Joe Brainard zum Todestag  (11.3.1941 – 25.5.1994)

von Taccuino Del Vecchio | 25/05/2026 | Die Notizen des Alten

Seit einigen Semestern vergibt der Alte an seine Studierenden einen Schreibauftrag, den sie jeden Tag erfüllen sollen.

I remember …

(auch in anderen (Mutter)sprachen möglich, es sei nur an Georges Pérecs Je me souviens in direkter und bekennender Anlehnung an Joe Brainard erinnert)

Vieles hat der Alte durch dieSchreibbemühungen seiner Studierenden gelernt.
Er will hier kurz skizzieren, was dieses Schreiben, welches in jeder Schule und auf jeder Schulstufe stattfinden kann, ausmacht.

Paul Auster, ein Verehrer Joe Brainards schreibt dazu in (2020) Mit Fremden sprechen – Ausgewählte Essays und andere Schriften aus 50 Jahren. Hamburg, Rowohlt.:

“Schreiben Sie die Worte Ich erinnere mich, halten kurz inne, geben Ihren Gedanken Raum, sich zu öffnen, und unfehlbar werden Erinnerungen aufsteigen, Erinnerungen von einer Klarheit und Präzision, die Sie in Staunen versetzen werden. (…) und immer kommen dabei längst vergessene Einzelheiten gelebten Lebens ans Licht. Wie Siri Hustvedt in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau schreibt: ´Joe Brainard hat eine Erinnerungsmaschine entdeckt.´:
Familie, Essen, Kleidung, Filme, Filmstars, Fernsehen, Popmusik, Schule, Kirche, Körper, Träume, Tagträume, Phantasien, Feiertage, Gegenstände, Produkte, Sex, Witze, Sprüche, Freunde, Bekannte, Autobiografische Fragmente, Einsichten, Bekenntnisse, Betrachtungen …” (S. 349-354)

Immer wieder wurde der Alte von den Studierenden in Staunen versetzt.

Einige zufällige Eintragungen:

I remember being scared of starting university.
I remember the first time my boyfriend got me flowers.
I remember the last thing I said to my grandmother.
I remember my first heartbreak as it was yesterday.
I remember giving advice that I should have taken myself.
I remember the feeling of excitement when I went to a party
for the first time.
I remember the calm that came from being near someone I trusted.
I remember watching my son perform at the gymnastics gala and
feeling incredibly proud of him.
I remember the bittersweet feeling of saying goodbye at the airport.
Ich erinnere mich an diesen Geruch von Handcreme, der mich an mein
Auslandssemester erinnert.
I remember telling my parents that I had a boyfriend.
I remember the first time I flew in an airplane and seeing the world from above.
I remember the scent of freshly baked bread in my grandmother´s kitchen.
I remember the smell of old books in the library.
Je me souviens du jour où j´ai roulé avec ma grand-mère sur ma Vespa.

Das Eintauchen in diese Sätze und das willkürliche Konsultieren und Selektieren der Eintragungen während des Evaluationsgespräches haben es dem Alten ermöglicht, gleich zu Anfang dieses für die Studierenden wichtigen Gespräches unvermittelt in einen authentischen Dialog mit den Studierenden zu kommen.

Dies führt dazu, dass es viel leichter wird, auch problematische Situationen zu besprechen, da die Akzeptanz des Dialogpartners durch die von ihm produzierten Erinnerungsfragmente garantiert ist.

Studierende machen sich auch selbst Gedanken, wie sie ´I remember`- Sentenzen sprachdidaktisch nützen können:

Eine gewitzte Praktikumslehrerin hat sich von der ´I remember´- Idee inspirieren lassen und diese einfühlsam und innovierend in die Beurteilung ihrer Praktikanten einfließen lassen:

Joe Brainards Erinnerungsstrategie und -methode ist ein Weg hin zum ´Taccuino´, wie es hier im Sinne Giuseppe Ungarettis vorliegt.
In (2006) Erinnerung als Stimulans der Poesie. Giuseppe Ungaretti – Archipoeta der italienischen Moderne. IN Peter Goßens (Hrsg.) Angefügt, nahtlos, ans Heute – Paul Celan übersetzt Giuseppe Ungaretti. Leipzig, Insel Verlag. schreibt Jürgen P. Wallmann :

“Die Zufälligkeit der Erinnerungsfetzen konstituiert hier das poetische Sprechen und weist damit den Weg zu einem ´Taccuino´, einem Notizbuch, das die Erinnerung als einen ´Schimmer von Wahrem´ neben dem ´Nichts des Staubs´(…) festhält.” (S. 212)

Laut Wallmann ist die Erinnerung in Ungarettis Sicht “ein Stimulans, das im Menschen den Wunsch nach Erneuerung, nach Ursprünglichkeit und Reinheit erweckt.” (S. 180)

Also dann, immer fleißig Erinnerungen notieren!