Pablo Neruda zum Geburtstag (12.7.1904 – 23.9.1973)
Als Plagemeister seiner Studierenden hat der Alte sie über die Jahre Texte zu den Ideen von Pablo Neruda aus dem Buch der Fragen schreiben lassen, zuletzt vor einem Jahr.

Einige Auszüge gefällig?
Wo ist das Kind, das ich gewesen, wohnt es in mir oder ist es fort?
Manchmal frage ich mich, ob ich dem Kind, das ich einmal war, noch in die Augen sehen könnte. Ob es mich erkennen würde in dem Menschen, der ich heute bin. Oder ob es sich abwenden würde, enttäuscht, verwundert, vielleicht sogar traurig.
Pablo Nerudas Frage trifft mich ins Herz: Wo ist das Kind, das ich gewesen, wohnt es in mir oder ist es fort? Es gibt Momente, da bin ich mir sicher, dass es fort ist. Verloren irgendwo zwischen den Jahren, zwischen Entscheidungen, Verlusten und Wendungen, die ich nie kommen sah.
Ich erinnere mich an ein unbeschwertes Kind, das an das Gute glaubte. Das Freundschaften schloss, ohne zu zweifeln. Das lachte, ohne sich zu fragen, wie es wirkt. Dieses Kind liebte Geschichten, hatte große Pläne, konnte stundenlang barfuß herumlaufen und war überzeugt: Alles ist gut.
Dann kam das Leben.
Die erste Freundschaft, die ohne Erklärung zerbrach. Ich weiß noch, wie ich damals nächtelang wach lag und versuchte zu verstehen, was ich falsch gemacht hatte. Das Kind in mir begriff zum ersten Mal, dass Nähe auch weh tun kann. Später kam die erste Liebe, intensiv, alles verzehrend. Und dann der erste Liebeskummer, der so tief schnitt, dass ich dachte, ich würde nie wieder ganz sein.
Es folgten Abschiede, auf die mich niemand vorbereitet hatte. Ein Mensch, der mir nahe war, starb plötzlich und mit ihm ein Teil meiner Unbeschwertheit. In diesem Moment. Als ich im Krankenhausflur saß, schien das Kind in mir ganz still geworden zu sein. Vielleicht hatte es Angst. Vielleicht hatte es einfach keine Worte für das, was da geschehen war.
Und doch: Es ist nicht fort.
Es lebt in mir, auch wenn es sich verändert hat. Es ist nicht mehr das Kind, das naiv an ewige Freundschaften glaubte oder daran, dass die Liebe immer zurückkommt. Aber es ist das Kind, das gelernt hat, wieder aufzustehen. Das trotz allem noch staunen kann, über den ersten Schnee im Jahr, über Musik, die mitten ins Herz trifft, über eine Umarmung zur richtigen Zeit.
Das Kind in mir wohnt an einem stillen Ort. Es zeigt sich nicht jeden Tag, aber manchmal klopft es an. Wenn ich nachts durch leere Straßen gehe, mit Musik im Ohr und Gedanken voller Sehnsucht. Wenn ich eine Nachricht bekomme von einem Menschen, von dem ich dachte, er sei längst weg. Oder wenn ich plötzlich loslache, aus tiefstem Bauch heraus, so wie früher.
Ich glaube, das Kind ist nie ganz gegangen. Es wurde nur leiser. Reifer. Vielleicht vorsichtiger. Aber es ist das, in meinen Ängsten, in meinen Hoffnungen, in meiner Fantasie. Und in meiner Fähigkeit, weiterzumachen, auch wenn das Leben Umwege nimmt.
Pablo Nerudas Frage ist eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass wir nicht nur aus dem bestehen, was wir tun oder erreichen, sondern auch aus dem, was wir waren. Aus dem Kind, das wir einmal waren und das, ob wir wollen oder nicht, immer ein Teil von uns bleibt.
Wo ist das Kind, das ich gewesen, wohnt es in mir oder ist es fort?
Ich war früher ein neugieriges Kind. Alles war spannend. Ich konnte stundenlang spielen, träumen und fragen. Die Welt war neu, groß und voller Wunder. Dieses Kind lebt noch in mir, aber es ist leiser geworden.
Mit der Zeit hat sich vieles verändert. In der Schule wurde mir gesagt, wie ich denken und handeln soll. Lehrer, Freunde und die Gesellschaft haben mir gezeigt, was richtig oder falsch ist. Auch Hormone und Gefühle in der Jugend haben mich verwirrt. Ich wollte dazugehören, und deshalb habe ich mich oft angepasst.
Meine kindliche Sicht auf die Welt wurde langsam anders. Ich denke jetzt mehr nach, bin vorsichtiger. Das Kind in mir wurde verändert, nicht gelöscht, aber verändert.
Manchmal spüre ich es noch. Wenn ich lache, träume oder staune wie früher. Dann merke ich: Das Kind ist noch da, tief in mir. Es hilft mir, mich selbst nicht zu vergessen.
Habe ich, wo die anderen mich verloren, endlich zu mir gefunden?
Als ich diesen Satz zum ersten Mal gelesen habe, war da sofort ein Gefühl von Vertrautheit. Es ist eine dieser Fragen, die nicht unbedingt eine konkrete Antwort verlangt, sondern eher ein Innehalten hervorruft. Man merkt, dass sie etwas in einem berührt, vielleicht, weil man sich selbst schon einmal in so einer Situation befunden hat.
In meinem eigenen Leben gab es Momente, in denen ich gespürt habe, dass ich mich von anderen entferne. Das passiert nicht plötzlich, sondern schleichend. Man denkt anders, fühlt sich in bestimmten Gesprächen nicht mehr wirklich angesprochen oder merkt, dass man sich einem Umfeld anpasst, obwohl man eigentlich etwas anderes möchte. Anfangs fällt das gar nicht so stark auf. Aber irgendwann fragt man sich, ob man wirklich so lebt, wie man will, oder nur so, wie man von anderen gesehen werden will.
Diese Veränderung hat bei mir zu einer Phase geführt, in der ich mich bewusst zurückgezogen habe. Ich habe Kontakte seltener gesucht, mich weniger erklärt, mich ein Stück weit entzogen. Nicht, weil ich alle anderen abschneiden wollte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich erst einmal herausfinden muss, was eigentlich mein eigener Weg ist. Das war kein einfacher Prozess. Es ist nicht schön, sich nicht mehr verstanden zu fühlen oder zu merken, dass man sich von Menschen entfernt, die einem einmal sehr nah waren.
Jedoch hat dieser Abstand zu den anderen mich näher an mich selbst gebracht. Ich konnte auf einmal Entscheidungen treffen, ohne ständig im Hinterkopf zu haben, wie sie auf andere wirken könnten. Ich habe mich selbst ernster genommen, mir mehr zugetraut, aber auch zugestanden, nicht immer stark oder sicher sein zu müssen. Ich glaube, genau darin liegt der Kern von Nerudas Frage. Manchmal muss man sich verlieren, um sich zu finden.
Ob ich mich wirklich „gefunden“ habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht ist dieses Sich-Finden auch kein Zustand, sondern eher ein Prozess, der sich immer wieder verändert. Ich kann jedoch sagen, dass ich mir sicher bin, dass in dem Moment, in dem ich anderen ein Stück weit verloren ging, etwas in mir klarer geworden ist, und vielleicht ist genau das der Anfang von einem ehrlicheren Umgang mit mir selbst.
Welche Inspiration steckt in diesen Fragen Pablo Nerudas!
Wie schön, dass die Studierenden alles gegeben haben!
Zum Todestag Nerudas gibt es noch mehr.
