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Wilhelm Genazino zum Todestag (22.1.1943 – 12.12.2018)

von Taccuino Del Vecchio | 12/12/2025 | Die Notizen des Alten | 0 Kommentare

Über den Anschauungsunterricht und die ästhetische Lust

Vor 7 Jahren ist Wilhelm Genazino gestorben.

Der Alte hat bereits über Posts über Genazino veröffentlicht und bedauert sehr, diesen besonderen Autor erst nach seinem Tode zur Kenntnis genommen zu haben.

Eine besondere Affinität hat der Alte zu Genazinoss Arbeiten rund um Postkarten.
Im ersten und zweiten Schuljahr hatte der Alte in seiner Klasse eine riesige Holztafel mit Kunst- und Postkarten, von denen sich die Kinder eine ausssuchen und dazu einen Text verfassen konnten, nachdem sie dier Karten bereits lange betrachten konnten, vielleicht gerade während des langweiligen Unterrichts des Alten:

Mit Bewunderung und etwas gerührt liest der Alte, was Wilhelm Genazino zu solchen Anschauungsübungen zu sagen hat. In seinem Falle ist das eine Meerespostkarte des Japaners Sadayoshi Shiotani gewesen:

“Dabei habe ich lange nicht gewußt, warum mir gerade diese Meerspostkarte so gut gefällt.
Die ausbleibende Begründung für etwas, was uns gefällt, ist vielleicht das merkwürdigste Nichtwissen, das es gibt. Wir haben in unserem Inneren eine offenkundig unklare (oder ungeklärte) Instanz, die Gefallen an etwas finden kann, ohne diesen Gefallen erklären, und das heißt: versprachlichen zu können. Das kann nur heißen: Unsere ästhetische Lust ist unserer Rationalität immer weit voraus.
Mein Ausweg war: Ich stellte das Bild bei mirt zu Hause auf, und zwar so, daß ich es im Vorübergehen immer wieder anschauen konnte. Dieses Immer-und-immer-wieder-Betrachten regte allmählich eine Tätigkeit an, die (vermutlich, weil sie ebenfalls im Inneren geschah) die Erklärungslosigkeit langsam auflöste.
Was wir immer wieder ansehen, beginnt eines Tages Worte und Einfälle in uns zu bilden. Wie das funktioniert, ist freilich unklar; es hat noch niemand beschreiben können, wie wir zu unseren Worten kommen.”

Für diese Feinfühligkeit seiner Ansichten über die ästhetische Lust, die vorab allen Versprachlichungen gebietet – ja die Stirn bietet -, verehrt der Alte Wilhelm Genazino.

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