"Wëllst du a ménger Geschicht matspillen?" fragte Jean seinen Kameraden Gregory während des Freispiels bevor er mir seine Geschichte erzählte. "Jo, ech wëll de Papp sin!", antwortete Gregory. Jean's Geschichte: Et war mol eng Kéier e klengt Meedchen. Dat war eleng An du war hatt un d'Streckeise gaangen. An du war säi Papp komm, an hat him eng op säin Hënner gin. Eriwwer as d'Geschicht. Geschichten der Kinder aufschreiben und spielen setzt verbale und nonverbale Interaktion voraus und fördert sie, genauso wie Kooperation, Inspiration an Büchern, Filmen, Ereignissen, Geschichten anderer Kinder. Paley: "Put your play into formal narratives and I will help you and your classmates to listen to one another."
Nachdem ich einige Bücher der amerikanischen Kindergärtnerin und Schriftstellerin Vivian Paley gelesen hatte, begann ich in meiner Klasse Geschichten der Kinder aufzuschreiben und zu spielen.
Damit auch diejenigen Kinder Geschichten erzählen konnten, welche die luxemburgische Sprache noch nicht so gut beherrschten, forderte ich die Eltern auf, Geschichten der Kinder in deren Muttersprache aufzuschreiben. In der Klasse fand sich immer einer der beim Übersetzen half.
Beim Erzählen, Vorlesen und Spielen der Geschichten werden Unklarheiten, Unstimmigkeiten vor dem Spiel oder während des Spiels geklärt, zusätzliche Rollen werden beigefügt, Kommentare zu den Rollen gegeben. Zum Beispiel :
Mir brauchen e Stär. (...) Wou muss de Krokodil hin? (...) Ech weIl awer d'Schlaang sin (...) wat heescht dat: zertrampelt? (Frage eines französischen Kindes. (...) Wat war ech scho méi? (...) O jo, ech weIl och matspillen, (...) da kënnst du nët op mäi Gebuertsdag (...) Et war och nach e Bopi dobei, Frank du bass de Bopi! Frank: Oh mei, ech sin esou al, ech kann fast nët méi goen (...) Du muss d'Gitter opmaachen, soss kannst du nët eraus (...) Wie gewënnt an der Course?
Es gibt unzählige Beispiele, wo Dialog über das Produkt eines Kindes stattgefunden hat.
Die Kinder initiieren das Gespräch, sind auch größtenteils verantwortlich für dessen Verlauf
Das Zuhören beim Vortragen und Spielen der Geschichte ist ebenfalls ein aktiver und kreativer Prozess, da die gehörten Geschichten eigenes Erleben bei jedem Kind wachrufen und vielleicht Ideen für neue Geschichten hervorrufen.
Zuhören wird ebenfalls als Notwendigkeit von jedem Kind angesehen, da jeder mitspielen und oft eine bestimmte Rolle übernehmen will.
Hier möchte ich auch einflechten, dass manche Geschichten entstehen, nachdem der Autor sich mit seinen Freunden abgesprochen hat:
- Wat wëllst du a ménger Geschicht sin?
- Ech wëll e Gonzilla gin.
- Ech wëll och matspillen.
- Gregory a dit ech och spillen a sénger Geschicht, yuppiiii!
Obwohl das Geschichtespielen hohe AnforderUngen an die Kinder stellt,
werden in dieser Aktivität Spieldrang und Bewegungslust des Kindes respektiert, der Spieldrang stellt sogar das Fundament dazu.
"No one can make children play, it is their own natural activity (...) a book or a story offers him an area like his playworld"
2"People learn language because they are in real situations communicating about important and interesting things"
3 Diese interessanten Dinge können nicht für jedes Kind die gleichen sein, jedes Kind darf seine Geschichten erzählen und den andern mitteilen. Zu meinem Erstaunen habe ich festgestellt, dass scheue Kinder mir sehr oft Geschichten erzählen und aufblühen, wenn ihre Geschichten gespielt werden.Dies sagte ich auch Vivian Paley, als sie uns während ihres Aufenthaltes in Luxemburg besuchte.
Sie antwortete mir, dass das sie gar nicht erstaunte, da Kinder welche sich in andern Situationen nicht gut ins Spiel anderer integrieren könnten, bei dieser Aktivität eine Möglichkeit fänden, sich einzubinden, das Spiel sogar zu initiieren.
Vivian Paley beschrieb das Verhalten und die verbale und nonverbale Interaktion einiger Kinder aus unserer Klasse während ihres Vortrages.
Amy, ein scheues Kind und, da Besuch in der Klasse war, noch zurückhaltender als sonst, fiel Vivian Paley auf, weil sie während des ganzen Morgens mit keinem anderen spielte und kein einziges Mal lächelte.
Gegen Ende des Morgens war Geschichtespielzeit.
Amy lächelte, sie hatte ihr Buch als erstes auf dem Stapel entdeckt und wusste, dass ihre Geschichte zuerst gespielt würde.
Jessica, ein portugiesisches Mädchen, hatte von zuhause ihr Buch mitgebracht, in das sie ihrer Mutter vier Geschichten diktiert hatte (zwei auf Portugiesisch und zwei auf Luxemburgisch). Dies war nun das erste Mal, dass eine ihrer Geschichten gespielt wurde.
Meiner Meinung nach war Jessica ein recht scheues Mädchen, das wenig Selbstvertrauen besaß.
An diesem Morgen sollte ich eines Besseren belehrt werden.
Jessica sprang gleich auf, als ich ihr Buch nahm, und setzte sich neben mich. lch sagte:
"Jessica, ech probéieren déng Geschicht op Portugisesch ze liesen, du muss se awer iwwersetzen, ech verstin näischt. Wann s du nët méi weider weess, kann d'Sofia hëllefen."
Sofia, eine gute Freundin von Jessica, rückte gleich näher und lächelte ihr aufmunternd zu. .
Ich begann zu "lesen", Jessica übersetzte. Ich hatte Jessica noch nie so laut reden hören (von wegen wenig Selbstvertrauen!).
Die Gegenwart von Sofia und die Freude darüber, dass ihre Geschichte gespielt wurde, halfen ihr die Geschichte so selbstsicher zu übersetzen und nachher die Rollen zu verteilen.
Liane, die Erzieherin, die mit kleinen Gruppen Ausländerkinder arbeitet, war anwesend an diesem Morgen in der Klasse und war genauso erstaunt wie ich über Jessicas Verhalten.
Diese Szene war ein Schlüsselerlebnis für Jessica, Liane und mich; Jessica bringt immer öfter voller Stolz Geschichten von zuhause mit, spricht immer besser die luxemburgische Sprache.
In einem Gespräch mit ihrer Mutter bestätigte mir diese, dass Jessica auch zuhause selbstsicherer auftrete und keine Angst mehr vor unvorhergesehenen Ereignissen hätte.
Die Zusammenarbeit mit einem 2. Schuljahr welches uns ihre selbstgeschriebenen Geschichten jede 2. Woche vorliest und spielt (in den dazwischen liegenden Wochen spielen wir ihnen unsere Geschichten, so dass wir uns einmal pro Woche treffen) gab den Kindern neue Inspirationsmöglichkeiten.
Nachdem das 2. Schuljahr uns ihre Geschichten über Hexen vorgespielt hatte, erzählte mir Carlo folgendes:
Es war eng Kéier eng Hex an eng Kaz vun der Hex. An d'Kaz huet een nët gesin, weIl sie ganz schwaarz war. An dann hat die Hex gezaubert, dass die Kaz ganz faarweg ist. An dun war e Scharfzahn gekomm an dun war e Gonzilla gekomm an eng Schlaang an een Tiger und ein Krokodil und d'Hex huet gezaubert, datt si ganz kleng gin. An dun huet d'Kaz si all opgefriess an dun huet si dat richtegt lessen gegiess an dun war ein Monster gekommen an dun war eng Harespel gekomm an en Hai an dun war nach e Monster komm an d'Hex huet si nees ganz kleng gezaubert an dun war d'Geschicht fäerdeg.
Carlo hat für diese Geschichte sehr viele Quellen verwendet und verändert:
In vielen Geschichten der Kinder stellen Medien (Bücher, Filme,...) wichtige Inspirationsquellen dar. Geschichten erzählen und spielen, gibt den Kindern die Möglichkeit persönlich Gehörtes,
Gesehenes mitzuteilen, zu verändern, mit KIassenkameradInnen) zu teilen und nochmals zu erleben.
"You must invent your own literature if you are to connect your ideas to the ideas of others."'
4Dabei scheint mir besonders wichtig, dass persönlich Erlebtes der Kinder ernst genommen und in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit gerückt wird.
1 Paley, Vivian Gussin, 1990, The Boy Who Would Be A Helicopter, p. 18, Cambridge Mass.: Harvard University Press
2 Meek Margaret, 1982, Learning To Read, p. 37,.., The Bodley Head Press
3 Mc Keon, Denise, 1994, in: Educating Second Language Children, p.16, edited by Fred Genese, Cambridge University Press
4 Paley, Vivian Gussin, 1990, idem