Ein wüstes Viertes Schuljahr, sich schlagend, sich langweilend und
Sprüche klopfend, wurde während der Betrachtung der Bilder von A.
Browne immer stiller, nachdenklicher, ernster und irgendeiner sagte dann irgendwann:
"Das war die Kraft der Liebe".
Das sagte er so leise, aber mit soviel Nachdruck, dass alle Kinder Augenblicke lang
friedlich ineins waren. Sowas hatte es in dieser Klasse noch nie gegeben.
Der dunkle Raum, die Dias auf der Leinwand, die Geschichte von dem missmutigen, streitsüchtigen Bruder und der kleinen Schwester. Der Bruder verschwindet durch einen dunklen Tunnel und versteinert. Unerwartet geschieht etwas Unfassbares. Mit dem Tunnel geraten die Kinder in ihre untersten Seelenkammern. Die Quälerei, das Dunkle, das Grauen, der Tod, die Erlösung. Und danach? Die Kinder wollten unbedingt zu Wort kommen, unbedingt etwas fest halten, sie brauchten diese Geschichte nochmal.
Im weiteren Verlauf hat sich dann an den Erzählungen der Kinder gezeigt, wieviel von der Geschichte erinnert und mir eigenem verwoben wurde. Wieviel wird von einer Geschichte langfristig aufbewahrt und welche Bilderbücher haben solch eine Kraft und was vermögen sie noch auszulösen - dies waren kleine Fragen denen in einem ersten Versuch nachgegangen werden sollte. Nicht in einer isolierten Situation sondern in den alltäglichen Bedingungen, die in einer Schule vorliegen.
Es gibt wenige Bilderbücher, die solch eine wortlose Kraft in sich haben. Aber es gibt sie. Andere Bilderbücher erreichen ihren Schwung und ihre Tiefenwirkung nur durch die Vereinnahmung und erzählte Wiedergabe ihres Liebhabers. Als wärs ein Stück von sich selbst, so öffnet sich der erzählende Vorleser / vorlesende Erzähler dem Zuhörerkreis. Eigentlich gibt er, ohne sich blosszustellen, etwas preis, um zum Gespräch zu kommen; mit sich, mit anderen. Aber ein echtes Gespräch, kein didaktisiertes, kein durch methodische Überlegungen vorgeplantes, durchgeplantes, oft tiefenloses Gespräch.
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" Erzählen ist das einzige Spiel, das zu spielen sich lohnt"
Federico Fellini" |