William Carlos Williams zum Todestag (17.9.1883 – 4.3.1963)

von Taccuino Del Vecchio | 04/03/2026 | Die Notizen des Alten

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer hat über den amerikanischen Arzt, Lyriker und Schrifsteller William Carlos Williams und seine spezifische Herangehensweise an die flüchtigen Momentereignisse des Lebens in der FAZ (anläßlich des Erscheinens der Autobiographie des Autors) geschrieben:

“(…) ganz im Sinne des Lyrikers William Carlos Williams, die flüchtigen Augenblicke des eigenen Lebens als potentielle Kristallisationen wahr- und ernst zu nehmen, die als nebensächlich unterschätzten, inoffiziellen Momentereignisse, das Wirkliche zu erkennen, gerade wenn es nicht den ideologischen Stempel des Bedeutsamen trägt, und sei es ein Geruch, ein Lachen, ein Schrecken, eine Ohrfeige. Unveräußerlicher Privatbesitz: ´Für uns jedoch waren solche Stunden ein Genuß!´”

Beispiele in seiner Lyrik gibt es in Hülle und Fülle:

The Red Wheelbarrow

so much depends
upon

a red wheel
barrow

glazed wit rain
water

beside the white
chickens

Die rote Schubkarre

so viel hängt ab
von

einer roten Schub-
karre

glänzend von Regen
wasser

bei den weißen
Hühnern

Oder passend zur Jahreszeit:

Spring

O my grey hairs!
You are truly white as plum blossoms.

Frühling

O meine grauen Haare!
Wirklich, ihr seid wie Pflaumenblüten
weiß.

(1999) William Carlos Williams – Gedichte. Frankfurt am Main, Zweitausendeins.
(S. 90, 91, 64, 65)

Gibt man den Kindern Zeit und Muße die Natur und die Umgebung eingehend, sozusagen gedehnt, anzuschauen und zu betrachten, sind sie, so meint der Alte, eher als wir abgestumpften und angepassten Erwachsene in der Lage, originelle, differnzierte und sprachschöpferische mündliche und/oder schriftliche Texte zu verfassen.

Folgendes schreibt William Carlos Williams dazu:
“Es ist nicht und war nie das Ziel, die Natur zu kopieren, sondern sie nachzuahmen; dies verlangt aktives Erfinden, aktives Handeln der Phantasie (…).
Der Künstler strebt bei seiner Arbeit NICHT danach, der Natur den Spiegel vorzuhalten. Es geht ihm vielmehr darum, aus der Phantasie heraus etwas zu erschaffen, das nicht nur keine Kopie der Natur, sondern geradezu etwas vollkommen anderes ist, etwas Neues, etwas, das von dem in der Natur Existierenden verschieden ist, ein Ding, das es in der Natur gar nicht gibt.
Wer die Natur nachahmen will, kommt nicht an dem Verb ´tun´ vorbei. (…) Durch das Nachahmen (…) vergrößern wir die Natur, werden wir selbst Natur oder entdecken in uns das Wirken der Natur. (….)
Tausend Banalitäten drängen sich nach vorn, ihnen voran unsere verlogenenen Sprachgebräuche und Denkgewohnheiten, die uns sagen, genau das sei es, was ´die Leute´hören wollen. (…)
Wenn man Gedichte hört, soll man nicht gleich, jedenfalls nicht von Anfang an, versuchen, sie zu verstehen; sondern man soll zuhören. Die Künste zielen auf einen sinnlichen Eindruck. Versuchen Sie mit allen Sinnen zu hören, auf das Hören kommt es an. (…) ein Mensch ist ja tatsächlich eine Stadt, und für den Dichter gibt es Ideen nur in Dingen.”
(1999) Die Autobiographie. Frankfurt am Main, Zweitausendundeins.
(S. 325, 326, 327, 477, 515, 519)

Genau deshalb ist es unbedingt notwendig, die uns umgebenden Dinge eingehend zu betrachten und mit allen Sinnen ihnen zuzuhören.
Mehr dazu gibt es hier: