Nuala O´Faolain zum Geburtstag (1.3.1940 – 9.5.2008)

von Taccuino Del Vecchio | 01/03/2026 | Die Notizen des Alten

©Basso Cannarsa/Opale

In (2003) Nur nicht unsichtbar werden: Ein irisches Leben. Hamburg, Rowohlt. gibt die irische Schriftstellerin Nuala O´Faolain den Lesern Einblick in die Wichtigkeit von einzelnen Worten und Metaphern im Prozess des Einsteigens in die Schriftsprache.

Jeder von uns hat solche Worte und Ausdrücke im Kopf, auch die Kinder, nur werden diese leider nicht danach befragt, wenn sie sich mit Buchstaben und Wörtern abzumühen beginnen.
Hören wir einfach Nuala O´Faolain zu:

“Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es war eine Doppelspalte, ein Bericht über die Zeugenaussage in einem schottischen Mordprozess, keine Ahnung, wie der bei uns gelandet war. Ich rätselte gerade an einer Zeile herum, als ganz plötzlich die Bedeutung eines Wortes, das ich verstand, zum nächsten Wort übersprang, das ich auch wieder verstand, und weiter zum nächsten – bis ich genügend Worte zusammen hatte, die plötzlich einen verständlichen Satz bildeten. Ich war überwältigt vor Freude. Ich war noch klein, gerade mal vier. Ich rannte quer übers Feld, raste durch die staubige Hitze die Straße hinunter – es ist mir, als wär es gestern gewesen – zum Laden, der ziemlich weit entfernt war. ´Ich kann lesen!´, schrie ich, und die Ladenbesitzerin beugte sich zu mir runter. ´Was bist du nur für ein tolles kleines Mädchen!´ (…) Ich mochte die Worte genau so gerne wie die Geschichten. In einem Schundroman mit derm Titel ´The Kansas City Milkman´, von dem meine Mutter halbherzig abriet, sagte ein Mann über eine Frau: ´Was sie braucht, ist ´ne Nummer im Heu.´ Ich wusste zwar nicht, was das bedeuten sollte – ich sah eine Scheune vor mir -, aber ich liebte es als Metapher. Auf dem halben Weg nach Malahide hoch gab es eine Bank mit einem kleinen Schild, auf dem stand PRO BONO PUBLICO. Und auf dem Etikett der Gewürzflasche, die immer bei uns auf dem Tisch stand, gab es jede Menge Wörter. ´Pikant´ war eines. ´Pikant´, sagte ich zu mir selbst, wenn ich auf meinem Schulweg an den gurgelnden Abwasserrinnen vorbeilief, ´pikant und sehr appetitlich!´” (S. 31, 32, 33)

Der folgende Auszug erinnert den Alten an viele Seminare, die er an der Uni und an der pädagogischen Hochschule einerseuíts erdulden, andererseits gestalten musste. Dann aber auch an Hochschul- und Sekundarlehrer, denen der Alte heute noch Tribut zahlt und deren Anerkennung (von Zuneigung zu sprechen, wäre denn doch zuviel verlangt) ihn noch immer befeuert:

“Mein liebstes aber war der Beginn des Gebetes, das damals am Schluss jeder Messe kam: ´Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.´ Ich liebte die Melodie und dass es so bedeutungsvoll klang, obwohl ich die Bedeutung gar nicht verstand. Bei uns zu Hause liebte man Worte und niemand schämte sich für sie. Aber die richtig ordentlichen Leute waren sehr vorsichtig mit dem, was sie sagten. Die Mädchen in der Schule waren oft sauer mit mir, wenn ich ein ungewöhnliches Wort benutzte. ´Hast´n Duden verschluckt, oder was?´ Sie waren zu klug, um sich in einem Aufsatz zu exponieren, der eventuell vorgelesen werden konnte. Und meine Aufsätze wurden immer vorgelesen. Da stand ich nun, eine verwirrte und emotionale Exhibitionistin, und auf der anderen Seite waren sie, schweigsam und schlau. Als phantasievoll zu gelten stempelte einen auch zum Außenseiter. Ich war für sie jemand, der sich inszenierte, prahlte, übertrieb, ja, sogar log. Ich war mehr der Klassenclown als eine ernst zu nehmende Schülerin, weil das, worin ich gut war, so nutzlos war wie Englisch. Mädchen waren gut in Englisch. Jungen nicht. Unsere Englischlehrerinnen gaben ihre Bücher weiter an Gleichgesinnte, wie früher die Russen ihre verbotenen Samisdat-Schriften im Untergrund herumreichten. Ich habe sieben Schulen besucht und in keinem Fach war ich gut, außer in Englisch. Ich brauchte die Zuneigung, die ich von meinen Englischlehrerinnen bekam, und ich erwiderte sie, und ich erwidere sie bis heute.” (S. 33, 34)

Ein schönes Interview mit dieser wunderbaren irischen Frau gibt es hier: