufinden, was uns der Regisseur mit seinem Produkt mitteilen möchte, es ist genauso wichtig, die formalen, gestalterischen Mittel zu verstehen, die er benutzt, um seine Geschichte zu erzählen. Es ist also elementar, die Ereignisse nicht ausschließlich auf handlungsorientierter, inhaltlicher Basis zu betrachten, sondern auch auf ästhetischer, d.h. man sollte versuchen, die künstlerischen Elemente (Bildkompositionen, Überblendungen, Licht-, Schatten- und Farbregie, Totale, Großaufnahme, Frosch- und Vogelperspektive) im Kontext des Plots oder der Figurenzeichnung zu deuten. Obschon Kinder eine Menge von Vorwissen mit in den Unterricht nehmen, muß ihnen dabei trotzdem unter die Arme gegriffen werden, sollen sie doch die Elemente des Plots und die filmsprachlichen Mittel zu einer kohärenten Story zusammenstricken. Daß dieses Vorwissen vorhanden ist, kann man an folgenden Beispielen belegen.    

Das dritte Schuljahr von Josette Schütz hat sich im Rahmen des Roeser Medienprojektes 1995/96 nur einen einzigen Film angesehen. In der zweiten Woche dieses Schuljahres stand der Film Danny, der Champion auf dem Programm. Hier ein kurzer Auszug aus der Diskussion während der Filmanalyse:  


* Bild vom Bösewicht. Die Musik wirkt bedrohlich. (Hier wurde das Bild angehalten.)
Lehrer: zeigt bloß auf das Bild.
K: Das ist der Jäger. Man erkennt ihn an der Mütze.
Und die Musik!
L: Was kannst du darüber sagen?
K: Die Musik ist spannend.
L: An was denkt ihr bei dieser Musik?
K: Man merkt, daß das der Bösewicht ist.
Bild vom Bösewicht im schwarzen Wagen.
L: Was kann man jetzt erkennen?
K: Er ist Engländer, das Steuer ist auf der anderen Seite.
L: Ihr habt gesagt, es sei der Bösewicht im Film.
Woran erkennt man das? Nicht nur an der Musik!
K: Am Auto.
L: Wie ist das Auto?
K: Schwarz. Schwarz ist eine böse Farbe.

Kommentar: Die Kinder kennen schon die schwarze Farbe als Symbol des Bösen, des Bedrohlichen und können auch musikalische Effekte richtig interpretieren, obschon dies im letzten Schuljahr beim Stummfilmklassiker von Chaplin The Kid nicht zur Sprache kam.    

Das zweite Beispiel stammt aus der Spielschulklasse von Christian Schwarz, die sich den Film Hoppla Mama Mia angesehen hat:

* D'Päerd k ënnt un. D'Sonn beliicht dem Reike säi Gesiicht.
L: Wat fällt iech hei op?
K: Hat as frou, dofir as et faarweg.
 

Kommentar: Hier wurden Gefühle im Bild erkannt und
richtig gedeutet. Das hell erleuchtete Gesicht der Hauptfigur zeigt, wie glücklich sie jetzt ist.  


Probleme gibt es dann, wenn es im Drehbuch zu kausalen Zusammenhängen zwischen zwei Szenen kommt, die z.B. einen Zeitsprung beinhalten. "Generelles Weltwissen wird benötigt, denn der Rezipient muß mit Hilfe seines generellen Weltwissens aus den gezeigten Szenen Schlußfolgerungen hinsichtlich des nicht gezeigten Geschehens ziehen." (Peter Ohler, 1994) Daß Kinder Schlußfolgerungen dieser Art ziehen können, beweist folgendes Beispiel aus einem vierten Schuljahr von John Welter. Allerdings muß bemerkt werden, daß diese Klasse sich letztes Jahr intensiv am Medienprojekt mit folgenden Filmen beteiligt hat: Die goldene Robbe - Free Willy - Danny, der Champion - The Kid - Mama, ech sin zu New York - Den Indianersummer - Mikki - Mikki an de Marki - Hoppla Mama Mia.  

* Das Mädchen tanzt vor dem Restaurant. Zwei Männer beobachten die Szene. Ihnen gehört offensichtlich das Restaurant.
L: Habt ihr schon einmal eine Frau gesehen, die mitten
auf der Straße tanzt? Warum tut sie das?
K: Sie macht das, um Geld zu verdienen.
K: Die zwei Männer im Bild wollen sie vielleicht für ihr
Restaurant haben.
L: Jetzt kommen die zwei Männer tatsächlich größer ins
Bild. Auf dem Schild steht "Dancing". Und jetzt sehen
wir nur die Köpfe der Männer. Sie diskutieren
miteinander. Sie wollen sie engagieren, sie wollen,
daß sie im Restaurant tanzt. Warum wohl?
K: Weil sie arm ist.
K: Weil die Männer sie brauchen.
  L: Und warum ausgerechnet diese Frau?
K: Weil sie schön ist.
L: Und warum muß sie schön sein?
K: Sie können doch keine alte Frau nehmen. Bei einer
schönen kommen mehr Männer ins Restaurant.
Überblendung: Das Mädchen tanzt schon im Restaurant
L: Was ist hier passiert?
K: Sie hat die Arbeit bekommen.
L: Was hat man mit diesem Trick nicht gesehen?
K: Wie die Männer die Frau gefragt haben.
 

Kommentar: Die Überblendung und der damit verbundene Zeitsprung, den Chaplin in dieser Szene einsetzt, wurden richtig interpretiert. Obschon das Wissen über filmische Darstellungsformen, wie etwa Kameraperspektiven und -einstellungen, Schnitt, Ton- und musikalische Effekte sowie Montage am schwierigsten zu erlernen sind, zeigt dieses Beispiel, daß "formale Mittel, die dem Rezipienten als Cues dienen, die das Verständnis der Narration erleichtern und narrationsbezogene Erwartungen generieren helfen." (Peter Ohler, ibid.)
Es versteht sich von selbst, daß diese formale Bildung nicht naturgegeben in jedem Menschen vorhanden ist, sondern daß diese Kenntnisse erst gezielt erworben werden müssen. Folgendes Gegenbeispiel belegt diese Meinung. Das vierte Schuljahr von John Welter und Modern Times:  

* Charlie kommt aus der Nervenklinik. Schiefe Kameraeinstellungen zeigen den Streß in unserer Gesellschaft.


L: Was fällt euch auf?
K: Die Bilder sind schief.
K: Ein Bild wird in das andere eingeblendet.
L: Was will Chaplin uns damit sagen?
K: Er geht in die große Stadt.
K: Er kommt in eine andere Welt.
L: Wie ist die Welt für ihn? Eine Welt voller ...
K: ... Menschen.
K: ... voller Autos.
K: Er ist wieder verrückt geworden.
L: Er fühlt sich nicht wohl. Die Welt voll Streß.
 

Kommentar: Hier haben sich die Zehnjährigen mit den schiefen Kameraeinstellungen und den Überblendungen schwer getan. Der Lehrer hat den Schülern praktisch die Antwort in den Mund gelegt, was zeigt, daß die Filmsprache nicht autodidaktisch erworben werden kann und den Schülern von Zeit zu Zeit geholfen werden muß.  


        Narratives Wissen spielt dagegen in der Filmbetrachtung eine zentrale Rolle. Selbst Vorschulkinder, die sich in diesem Schuljahr zum ersten Mal über einen Film äußern konnten, beweisen, daß dieses Wissen zumindest bei einigen Schülern vorhanden ist. Hier noch ein Auszug aus Hoppla Mama Mia:  

  * De Papp seet zum Meedchen: "Maach d'Spull, maach d éng Hausaufgaben a g éi akafen." L: De Papp huet elo e puer Saache gesot, d éi
d'Meedchen maache muss.
K: D'Spull maachen, akafe goen.
K: D'Hausaufgabe maachen.
K: Akafe goen.
K: Un de Schl ëssel denken.
L: Wat haalt dir dovunner? Musst dir d éi Saachen och
doheem maachen?
K: Nee.
L: W éi fant dir dat?
K: N ët l éif.
L: Wat as dann do an der Famill lass, dat hatt muss
akafe goen an d'Spull maachen?
K: Well s éng Mamm sech n ët m éi l éif fond hun.
K: De Papp an d'Mamm hun sech gestridden, an dofir
muss hat alles alleng maachen.
K: D'Mamm as vläit dout.
K: Si as op d'Aarbecht gaangen.
K: D'Mamm as am Match.
L: Am Match kann se n ët sin, well soss bräicht
d'Meedchen jo n ët akafen ze goen. D'Mamm as och
vläit krank a läit am Spidol.
 

Kommentar: Die Kinder greifen hier auf ihren Erfahrungsschatz zurück, sie wissen, daß ein Kind ohne Mutter Probleme hat, und können ebenfalls mehrere Ursachen für die fehlende Mutter (Tod, Arbeit, Scheidung) aufzählen.  
Normalerweise müßten aber Probleme bei der Filmgeschwindigkeit entstehen. In der Regel dauern Kameraeinstellungen (z.B. Aufnahme eines Objektes) nicht länger als nur einige Sekunden. Zur Grundausbildung eines jeden Regisseurs gehört es, einen Gegenstand nur so lange zu zeigen, bis der Zuschauer den Sinn des Bildes verstanden hat. Noch einmal das Beispiel vom Apfel aus dem Film Hoppla Mama Mia (Vorschule von Christian Schwarz):  
* En Apel g ët a Groussopnahm gewisen. D'Reike as grouss am Bild, an direkt duerno eng Fra, d éi aus enger F ënster kuckt.
 

L: D'Reike gesäit en Apel, an da gesäit hatt d éi Fra.
Wat as do geschitt? Wat wollt hatt maachen?
K: En Apel huelen.
L: Virwat h ëlt hatt den Apel da n ët?
K: Well d'Madame do kuckt.
L: A wann et den Apel g éif huelen, wat g éif da
gesch éien?
K: Du muss bezuelen.
L: Jo, d'Fra g éif vläit d'Police ruffen.
 


> Kommentar: Selbst Vierjährigen gelingt es, diese Bilderkombination richtig zu entschlüsseln. Die Großaufnahme des Apfels und die der zuschauenden Frau irgendwo aus einem Fenster wurde ohne Hilfestellung des Lehrers dekodiert und als Versuch des Stehlens interpretiert, obwohl die Sequenz nur wenige Sekunden gedauert hat. Das stellt die Behauptung von H. Sturm zumindest etwas in Frage, der 1989 behauptet hat, daß "... die Rasanz der Fernsehdramaturgie das für das Verständnis von Inhalten notwendige innere verbale Nachvollziehen verhindert." (Vortrag von H. Sturm: Medienspezifische Lerneffekte - eine empirische Studie zu Wirkungen von Hörfunk und Fernsehen. München 1972)

Theorie und Praxis Leider übernehmen sowohl Familie als auch Schule keine diesbezügliche Verantwortung und messen der Notwendigkeit, dem übermäßigen Fernsehkonsum Rechnung zu tragen, keine Bedeutung zu. Daß bewegte Bilder sich nicht selbst erklären, dürfte jedem klar sein. Ihr Verständnis ist nur davon abhängig, welche Voraussetzungen Kinder mitbringen, um etwas in Bildern zu entdecken. Sieht man sich obige Beispiele aus Projektwochen innerhalb des "Medienprojektes" an, merkt man schnell, daß sich bei einigen Kindern lange vor Schuleintritt durch den häufigen Umgang mit Bildmedien ein flüchtiges Leseverständnis von bewegten Bildern entwickelt hat. Medienpädagogische Absichten, die solche Bilderfahrungen nicht berücksichtigen, laufen mit Sicherheit Gefahr, von den Kindern gar nicht oder mißverständlich aufgenommen zu werden, was die Expertenabhängigkeit vom Lehrer etwas abschwächen sollte. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, daß die Medienerfahrungen in der Schule für die meisten Kinder eine völlig neue Situation darstellt. Zu Hause sehen diese Kinder zwar gemeinsam mit der Familie fern, es finden jedoch in diesem Rahmen so gut wie keine Gespräche über TV-Sendungen statt. So belassen diese Kinder es ausschließlich bei der Frage "Was ist auf dem Bild zu sehen?" statt sich damit auseinanderzusetzen und die Aussage, die mit dem Bild verknüpft ist, zu hinterfragen. Neben dem oben beschriebenen theoretischen Teil kommt hier der Praxis große Bedeutung zu. Die Handhabung einer Kamera, die Inszenierung eines kleinen Sketchs ermöglichen einen Einblick hinter die Kulissen des Filmschaffens, lassen Kinder erkennen, wie die Bilder am Schneide- und Mischpult produziert werden. So verstehen die Kinder, daß ein Fernsehbild immer nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit ist, die es darstellen möchte. Dazu Detlev Schmoor: "... ist es viel zu abstrakt und hilft Kindern wenig, die Wirkung und Aussagekraft von Kameraeinstellungen vorab erläutern zu wollen. Für das Entdecken und Erproben filmsprachlicher Mittel ist vielmehr eine aktive Herangehensweise angebracht. (...) Die Bildproduktion sollte im Sinne aktiver Aneignung der Bildanalyse vorausgehen." (Detlev Schnoor, 1992, Seite 160). Über diese Meinung kann man allerdings streiten. Denn: Kinder und Erwachsene, die über die filmsprachlichen Mittel durch verbale oder schriftsprachliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Werken der Siebten Kunst informiert sind, dürften bei der praktischen Anwendung weniger Probleme haben als diejenigen, die ohne Grundkenntnisse hinter der Kamera ihr Glück versuchen.

Albert Petesch
albert.petesch@ci.educ.lu
Primärschullehrer in Crauthem

Verantwortlicher des " Medienprojektes Roeser "


Vous pouvez nous envoyer vos questions et commentaires, ainsi qu'un aperçu sur vos expériences dans ce domaine.

Schicken Sie uns Ihre Fragen, Ihren Kommentar und eine Übersicht über eigene Erfahrungen in diesem Bereich.