Aleida Assmann zum 79. Geburtstag (22.3.1947)

von Taccuino Del Vecchio | 22/03/2026 | Die Notizen des Alten

Das Notieren mit der Handschrift

Bei seinen Seminaren verlangt der Alte immer zuvorderst die Führung eines materiellen Notizbuches mit handschriftlichen Notizen.

Dabei hört der Alte immer wieder die folgende Bemerkung einzelner Studierender: “Aber ich nehme doch Notizen mit meinem Laptop oder iPad.”

Die Anglistin, Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat über das Notieren mittels Handschrift nachgedacht und bekennt sogleich:

“Ich rauche und trinke nicht, aber ich habe eine Sucht: Sie besteht darin, dass ich bei Vorträgen mitschreibe. Wie jede Sucht hat das negative Konsequenzen: Papier staut sich, das irgendwann wieder ausgemustert und weggeworfen werden muss.

Dieses Mitschreiben wird allgemein als sonderbar wahrgenommen, aber das stört mich nicht, denn ich weiß, dass ich schreibend viel konzentrierter zuhören und eventuell das Gehörte nach längerer Zeit auch ziemlich genau rekonstruieren kann. Ein Schreibbrett und ein nicht klecksender Kugelschreiber gehören deshalb zu meiner Grundausrüstung. Sie sind die Nachfahren von Tafel, Schwamm und Kreide, mit denen ich in die uralte Kulturtechnik der Handschrift eingeführt worden bin.

Obwohl ich bereits mit 16 Jahren das Schreibmaschineschreiben auf einer amerikanischen Highschool lernen konnte und meine Texte und Bücher auf dem Computer tippe, ist das Schreiben mit der Hand eine unentbehrliche Praxis geblieben.”

Als Kulturwissenschaftlerin bemerkt Aleida Assmann nüchtern:

“(…) Schreiben ist ja eine uralte Kulturtechnik, die aber – wenn wir an die Handschrift denken – gerade im Begriff ist, zu verschwinden – wenn sie nicht schon verschwunden ist. Wir leben heute im Zeitalter des Verlusts der Handschrift. Wir erleben einen schleichenden und stillen Kulturwandel, der im digitalen Zeitalter kaum Beachtung findet, obwohl dabei gerade die Geschichte einer uralten Kulturtechnik zu Ende geht.”

Kurz und knapp beschreibt Aleida Assmann dann die Entwicklungen im schulischen Prozess der Alphabetisierung und des Schreibenlernens, deren Zeuge der Alte in seiner 50jährigen Lehrerkarriere werden mußte:

“Das Schreibenlernen mit der Hand mit unterschiedlichen Geräten – Kreide, Griffel, Bleistift, Füller – auf unterschiedlichen Flächen – Tafel und Papier – stand noch selbstverständlich am Anfang der Schulbildung meiner Generation. Auch meine Kinder lernten noch das Lesen im Verbund mit dem Schreiben.