DECOPRIM 1

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Wie man zu dritt ....



Eigentlich fand ich es schon verblüffend, wie schnell Helgi die deutsche und etwas später die luxemburgische Sprache erlernte und beherrschte. Er schien sich schnell in die Klassenkultur eingebürgert zu haben, fand Kollegen seines Alters und verlor auch mehr und mehr die Scheu vor mir. Ab Ende des zweiten Trimesters des 1. Schuljahres kam er immer öfter zu mir, um dies und jenes von hier und dort zu erzählen.

Auch im Fach Mathematik gab es keine wirklichen Hindernisse für ihn.

Von Anfang an war es sogar erstaunlich, wie gern er Geschichten zuhörte (ich fragte mich immer, was er denn nun verstehe). Er saß oft in der Leseecke, meistens allein, mit einem Buch, welches natürlich nicht in seiner Muttersprache war. Lange konnte er bei Büchern verweilen und ließ sich nicht stören. Manchmal vergaß er alles, was um ihn herum geschah, und war ganz vertieft in “seine Geschichte”.

Doch lesen, laut vorlesen, hörte ich ihn nicht. Er wollte nicht! Konnte er lesen oder nicht? Im Sportunterricht, im Rechnen, kurz überall dort, wo ich merkte, wie gern und oft er mitmachte und aktiv an allem beteiligt war, kam es doch vor, daß er seinen Dickschädel einsetzte und das kategorische “Nein” überzeugend über die Lippen brachte. Auf jeden Fall wollte er sich nicht bloßstellen (wer will dies schon). Er mußte sich schon sehr sicher sein, um etwas öffentlich in der Klasse kundzugeben, sogar im Rechnen, wo er merkte, daß wir seine Stärke erkannt hatten.

Kein einziges kleines Wort wollte Helgi lesen oder auch schreiben. Er schüttelte stets verneinend den Kopf. Er wollte weder vor der ganzen Klasse, noch in einer kleineren Gruppe, weder zu dritt (2 Schüler und die Lehrerin) oder individuell (allein mit mir oder einem anderen Schüler) lesen. Einige sehr bekannte, oft gesehene Wörter versuchte Helgi zu lesen, aber sehr zaghaft. Er brach meistens mitten im Versuch wieder ab.

Ich ließ nicht los und versuchte es immer wieder mit bekannten und unbekannten Texten, Büchern u.a.. Beim Erzählen jedoch zögerte Helgi immer weniger. Je sicherer er in seiner deutschen und luxemburgischen Sprache wurde, desto mehr wagte er zu erzählen, zu Bildern zu berichten, etwas zu beschreiben, von zu Hause kleinere und größere Begebenheiten mitzuteilen.

Helgi kam aus Island am Ende der vorletzten großen Ferien, kurz vor Beginn des ersten Schuljahres. Natürlich sprach er nur seine Muttersprache, Isländisch.

Ich muß hervorheben, daß ich Helgis Mutter äußerst oft gesehen und gesprochen habe. Wir verständigen uns bis heute in englischer Sprache.

Es wurden nur Kleinigkeiten ausgetauscht. Ich wagte es nicht, zum Kern der Sache zu kommen, nämlich, daß es keinen Fortschritt, keinen sichtbaren, in Helgis Lesefähigkeit gab.

Auch wenn ich alles in die englische Sprache übersetzte und die Mutter noch am Vortag mir klar zusagte, daß es verstanden wurde, war am folgenden Tag alles wie weggeblasen: Helgi vergaß, dies und jenes mitzubringen, etwas zu Hause zu beenden oder zu erledigen. Die Mutter reagierte stets unschuldig und behauptete, alles sehr wohl verstanden zu haben, doch sah sie es wahrscheinlich als nicht so wichtig oder nötig an.

Erst nach einem langen Streitgespräch sahen wir beide ein, daß etwas unternommen werden müßte. Wir setzten uns gemeinsam an einen Tisch und unterhielten uns über folgende Punkte:

  • Wie wurde und wird Helgi erzogen?
  • Wie sieht Helgis Mutter das Lesen?
  • Was denkt sie über das Schulsystem hier im Vergleich zu
  • dem in ihrem Heimatland?
  • Was und wie denkt sie über die Hausaufgaben?
  • Was denkt ihr Sohn über die Schule hier?

Ich stellte fest, daß die familiäre Wurzel und der kulturelle Hintergrund eine große Rolle spielen und ausschlaggebend für das Verhalten sowohl der Mutter als auch ihres Sohnes sind. Wie ein Schüler, besonders ein ausländischer Schüler, in der luxemburgischen Schule lernt, hängt ganz viel von seiner Herkunft ab. Wie die Eltern und ihr Kind die schulische Realität in ihrem Gastland im Vergleich zu ihrem Heimatland sehen, sagt viel aus über die Aussichten des Lernens in der Schule.

Ist der soziale Hintergrund auch so wichtig? Helgis Vater wurde wegen seiner Arbeit hier nach Luxemburg befördert. Helgi hat noch zwei Geschwister. Seine Mutter bleibt zu Hause.

Auch habe ich festgestellt, daß ein Kind und seine Eltern nicht unbedingt eine andere Sprache sprechen müssen, um Mißverständnisse in Hinsicht auf die Schule hervorzurufen. Wichtig ist immer, die beiden Gesichtspunkte, die des Lehrers und die der Eltern, des Elternhauses, zu untersuchen und sich klar darüber zu werden, was beide Parteien unter der Schule, dem Lesen- und Schreibenlernen usw. verstehen. Manche (wenn nicht sogar die meisten) Eltern sehen nun mal das Lesen anders als der Lehrer, und oft ergibt dies eine richtige Zwickmühle für das Kind. Es leidet darunter. Zu Hause wird das Lesen anders praktiziert und umgesetzt als in der Schule. Vom Kind wird verlangt, von einer Lesewelt, einer Lesekultur, in die andere zu springen, ohne seinen Kopf, seinen Verstand(!), dabei zu verlieren.

Ist es doch nicht so, daß die meisten portugiesischen Schüler ebenso wie ihre Eltern voller Spannung und Vertrauen auf den Augenblick warten, in dem sie in die “portugiesische Schule” eintreten.

Auch Helgis Mutter kam nach ein paar Wochen am Anfang des 2. Schuljahres und zeigte mir, was Helgi in der isländischen Schule lernt, welche Aufgaben er schon meistern kann und wie begeistert er ist.

Helgis Mutter war überzeugt, daß ihr Junge wirklich gut lesen könne. Ich behauptete genau das Gegenteil. Um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, schlug ich vor, uns regelmäßig außerhalb und besonders innerhalb des Klassensaales zu treffen, um

  1. - gemeinsam mit dem Jungen zu lesen,
  2. - zu sehen, was jeder von uns unter Lesen versteht,
  3. - anhand von Helgis Lesefähigkeit und den schon vorhandenen Fertigkeiten zu sehen, was die Mutter und/oder ich darunter verstanden und wie wir diese verbessern wollten,
  4. - uns klar zu werden, wie ich in der Schule den Leseunterricht mit den Kindern und besonders in diesem Fall mit Helgi gestalten könnte.

Auch wollten wir das Lesen nicht isoliert behandeln, sondern den vom Leseunterricht ausgelösten Schreibunterricht entfalten (wie Geschichten schreiben, das Gelesene in seinen eigenen Worten niederschreiben, eine neue, individuell gefärbte Geschichte daraus entwickeln, über das Gelesene berichten, seine eigenen Texte schreiben).

Deshalb trafen die Mutter, ihr Sohn und ich uns ab Beginn des 2. Schuljahres mindestens zweimal pro Woche und dies meistens in der Klasse während des Unterrichtes. Jetzt stellten wir fest: beim Lesen sagte Helgis Mutter vieles im Isländischen, und Helgi übersetzte es ins Deutsche; was Helgi nicht lesen konnte, und das war sehr vieles, sagte die Mutter vor, und er wiederholte es. Obschon Helgis Mutter nur sehr wenig Deutsch spricht, hat sie sich rasch in die Texte eingelesen und das meiste verstanden.

Wir, die Mutter und ich, sprachen viel über die Beziehungen Mutter-Kind, Lehrerin-Kind und sahen ein, wie eng die Erziehung mit dem Lernen verknüpft ist. Es machte also nicht unbedingt Sinn, nur auf dem schulischen Plan etwas zu ändern. Zu Hause müßten beide daran arbeiten, etwas unabhängiger voneinander zu werden. Es ist auch wichtig, daß das Kind lernt, Aktionen zu Ende zu denken und auszuführen. So auch besonders beim Lesen. Hier hat die Schule, gemeinsam und im stetigen Dialog mit dem Elternhaus, eine wichtige erzieherische Aufgabe zu bewältigen.

Folgende Lesesequenzen liefen bis Mitte November ab:

  1. eine Geschichte, die das Kind sich in der Klassenbibliothek ausgesucht hat, lese ich vor oder erzähle sie. Darüber reden wir gemeinsam. Ich lasse den/die Schüler antizipieren und stelle Fragen über das Gehörte (Text, Geschichte) und Gesehene (Bilder im Buch), lasse die Kinder ihre Erwartungen an den Text in Sprache umsetzen. Wir reden über die Protagonisten und die Orte des Geschehens und über Begebenheiten;
  2. mit dem Schüler einzeln lesen;
  3. einzelne Wörter hervorheben, lesen;
  4. die oft wiederkehrenden Wörter färben, lesen, mit dem Finger zeigen, im Text wiederfinden;
  5. • der Junge zeigt auf Wörter, die er kennt, zeigt Sätze und Satzteile, die er glaubt, lesen zu können;
  6. • die Lehrerin beobachtet, wie Mutter und Sohn zusammen lesen;
  7. • Mutter und Kind suchen gemeinsam ein oder mehrere Bücher in der Leseecke aus, Bücher, die sie zu Hause zusammen lesen können. Verlangt die Mutter Anleitungen, so reden wir darüber und halten es schriftlich fest;
  8. • Helgi liest die Geschichte vor, entweder mir allein oder der ganzen Klasse, je nach dem Wunsch des Schülers.

Bei all diesen “Leseversuchen” und Leseabläufen waren wir bemüht, den Rhythmus des Kindes zu respektieren, seine Wahl betreffend die Geschichten zu beachten.

Nach und nach suchte Helgi sich auch andere Mitschüler aus, um gemeinsam mit ihnen zu lesen, den Text vorzubereiten, Unterstützung durch Mitmachen und Zuhören bei den Kindern zu finden. Helgi verlor nach und nach seine negative Haltung gegenüber dem Lesen. Er ist nicht mehr so skeptisch und findet schneller Zugang zu den Texten.

Er freute sich riesig am Anfang über die Anwesenheit seiner Mutter. Die Ergebnisse, die er erzielt, erfüllen ihn mit Stolz, den er noch mehr zeigt, wenn seine Mutter und er zusammen bei mir sind. Ohne die Anwesenheit und die aktive Mithilfe seiner Mutter, sowohl zu Hause als auch in der Schule, wären wir vielleicht immer noch an einem Punkt wie vor einem Jahr. Wir haben nur verschiedene Resultate erreicht, weil wir einverstanden waren, nicht einseitig und jeder von seinem Standort aus, sondern Hand in Hand zu arbeiten.

Was Helgis Mutter dazu sagt:

When I first came here to Luxembourg, I really had no idea what the primary school would be like. In Iceland, where I live the six year old class is a some kind of a playschool and no homework at all. So the primary school here were totally different. I didn’t realize at first how important the homework was and done at home in a proper way. The six year old class ran smoothly, I thought! When my boy began in the 7 year old class, I woke up with a bad dream. The teacher had a hard talk with me about my son’s progress. I didn’t believe my own ears, my son wasn’t doing so well, the teacher said to me. I was angry and shocked towards the teacher. I thought the school should provide everything and I could just sit down and do nothing. How wrong I was! First I was really angry towards the teacher, I wanted her to take fully care of my son’s progress and we quarrelled a little bit about it. She saw I wasn’t helping my son in a right direction, so she invited me to come once or twice a week into my son’s class. I had some doubts at first. What could I really do to help my son? I really knew little in the languages my son was supposed to learn as well as its own. For the first visit in my son’s class, I felt it was a waste of time and I couldn’t wait until I was home again. But after a couple of visits I began to see the teacher and the school in a different way. I didn’t see any “wall” between me and the teacher as often happens. Parents on one side and teachers on the other side. I saw my son and how he was acting towards the teacher and the children in his class. My son was sitting by his desk, satisfied and studying. I felt content. He was really active and positive while I stayed by his side. He was proud to have his mother there and he wanted to be clever for me. He never asked to go to the “table” because he is afraid to do something wrong and everybody would see. But he asked to go to the “table” while I was there and he did everything right and he came back to his seat glowing with confidence and happiness. The table wasn’t such a big deal after all. I saw him talking and working with other children with good manners. He was proud showing me everything in his classroom. He wanted to show me his drawings and they had also some mice inside the classroom. What a clever idea to make the environment more personal and human for them. I was also learning that my little boy had something special on his own. He was making a life with someone else than his family. He is in school six days a week and the teacher gave me a chance to peek into that part of him. I saw how the teacher was working and communicating with the children. I saw her techniques through her teaching and it gave me ideas to work with at home. Now, after two months I have made a lot of progress at home, and also in teamwork with my son’s teacher. If he will continue this progress in through the 7 year old class he will certainly go further on to the 8 year old class. Now I see a light shining through. Thank you Madame Jeanne for your positive thinking and thank you for making this possible. Sincerely yours Hulda Valsdottir

Jeanne Nour el Din - Letsch
jeanne.letsch@ci.educ.lu
Institutrice du primaire à Walferdange
Deuxième année d'études


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