Lesen-Vorlesen : psychoanalytisch

Rückblickend muss auffallen, wie radikal Vertreter der Lesealter-Theorien psychoanalytische Ansätze und Erklärungsmodelle zum Lektüreverhalten von Kindern und Jugendlichen, die zeitlich parallel erarbeitet und veröffentlicht wurden, negiert haben. In keiner historischen Darstellung zur literarischen Entwicklung wird mit ihnen eine argumentative Auseinandersetzung geführt

Dieser auffällige Tatbestand gehört wohl in den Bereich der historischen Vorurteilsforschung und die politische Geschichte des Antisemitismus. Dabei bestehen in den frühen psychoanalytischen Arbeiten in der Regel enge Beziehungen zu pädagogischen Fragestellungen und Überschneidungen mit zentralen Bereichen der Lesealter-Theorien: vergleichbare historische Befunde zu Lektüreprefärenzen im Altersablauf; das Problem unterschiedlicher Bewertung der Lesestoffe seitens der Erwachsenen und der Kinder; Vorstellung einer Höherentwicklung als psychischer Entwicklungsaufgabe im Medium spezifischer Literatur- und Lektüreformen.

Als zentrale Unterschiede sind dagegen anzusehen: Empirisch ermittelte Phänomene werden entschieden befragt auf die psychische Dynamik der Lektürprozesse und der Phantasietätigkeiten des Kindes und Jugendlichen; der Phantasie-Begriff rückt ins Zentrum literarischer Leseerlebnisse, und die Lustkomponente in der Lektüre erfährt erhöhte Aufmerksamkeit.

Das prekäre Verhältnis vieler Erwachsener zu den lustvoll verschlungenen Lesestoffen älterer Kinder und dessen Auswirkungen auf die Lektüreform hat die psychoanalytisch orientierten Forscher immer wieder beschäftigt. Exemplarisch für die Fragestellung können die einleitenden Bemerkungen von Edith Buxbaum in ihrer Abhandlung Detektivgeschichten und ihre Rolle in einer Kinderanalyse 1936 genommen werden:
"Der Detektivroman ist ein wichtiger Bestandteil der Literatur. Erwachsene und Kinder lesen ihn mit gespanntem Interesse und sind in gleicher Weise unwillig über jede Unterbrechung der Lektüre; während aber der Erwachsene, was und wann er will, lesen kann, sind die Kinder sehr oft gezwungen, sich mit ihrer spannnenden Letüre zu verstecken. Ein Teil der Erzieher hält es nämlich immer noch für richtig die Zöglinge vom Lesen dieser "Schundromane" abzuhalten oder sie dabei wenigstens soviel als möglich zu stören .

Die Erfahrung lehrt, dass pädagogische Massnahmen dieser Art - sei es nun, dass man verbietet, kritisiert oder versucht, die Verurteilung beim Kinde selbst hervorzurufen - zumeist fehlschlagen und nur den Erfolg haben, dass das Kind von nun an vorsichtiger ist. Wenn wir gegen eine Gewohnheit oder Unart der Kinder mit unserer Pädagogik und mit den Mitteln der Vernunft machtlos sind, nehmen wir an, dass sie eine unbewußte Bedeutung haben, zu deren Aufdeckung wir die Analyse zu Hilfe rufen können."

(Buxbaum 1936, 113)
Buxbaums Bemerkungen systematisch gelesen, besagen: Es gibt Literaturgenres, die bei Erwachsenen und (älteren) Kindern gleichermaßen beliebt sind (lustvolle Lektüre). Die Erwachsenen greifen aber in die Lektüreprozesse der gleichen Werke seitens der Kinder korrigierend oder zensierend ein (Abwertung bzw Verbot). Diese "pädagogischen Maßnahmen" bewirken in der Regel aber nicht Unterlassung, sondern Veränderung der Lektürepraxis (heimliche Lektüre). Die Ausweichbewegung des Kindes im Konflikt mit den erwachsenen Erziehern zeigt an, dass hier eine innere Dynamik vorliegen muss, innerhalb derer Befriedigung von tabuisierten "Bedürfnissen" gesucht wird.
Unter dem provokativen Titel Das Kind braucht keinen Schutz vor Schund. Es schützt sich selbst vertritt Bernfeld (1926) die These, dass Lektüre Ausdruck eines notwendigen psychischen Entwicklungsstadiums sei, ohne dass das Kind nicht "von einer primitiven kulturfernen Stufe zu einer höheren" fortschreiten könne. In den literarisch gefassten "Schundphantasien" arbeitet es lebensgeschichtlich früher angelegtes Konfliktpotential aus. Bernfeld bahnt hier das Kompensations-und Triebabfuhr-Theorem an, das bis heute in den Debatten über Gewaltdarstellung in den Medien eine zentrale Rolle spielt:

"Denn die Lektüre verleitet nicht im mindesten zum Tun. Vielmehr ist sie der Ersatz für die bereits überwundenen Impulse zu infantilen Verbrechen; sie ist ein Mittel, die Aktualisierung der verdrängten Tatimpulse zu verhindern, indem sie sich, blaß und entstellt genug, in der Phantasie befriedigen dürfen."

( Bernfeld 1926,1).

Diese Form der Lektüre stelle eine spezifische Art psychischer Konfliktbewältigung als Kulturleistung dar, die als Entwicklungsstadium den Zugang zu höheren Kulturformen ermögliche, aber nicht notwendig dorthin führen müsse; viele Erwachsene verharrten lebenslang auf der "Schundphantasie-Stufe". In der Lektüre erschließe sich das Kind eine Zwischenwelt und teile die Bilder, Emotionen, Gedanken als Phantasie von den Dingen der äußeren Realität ab; es sei ein Schritt in der Herausbildung eines differenzierten Verhältnisses von Innen- und Außenwelt. Dass sogenannte " Schundliteratur" als Ersatz für eigenen Phantasieaufwand tauge, könne nur jene Erwachsenen erschrecken, die ein idyllisches Bild vom Kind bewahren wollen und denen deshalb diese lustvolle Lektüre als "Ergebnis einer Verführung" erscheinen müsse. Diese Erwachsenen verwechseln das Motiv zur Lektüre mit deren Folgen. In Wahrheit ist die verpönte Kinderlektüre nichts als die kunstlose Niederschrift eben jener Phantasien, die das Kind spontan schafft, ob es nun Lektüre hat oder nicht. Darum liest es gerade solche Literatur so gern.

Mit der Betonung der Lustkomponente "Lektürelust" rückt das Verhältnis altersspezifischer Phantasien und bevorzugter Lesestoffe unter dem vereinseitigenden Aspekt ihrer Phantasiegehalte ins Zentrum. Märchen und spezifische kinderliterarische Texte bzw. solche bevorzugten Lektüren, die nach den ästhetischen Normen der Hochkultur als "minderwertig" eingestuft wurden, stehen nicht zufällig im Vordergrund der psychoanalytisch orientierten Erforschung von Kindheit und Jugend. Sie wurden und werden aufgefasst als Angebot zum tagträumerischen Phantasieren, und sie werden deshalb von den Forschern interpretiert im Hinblick auf ihre spezifischen Phantasiegehalte bzw -szenarien. Die Analogie von Tagtraum und literarischen Fiktionen ist spätestens seit Freuds kleiner Schrift Der Dichter und das Phantasieren (1908) ein kanonisches lnterpretationsmuster gewesen. Das Tagträumen als eine Form halluzinatorischer Wunschbefriedigung zeichnet sich dadurch aus, dass es lustvoll ist, sich die Wunscherfüllung auszuphantasieren, und dies kann auch in der Lektüre geschehen. Gegenüber "offen zutageliegendem" Wunschpotential gibt es aber auch - so lehrt die Psychoanalyse - unbewußte Wünsche, die auf Erfüllung drängen und insbesondere im Medium der Fiktion ihre Ausarbeitung erfahren können. ln dem psychoanalytischen Ansatz fanden neben dem Märchen in der frühen Kindheit deshalb gerade jene "Lesestoffe" erhöhte Aufmerksamkeit, die in der Lesealter-Theorie zwar registriert, aber als "minderwertig" von eingehender Analyse ausgeschlossen wurden. Da es sich hierbei um massenhaft verbreitete Lektüren handelt, die von der "Kunsterzieherbewegung" seit Wolgast (1896) als Schund und als schädlich für die literarische Entwicklung bezeichnet worden waren und die andererseits besonders gerne und freiwillig gelesen wurden (und werden), stellt der psychoanalytische Ansatz insofern eine Bereicherung in der Erforschung von Lektüreprozessen bei Kindern und Jugendlichen dar Zugleich fordert er eigentlich dazu heraus über die ästhetischen Normen und Maßstäbe der Bewertung von Kinder- und Jugendlektüre nachzudenken, zumal diese Lesephase die erste eigenständige im strengen Sinne ist.

Die Zuordnung von Lektürephasen zu dem psychoanalytischen Stufenmodell der psychosexuellen Entwicklung könnte den Anschein erwecken, dieses diene vorrangig oder ausschließlich zur "Interpretation" der Lektürprozesse auf den einzelnen Stufen. Im Unterschied zu den Lesealter-Theorien enthalten die psychoanalytischen Ansätze aber ein zusätzliches Merkmal zur Konstituierung der Lektürephasen: die Einstellung und Bewertung der bervorzugten Lektüren seitens der Leser selbst.

Käte Friedländer hat in ihrer Abhandlung Über Kinderbücher und ihre Funktion in Latenz und Vorpubertät (1941) diesen Aspekt der Phasenbildung durch die Leser hervorgehoben. Ausgehend von der Beobachtung, dass Erwachsene (Eltern und Pädagogen) die Lektüren, die sie früher vielleicht sogar selbst gern gelesen haben, als minderwertig und für Kinder ungeeignet bezeichnen, stellt sie fest, dass dieses Verhalten auch bei Kindern - in abgewandter Form - schon anzutreffen sei.
Während das Merkmal "Anziehung" noch mit der Methode der "Lieblingslektüre" erschlossen werden kann, ist "Verachtung" nur durch Befragung (oder zumindest direkte Beobachtung) zu ermitteln. Das Kriterium "Verachtung" wird zur Konturierung einer abgeschlossenen Phase verwendet. Die Phasenbildung beruht auf Selbstaussagen, sie wird vom einzelnen Leser selbst vorgenommen, und zwar rückblickend. Es ist generelles Kennzeichen des psychoanalytischen Ansatzes, dass Selbstaussagen und Eigenkommentare einzelner LeserInnen zur Analyse der Lektürprozesse und literarischen Entwicklung herangezogen werden und entsprechend erhoben werden müssen. Dominant bleibt bei der Erhebung empirischen Materials der Einzelfall, soweit es sich um die Erhellung differenzierter innerer Entwicklungsprozesse handelt.

Die psychanalytischen Ansätze der 20er und 30er Jahre konzentrieren sich auf lustvolle freiwillige Lektüre von Kindern und Jugendlichen; unter der Prämisse, dass Lektüre eine Funktion in der psychosexuellen Entwicklung haben kann (Lektüre als eine mögliche Form von halluzinatorischer Triebbefriedigung), stehen die Ausbalancierung von Triebstruktur und Ich- Funktionen (Bewußtseinsprozesse) im Vordergrund und nicht die Orientierung an einem ästhetischen Normkanon als Zielvorgabe. Angesichts der angenommenen hohen unbewußten Anteile im Lektüreprozeß ist ein ausgeprägtes Maß an differenzierten Selbstaussagen und situativem personengebundenem "Material" erforderlich; das eingehender Interpretation unterzogen werden muss. Gegenüber den Lesealter-Theorien, die methodisch die literarästhetische Entwicklung stärker an literarische Gattungen und Genres orientierten, liegt in den psycho-analytischen Ansätzen dieser Zeit eine Applikation des psychosexuellen Phasenmodells auf die Lektüreprozesse von Kindern und Jugendlichen vor .

aus: Eggert. H./Ch. Garbe: Literarische Sozialisation, J.B. Metzler, 1995.

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