OH SARA, MÄI GUTT, DO BASS DE JO, ECH SCHREIWEN DIR DIREKT ZRÉCK!
Seit Januar 97 schreiben sich unsere Erstklässler regelmässig Briefe:
Wir befragten die Kinder nach ihrer Meinung zu den Briefen und ihrem neuen Brieffreund.
Die meisten Kinder nehmen die ersten Briefe begeistert in Empfang, obwohl sie sich bis jetzt nicht näher kennen.
Alle geben sich große Mühe, die erhaltenen Briefe zu lesen, was jedoch für einige noch nicht so
einfach ist, da alle Briefe handgeschrieben sind.
Einige Kinder sind bereits nach einem Briefwechsel mit ihrem/r Brieffreundin verbunden. z.B. "Oh Sara, mäi
Gutt, do bass de jo, ech schreiwen der direkt zréck", ruft Laurène, als die Briefe ankommen.
Andere scheinen befremdet. Sie begutachten die Briefe mit Skepsis, wissen nicht so recht, beobachten die Reaktionen
der anderen.
Alle behandeln die Briefe als etwas sehr Kostbares und passen auf, wie sie sie aufbewahren.
Erstaunlich ist, dass es für die Kinder selbstverständlich scheint, dass die Briefe aufbewahrt werden.
Dieser Aspekt wird auch immer wieder von den Eltern in ihrem Fragebogen betont: Briefe werden als Andenken, als
bleibende Erinnerung, als Information, die man immer wieder erneut lesen und aufbewahren kann, betrachtet.
Uns interessierte hauptsächlich zu sehen wie Kinder (einer 1. Klasse) mit schriftlicher Kommunikation umgehen
und welche Ebenen der Kommunikation sie nutzen.
Beispiel aus dem Briefwechsel zwischen Sarah und Laurène:
Laurène unterstreicht ihren Wunsch nach einer Freundschaft mit Sarah, den sie schon schriftlich
ausgedrückt hat, indem sie ihren Brief mit vielen kleinen Herzchen beendet.
Auch die Tatsache, dass beide Mädchen sich gegenseitig beim 1. Treffen beschenken, drückt den Wunsch
nach Freundschaft aus, besonders wenn man beachtet, dass diese Geschenke zu Hause hergestellt wurden, also nicht im
schulischen Bereich.
Ist da also vielleicht eine leise "Stimme" zu vernehmen?
Wird die Korrespondenz im Sand verlaufen oder wird ein echter Austausch zwischen
einigen Schülern zustande kommen?
In einem Interview haben wir die Kinder auf diese Punkte hin befragt, um vielleicht eine
" Stimme" zu erkennen:
In ihren Erlebnisbüchern benutzen beide ebenfalls mehrere Ebenen, um mitzuteilen,
was sie erlebt haben.
Elisabeth gestaltet ihr Papier auf sehr persönliche Weise (sie zieht farbige Linien) und
lässt viel Raum für ihr Bild. Dieses Bild ergänzt den Text, da dort von der Seilbahn
keine Rede ist.
Julie erwähnt im Text zweimal die Tatsache, dass sie eine neue Freundin
hat und unterstreicht dies durch das gemalte Porträt ihrer Freundin.
Beide "erzählen" von ihrer Freundschaft.
Wir stellen fest, dass diese Texte eher den Charakter eines Berichtes (erweiterter Aspekt von storying) haben,
während die Briefe sehr persönlich und ich-bezogen sind.
Hauptschwierigkeit bei der Klassenkorrespondenz durch Briefe ist die lange Zeitspanne zwischen dem
Absenden der Briefe und dem Erhalt der Antwort darauf.
Ausser dem Briefeschreiben gibt es jedoch noch andere Möglichkeiten des Austauschs.
Diese sind leider in der Schule nicht immer leicht umzusetzen:
Telefonieren in der Schule ist technisch nicht so einfach: 17 Kinder wollen mit 21 anderen Kindern sprechen.
E-mail ist in den wenigsten Schulen vorhanden und setzt technische Einrichtungen voraus. Diese Art der
Kommunikation spielt eine dynamisierende Rolle im Austausch beider Klassen da zwischen Absenden und Empfang
die kürzeste Zeitspanne schriftlicher Kommunikation liegt: Ein promptes Antworten und ein lebendiger
schriftlicher Dialog werden möglich. Dies gibt die Möglichkeit einer authentischen
Kommunikation, einer bedeutungstragenden Aktivität und Interaktion bei der ein enger Zusammenhang
zwischen Handlung und Sprache besteht.
Faxen ist eine weitere Austauschmöglichkeit. Das Dokument des Empfängers ist jedoch weniger ansprechend,
da die Bilder und Zeichnungen nur in Grautönen übermittelt werden.
Verschicken einer aufgenommenen Video-Kassette ist für die "Hersteller-Klasse" mindestens genauso
spannend wie für die "Empfänger-Klasse". Hier kann man schriftliche Dokumente vorzeigen und diese
auch mündlich kommentieren.
Video-Konferenz wäre an sich am ansprechendsten und für die Zukunft wünschenswert. Auf Knopfdruck
kämen wir uns näher und könnten uns austauschen. Sprache (mündlich und schriftlich) und Bild
sind miteinander verbunden.
Ob dies für die Schulen in Zukunft jedoch ein Mittel ist, das sich durchsetzen kann, wird sich zeigen.
Von diesen Möglichkeiten hat der Brief den Vorteil, dass man ihn sehr persönlich gestalten und sich auf
verschiedene Ebenen ausdrücken kann durch.
Seinerseits kann der Briefempfänger einen Brief auf vielen Ebenen lesen. Er kann die Handschrift und
Gestaltung auf seine Art interpretieren sowie zwischen den Zeilen lesen.
Dies ist eigentlich nur noch zum Teil bei einem Telefongespräch möglich, wo Ausdruck der
Stimme, Wahl der Wörter, Intonation und ggf. Pausen zwischen den Wörtern oft mehr aussagen als
das Gespräch selbst.
Die Klassenkorrespondenz wirft eine weitere Frage auf: Wie korrespondieren Eltern und Familie und wie
kommunizieren sie über Distanz miteinander?
Ein Fragebogen dazu gab uns Aufschluss.
Die Eltern-Fragebögen zeigen, dass:
Juni 1997