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Zunächst sind Kinder vollauf damit beschäftigt, einzelne Ereignisse, aus denen sich das zu erzählende Geschehen zusammensetzt, zu identifizieren und zu benennen. Obwohl sie dabei gelegentlich auch den Versuch machen, einzelne solcher Ereignisse zu additiven Folgen zu verknüpfen, gelingt es ihnen noch nicht, den zwischen diesen Ereignissen bestehenden Zusammenhang auszudrücken und für den Hörer nachvollziehbar zu machen. Charakteristisch für die Texte dieser Stufe ist u.a., dass sie viele " Bildpropositionen" (= durch die Vorlage gestützte Äußerungen), aber nur wenige "Inferenzen"'enthalten. Wir sprechen von der Stufe "isolierter Ereignisse". Auf der weiteren Entwicklung gelingt es den Kindern, die dargestellten Ereignisse nach dem Muster "erst geschieht dies, dann das, dann jenes" temporal miteinander zu verbinden. Es entsteht so ein einigermaßen nachvollziehbarer Text, der allerdings keinerlei Hinweise auf die Absichten der handelnden Personen oder auf die Ursachen von Ereignissen enthält. Wir sprechen hier von der Stufe der "linearen Verknüpfung" der Ereignisse zu "Ereignisfolgen " Im nächsten Niveau weisen die Erzählungen ein beachtliches Maß an Kohärenz auf. Die Aktanten und der Ort des Geschehens werden meist korrekt eingeführt, und es gelingt den Kindern im allgemeinen auch, anschließend so darauf Bezug zu nehmen, dass der Zusammenhang für den Hörer verständlich wird. Vor allem lassen die hierher gehörigen Texte aber das Bemühen der Kinder erkennen, der Verlauf der Ereignisse im Sinne einer spezifischen Handlungslogik zu strukturieren: Aus einer Folge alltäglicher Ereignisse lieben sie ein besonderes Ereignis heraus, das zum Auslöser einer Reihe von Folgeereignissen wird - wir sprechen auf dieser Stufe deshalb von "handlungslogisch strukturierten Texten". |
Auf der letzten Stufe gelingt den Kindern der Übergang zu erzählenden Texten. Deren entscheidendes Merkmal besteht in einer neuen ästhetischen Qualität, die aus dem Versuch resultiert, den Text für den Hörer interessant, unterhaltsam, spannenend u.s.w zu machen. Dieses Bemühen äußert sich vor allem in einer "Dramatisierung" des erzählten Geschehens, die durch solche sprachlichen Mittel erreicht wird, wie z.B. schnelleres / lauter / nachdrücklicheres Sprechen, den Gebrauch von Adverbien wie "plötzlich", "auf einmal", "wie aus heiterem Himmel" sowie emotional besetzter Interjektionen, die Verwendung der direkten Rede u.s.w. Auf dieser Stufe "narrativ markierter und strukturierter Texte" finden sich dementsprechend die Konstituenten " Exposition", "Komplikation", "Auflösung", wenn auch manchmal noch unvollständig. Die Entwicklung der Erzählfähigkeit läßt sich als ein allmählicher Aufbau dieses Schemas "im Kopf" der Kinder beschreiben: Aus anfänglich isolierten Einzelereignissen werden linear verknüpfte Ereignisfolgen, deren Komponenten im Übergang zur nächsten Stufe einer handlungslogischen Strukturierung unterzogen werden. Aus einer additiv oder allenfalls temporal (mit "und dann") verknüpften Ereignisfolge werden im Zuge dieses Übergangs alltägliche "Setting"-Ereignisse, zu denen Ereignisse im Kontrast stehen, die den "Auslöser" von "Folgeereignissen" bilden. Damit sind die für eine Erzählung konstitutiven strukturellen Komponenten vorhanden, die im Übergang zu vierten Stufe durch "narrative Markierungen" auf diejenige Eben überführt werden, die die narrativen Konstituenten der "Exposition", der "Komplikation" und der "Auflösung" enthalten. Über die "Logik" die hinter dieser als Aufbau des "Erzählschemas'" interpretierten Entwicklung der Erzählfähigkeit steht, ist damit natürlich noch nichts gesagt, und ebensowenig ist damit "erklärt", wie dieser Entwicklungsprozeß in Gang kommt und wie er in Gang gehalten wird. |
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Man kann aber davon ausgehen, dass dieser Prozeß der Erzählentwicklung in engem Zusammenhang mit der Entwicklung kognitiver interaktiver und sprachlicher Fähigkeiten zu sehen ist:
Ein Sprecher muss einen Sachverhalt, einen Vorfall, eine Reihe von Ereignissen, ein Geschehen u.s.w identifiziert und verstanden haben, um davon erzählen zu können. Ebenso konstitutiv für das Gelingen einer Erzählung ist es, dass der Erzähler die Situation, in die er erzählen möchte, richtig einschätzt. Außerdem muss er in der Lage sein, sich in seine Zuhörer hineinzuversetzen und ein Urteil darüber zu fällen, welche Informationen diese brauchen, um das, was erzählt werden soll, verstehen zu können. Und nicht zuletzt muss er beurteilen können, ob das, was er erzählen möchte, nicht nur für ihn selber sondern auch für die anderen "erzählenswert'" ist. Wir bezeichnen das damit angedeutete Wissen als "interaktives Wissen".
Selbstverständlich muss ein Erzähler nicht zuletzt über ein hinreichendes Maß an "sprachlichem Wissen" verfügen. Er muss z.B die für die Darstellung eines bestimmten Sachverhalts wesentlichen Wörter kennen. Er muss weiter über syntaktische Fähigkeiten und über Mittel verfügen, die es ihm ermöglichen, die einzelnen Äußerungen zu einem kohärenten Text zu verbinden. Sprachliches Wissen ist darüber hinaus aber auch gefordert bei der narrativen Kodierung eines Textes: Der Erzähler muss wissen, mit welchen spezifisch narrativen " Markierungen'" er eine handlungslogisch strukturierte "Textbasis"' in einen Erzähltext mit den Konstituenten " Exposition" - "Komplikation'" - "AufIösung'" überführen kann.
Die bisherige Forschung hat die Entwicklung der Erzählfähigkeit im wesentlichen als einen Prozess sprachlicher, allenfalls ansatzweise auch als einen Prozess kognitiver Entwicklung gesehen. Demgegenüber wird man in Zukunft davon auszugehen haben, dass dabei ebenso auch die Entwicklung interaktiver Fähigkeiten (z.B. im Blick auf die Perspektivenübernahme) und - in einem wesentlich stärkeren Masse als bisher angenommen - die kognitive Entwicklung eine Rolle spielt. Die Psychologie ist dabei, für den Erwerb dieses verschiedene Bereiche umgreifenden "Wissens" neue Erklärungsansätze zu erarbeiten, an denen sich die Erzählforschung künftig wird orientieren müssen.
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Je mehr Erzählungen von Kindern ich auf Kassette aufnehme, transkribiere und über die Erzählungen nachdenke, desto mehr zweifele ich an dem additiven Stufenmodell von Boueke/Schülein. Ich entdecke eigentlich von Anfang an Ganzheiten. Sie entstehen jedoch erst nach Tagen des "Stillschweigenden Verstehens" und eben nicht zum gleichen Zeitpunkt wenn die Geschichte im Unterricht eintrifft. |
Zu diesem Maul erzählen achtjährige Kinder - schriftlich - so:
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Tamara
Das Kamell hat vürchterliche Ohren
Jens
Das Lama Baby hat Hunger. Es ist heiss. Mitten in Ende
Flo
Ein kamel war in der Wüste es hate so dorst es |
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Vanessa
Es war einmal ein Mätchen und ein kamelion. Sie
Michael
Es war einmal eine kleine Giraffe die heulte und
Das Kamel weind es war draurig was hat es nun
Torsten Jakobi
Das Lama weint weill es hunger hat. Das Lama
Anna I.
In einem Tal da lebten eine Kamelen und 1 War
Christian C.
Es war einmal eine Mäusemutter sie hatte ein |
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