Ilse Aichinger zum Geburtstag (1.11.1921 – 11.11.2016)
Ist es ein Zeichen oder nur Zufall, dass Ilse Aichinger gerade zum Startschuss des Karnevals vor 10 Jahren verstorben ist?
Jedenfalls hat Ilse Aichinger es zeitlebens nicht verpasst, dem Establishment eine Nase zu drehen. Aufmüpfig wie sie war, bestand sie stets darauf, gängige Vorstellungen, Einstellungen und Meinungen gezielt zu kontern.
Aichinger schreibt in (2011) Es muß gar nichts bleiben. Wien, Edition Korrespondenzen. an:
“Gegen die häufige Meinung des ‘So ist es eben´, die, was sie vorfindet, fraglos akzeptiert. Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden. Schon das Wesen der Natur ist ein Unwesen, das man nicht genug kontern kann. Einmal sagte mir jemand, als ich noch ein Kind war: Schau die schönen Wiesen und ich dachte: Schau die bösen Wiesen. Dass die Natur natürlich ist, macht sie nicht besser. Etwas anzunehmen, weil es so ist, bleibt ein verheerender Irrtum. (…) Wenn immer von ‘Gott’ die Rede ist oder von ‘Geist’: Dem muss gekontert werden.” (S. 68, 77)
Dies erinnert den Alten an eine Aussage des Soziologen Norbert Elias, der in einem Fernsehinterview einmal sagte, ´Geist´ sei ein absolut unbrauchbarer Begriff.
Wehren wir uns in der Schule genug gegen die Allgemeinplätze, die von oben herab -diskutiert, gefördert und reguliert – unsere pädagogische Arbeit mit den Kindern und Eltern normieren, behindern und strangulieren?
Sind wir Lehrpersonen nicht auch bereits gezähmt und standardisiert? Ilse Aichinger erinnert uns:
“Als Erwachsener wird man konform. Man gibt sich zufrieden, nicht nur mit den eigenen Schwierigkeiten, auch mit denen der anderen. Man verliert das Suchen. Und das Suchen ist so wichtig.” (S.88)
Freuen wir uns noch darauf, zusammen mit den Kindern und Eltern nach originellen und alternativen Prozessen und Lösungen in Lehr- und Lernprojekten zu suchen?
Sollten wir nicht den Lösungen widerstehen, die von Leuten auf das pädagogische Feld geworfen weren, die im Leben nicht einmal einen Tag mit den Kindern in unseren Schulen verbracht haben? Sie managen das Unterrichtswesen mit dem Helikopter: einfliegen, Staub aufwirbeln, und schnell abhauen …
Ilse Aichinger fordert mehr Anarchie!
“Ich meine die Möglichkeiten des Widerstands, auch die des inneren Widerstands, die Entdeckung der Kraft des Anarchischen. Man muss sich wehren. Auch gegen sich selbst. Solange man der Zumutung des Atmens unterworfen ist, hat man einfach die Pflicht, sich zu wehren.” (S.101)
Nicht alle unsere pädagogischen Probleme sind lösbar.
Aber dies verhindert nicht, dass wir den Kindern und Eltern im Erziehungsprozess zuhören, um zu den eigentlichen und richtigen Fragestellungen hinsichtlich des Weitertreibens sinnvoller Lernprozesse zu gelangen.
Ilse Aichinger mahnt:
“Dass man mit dem Unlösbaren leben muss, (…). Heute wird ständig gewählt, getalkt und gefragt, was am Ende in eine totale Abwesenheit der Frage münden kann. (…) Wichtig ist auch, genau hinzuhören. Im Allgemeinen hört heute niemand mehr zu.” (S. 104, 105)
Zornig sein, Kontra geben, Widerstand leisten: Das geht am Besten in einer demokratischen Schulgemeinschaft, findet der Alte.
