George Herbert Mead zum Geburtstag (27.2.1863 – 26.4.1931)

von Taccuino Del Vecchio | 27/02/2026 | Die Notizen des Alten

Das Hauptwerk von George Herbert Mead Mind, Self, and Society wurde 1934 posthum von seinen Studenten veröffentlicht.
Es erschien auf Deutsch erst 1973 als Geist, Identität und Gesellschaft, Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Den Alten hat die Nähe der beiden Zeitgenossen Lev. S. Vygotsky und George Herbert Mead immer tief beeindruckt. Es finden sich in den Werken der beiden eminenten Wissenschaftler zahlreiche Überschneidungen.

Da ist zum Beispiel der Begriff der Funktionalität des menschlichen Bewußtseins, das letztendlich nur durch die selektive Erfassung der jeweiligen Umwelt durch jeden Menschen aktiv konstruiert wird. Der Mensch und also auch die Kinder in unseren Klassen sind also die Autoren ihres Bewußtseins und Lernens:

«Bewußtsein ist funktional, nicht substantiv. In beiden Hauptbedeutungen des Begriffs muß es in der objektiven Welt und nicht im Gehirn lokalisiert werden – es gehört der uns umgebenden Welt an und ist für sie charakteristisch. Im Gehirn ist jedoch der physiologische Prozeß zu lokalisieren, durch den wir Bewußtsein verlieren oder wieder erlangen: ein Prozeß, der sozusagen dem Auf- und Niederziehen von Rolläden gleicht. (…) ist Bewußtsein eine konstruktive Auswahl aus unserer Umwelt. (…) Ein Organismus konstruiert sich (im Sinne der Selektion) seine Umwelt. Bewußtsein bezieht sich oft auf die Merkmale der Umwelt, insoweit sie von unseren menschlichen Organismen bestimmt oder konstruktiv ausgewählt werden, und hängt von dem Verhältnis zwischen der ersteren (so wie sie ausgewählt oder konstruiert wurde) und dem letzteren ab.» (S. 153, 216)

Der folgende Auszug bestätigt auch eine Nähe der Gedanken George Herbert Meades zur Dialogizität eines Michail M. Bachtins:

«Unseren Worten zu anderen Personen folgt stets das Verständnis des Gesagten, und dieses Verständnis dient uns zur Fortsetzung unserer Rede. (…) Unter sinnvoller Sprache verstehen wir, daß die Handlung so beschaffen ist, daß sie den Einzelnen selbst beeinflußt, und daß die Wirkung auf den Einzelnen Teil der intelligenten Abwicklung des Gespräches mit anderen ist. Man sucht immer eine Zuhörerschaft, muß sich jemandem eröffnen.» (S. 182, 183, 184)

Am schönsten findet der Alte George Herbert Meades Bestehen auf der Notwendigkeit des gesellschaftlichen Prozesses oder der Geselligkeit für die Entstehung und Entwicklung des menschlichen und kindlichen Denkens durch die notwendige Kommunikation rund um das bereits Geleistete:

«(…) man muß den gesellschaftlichen Prozeß voraussetzen, damit Denken und Kommunikation überhaupt möglich werden.» (S. 307)

Dieser Satz erinnert den Alten an Gundel Mattenklotts „Literarische Geselligkeit“ als Grundlage der Entwicklung der Lese- und Schreiblernprozesse.

Ja sogar die Pädagogik der Arbeit eines Célestin Freinet und der damit einhergehenden persönlichen Verantwortung im Schaffens- und Lernprozess kann man in George Herbert Meads Werk erhaschen:

«Das menschliche Wesen ist aber deshalb möglich, weil es einen gesellschaftlichen Prozeß gibt, in dem es verantwortlich funktionieren kann.» (S. 233)

George Herbert Mead zu lesen hat sich für den Alten gelohnt.