OH SARA, MÄI GUTT, DO BASS DE JO, ECH SCHREIWEN DIR DIREKT ZRÉCK!

DECOPRIM 1/97 : suite

Nancy Gasperini
1. Schuljahr;
Bettborn
Joëlle Max
1. Schuljahr
Münsbach

Seit Januar 97 schreiben sich unsere Erstklässler regelmässig Briefe:

Wir befragten die Kinder nach ihrer Meinung zu den Briefen und ihrem neuen Brieffreund.
Die meisten Kinder nehmen die ersten Briefe begeistert in Empfang, obwohl sie sich bis jetzt nicht näher kennen. Alle geben sich große Mühe, die erhaltenen Briefe zu lesen, was jedoch für einige noch nicht so einfach ist, da alle Briefe handgeschrieben sind.
Einige Kinder sind bereits nach einem Briefwechsel mit ihrem/r Brieffreundin verbunden. z.B. "Oh Sara, mäi Gutt, do bass de jo, ech schreiwen der direkt zréck", ruft Laurène, als die Briefe ankommen. Andere scheinen befremdet. Sie begutachten die Briefe mit Skepsis, wissen nicht so recht, beobachten die Reaktionen der anderen.
Alle behandeln die Briefe als etwas sehr Kostbares und passen auf, wie sie sie aufbewahren.
Erstaunlich ist, dass es für die Kinder selbstverständlich scheint, dass die Briefe aufbewahrt werden. Dieser Aspekt wird auch immer wieder von den Eltern in ihrem Fragebogen betont: Briefe werden als Andenken, als bleibende Erinnerung, als Information, die man immer wieder erneut lesen und aufbewahren kann, betrachtet.
Uns interessierte hauptsächlich zu sehen wie Kinder (einer 1. Klasse) mit schriftlicher Kommunikation umgehen und welche Ebenen der Kommunikation sie nutzen.

Als wir uns näher mit den Briefen auseinandersetzten, stellten sich für uns mehrere Fragen; wir versuchten Antworten darauf zu finden:
Beispiel aus dem Briefwechsel zwischen Elisabeth und Julie:
Elisabeth schickt ein Foto mit, auf dem sie ihre Katze im Arm hält. Das Foto stellt sie so dar, wie sie ist: etwas scheu und Katzen über alles liebend. Außerdem hat sie ein Bild von sich (fröhlich) und ihrer Katze gemalt, was das Geschriebene ergänzen soll.
Sie teilt sich durch verschiedene Ebenen der Darstellung mit (Brief, Foto und Zeichnung) und ihre Brieffreundin Julie verstand es, diese verschiedenen Ebenen zu "lesen".
In ihrem Antwortschreiben geht Julie nicht auf Elisabeths Familie ein, sondern schneidet das gemeinsame Thema Katzen an. Sie berichtet vom Wunsch nach einer Katze, schreibt über ein Katzenbuch und malt ein sehr detailliertes Bild aus diesem Katzenbuch, was das gemeinsame Interesse verdeutlichen und vertiefen sollte.
Bei Julie und Elisabeth spielt also auch die zeichnerische Ebene von " literacy", neben der schriftlichen, eine bedeutende Rolle.
Für Julie ist es wichtig, dass ihre neue Freundin " schön" ist, während dies für Elisabeth unwichtig ist. (Zitat E.: " Et as Egal ob hat e bëssen déck as, hatt as méng Frëndin! !")

Beispiel aus dem Briefwechsel zwischen Sarah und Laurène:
Laurène unterstreicht ihren Wunsch nach einer Freundschaft mit Sarah, den sie schon schriftlich ausgedrückt hat, indem sie ihren Brief mit vielen kleinen Herzchen beendet.
Auch die Tatsache, dass beide Mädchen sich gegenseitig beim 1. Treffen beschenken, drückt den Wunsch nach Freundschaft aus, besonders wenn man beachtet, dass diese Geschenke zu Hause hergestellt wurden, also nicht im schulischen Bereich.
Ist da also vielleicht eine leise "Stimme" zu vernehmen?


Wird die Korrespondenz im Sand verlaufen oder wird ein echter Austausch zwischen einigen Schülern zustande kommen?
In einem Interview haben wir die Kinder auf diese Punkte hin befragt, um vielleicht eine " Stimme" zu erkennen:

Im Vergleich zu ihren Eltern empfinden sie im Moment das Briefeschreiben als genauso wichtig (durch das beigefügte Foto "kann man sehen mit wem man spricht") wie das Telefonieren ("Um Telefon kritt een direkt eng Äntwert").
Es ist für die Kinder auch wichtig zu wissen, dass der Kontakt nicht auf das Briefeschreiben beschränkt bleibt, deshalb haben wir ein Klassentreffen organisiert. Die Kinder lernen sich im gemeinsamen Spiel kennen. Für uns ergibt sich die Möglichkeit, die neuen "Freundschaften" zu beobachten:
So sahen es die Kinder:

In ihren Erlebnisbüchern benutzen beide ebenfalls mehrere Ebenen, um mitzuteilen, was sie erlebt haben.
Elisabeth gestaltet ihr Papier auf sehr persönliche Weise (sie zieht farbige Linien) und lässt viel Raum für ihr Bild. Dieses Bild ergänzt den Text, da dort von der Seilbahn keine Rede ist.
Julie erwähnt im Text zweimal die Tatsache, dass sie eine neue Freundin hat und unterstreicht dies durch das gemalte Porträt ihrer Freundin. Beide "erzählen" von ihrer Freundschaft.
Wir stellen fest, dass diese Texte eher den Charakter eines Berichtes (erweiterter Aspekt von storying) haben, während die Briefe sehr persönlich und ich-bezogen sind. Hauptschwierigkeit bei der Klassenkorrespondenz durch Briefe ist die lange Zeitspanne zwischen dem Absenden der Briefe und dem Erhalt der Antwort darauf.

Ausser dem Briefeschreiben gibt es jedoch noch andere Möglichkeiten des Austauschs. Diese sind leider in der Schule nicht immer leicht umzusetzen:
Telefonieren in der Schule ist technisch nicht so einfach: 17 Kinder wollen mit 21 anderen Kindern sprechen.
E-mail ist in den wenigsten Schulen vorhanden und setzt technische Einrichtungen voraus. Diese Art der Kommunikation spielt eine dynamisierende Rolle im Austausch beider Klassen da zwischen Absenden und Empfang die kürzeste Zeitspanne schriftlicher Kommunikation liegt: Ein promptes Antworten und ein lebendiger schriftlicher Dialog werden möglich. Dies gibt die Möglichkeit einer authentischen Kommunikation, einer bedeutungstragenden Aktivität und Interaktion bei der ein enger Zusammenhang zwischen Handlung und Sprache besteht.
Faxen ist eine weitere Austauschmöglichkeit. Das Dokument des Empfängers ist jedoch weniger ansprechend, da die Bilder und Zeichnungen nur in Grautönen übermittelt werden.
Verschicken einer aufgenommenen Video-Kassette ist für die "Hersteller-Klasse" mindestens genauso spannend wie für die "Empfänger-Klasse". Hier kann man schriftliche Dokumente vorzeigen und diese auch mündlich kommentieren.

Video-Konferenz wäre an sich am ansprechendsten und für die Zukunft wünschenswert. Auf Knopfdruck kämen wir uns näher und könnten uns austauschen. Sprache (mündlich und schriftlich) und Bild sind miteinander verbunden.
Ob dies für die Schulen in Zukunft jedoch ein Mittel ist, das sich durchsetzen kann, wird sich zeigen. Von diesen Möglichkeiten hat der Brief den Vorteil, dass man ihn sehr persönlich gestalten und sich auf verschiedene Ebenen ausdrücken kann durch.

Seinerseits kann der Briefempfänger einen Brief auf vielen Ebenen lesen. Er kann die Handschrift und Gestaltung auf seine Art interpretieren sowie zwischen den Zeilen lesen.
Dies ist eigentlich nur noch zum Teil bei einem Telefongespräch möglich, wo Ausdruck der Stimme, Wahl der Wörter, Intonation und ggf. Pausen zwischen den Wörtern oft mehr aussagen als das Gespräch selbst.
Die Klassenkorrespondenz wirft eine weitere Frage auf: Wie korrespondieren Eltern und Familie und wie kommunizieren sie über Distanz miteinander?
Ein Fragebogen dazu gab uns Aufschluss.
Die Eltern-Fragebögen zeigen, dass:

Briefe sind bleibende Dokumente, Briefe sind eine Erinnerung, die Freude schenken kann, Briefe ermöglichen es die Gedanken zu ordnen und in treffende Worte zu fassen. Zitat einer Mutter: "All Dabo kann tëlefonéieren, mais nët jiddfereen kann e schéine Bréif opsetzen."
Unsere Klassenkorrespondenz hat mit dem Briefeschreiben begonnen, doch haben wir vor zusammen mit den Kindern auch andere Möglichkeiten auszuprobieren: weitere Klassentreffen, Geschichten, Lesemorgen, faxen, Video-Kassette, Telefon und selbstverständlich weitere Briefe. Ob wir im Verlauf der weiteren Korrespondenz eine Antwort auf unsere Fragen finden, wird sich herausstellen.

Juni 1997

DECOPRIM 1/97 : suite

Nancy Gasperini
1. Schuljahr;
Bettborn
Joëlle Max
1. Schuljahr
Münsbach