Peter Bichsel zum Geburtstag (24.3.1935 – 15.3.2025)
Der Alte gesteht sehr gerne:
Die Art und Weise, wie Peter Bichsel in seiner kauzigen Art die Kinder in ihren Lebens- und Lernbestrebungen tiefstens respektiert, flößt ihm Bewunderung ein.
Peter Bichsels kompromisslose Überlegungen und Aussagen zu den Prozessen des Lesens und Schreibens als Kulturtechniken öffnen selbst verbockten Lehrpersonen die Augen, indem sie die Bedürfnisse und Ansichten der Kinder zuvorderst stellen. Kinderbücher und vor allem auch Bilderbücher müssen solchen Ansprüchen genügen.
Peter Bichsel prägt den Begriff der ´Tantenbücher´, in denen die Moral über die Dinge triumphiert:
«Kinder befinden sich als Leser in einer geradezu absurden Situation: sie bekommen ihre Bücher in der Regel von Analphabeten geschenkt, von Leuten, die selbst keine Bücher mögen. (…) Tantenbücher (…) Bücher nämlich, die den Kindern vormachen wollen, daß sie in einer Welt leben, die völlig spannungslos in sich geschlossen ist. Diese spannungslose, sichere und heile Welt ist derart einheitlich getönt, daß sie keine Einzelheiten enthält. Hier fügt sich ein Ding schön ins andere, die Maler und Illustratoren lavieren, wo sie aufzeigen sollten.»
(1969) «Und vielen Dank auch für das schöne Kinderbuch» IN Peter Bichsel (1998) Schulmeistereien. Frankfurt am Main, Suhrkamp. (S. 32)
Dagegen stellt Peter Bichsel das Bedürfnis der Kinder, ihre Umwelt zu durchdringen und deren Einzelheiten zu erfassen. Er verweist auf die Bedeutungsträchtigkeit einzelner Bilder, Wörter und Stimmungen, die als Propeller für eigene Geschichten im Sinne des ´storying´fungieren können:
«Kinder haben aber Spaß an Einzelheiten, an Gerümpelkammern und Dachböden. Was mir eine Aufgabe der Literatur zu sein scheint, das dauernde Aufnehmen eines Inventars der Umwelt, das scheint mir auch die Aufgabe von Kinderbüchern zu sein. Die Bilder dieses Kinderbuches sollen Wörter auslösen, Wörter provozieren. Sie sollen nicht mehr sein (nicht weniger) als der Raster, auf dem die Kinder ihre Geschichten selbst herstellen können. Eine hellrosa Hausfassade hat damals bei mir Geschichten ausgelöst, und das Wort ‘Berlin’ bekam Magie.
Ein Kinderbuch, das nur so viel enthält, wie auf dem Papier steht, das eine Geschichte erzählt und die Bilder dazu liefert, das also nicht fähig ist, viele andere Geschichten und vielleicht bessere auszulösen: ein solches Buch ist wertlos.» (S, 32, 33)
Den Leselernprozess sieht Peter Bichsel jenseits des verbreiteten Buchstabierens und der bewußten Anwendung von Graphem-Phonem Korrespondenzregeln, welches gemeinhin als Grant des zu testenden Leseverständnisses gilt:
«Kinderbücher haben mit Lesen zu tun. Es sind – wenn sie gut sind – nicht Bücher, die man betrachtet, sondern Bücher, die man liest, die man in seine eigene Sprache übersetzt, die man mit eigenen Erfahrungen vergleicht. Es gibt in Europa sehr viele Alphabeten, also Leute, die buchstabieren können. Leser sind seltener. Vielleicht sollte man den Kindern das Lesen vor dem Buchstabieren beibringen, damit sie für später lernen, daß wirkliches Lesen eine ganz andere Aufgabe ist als das Buchstabieren, nämlich eine schöpferische.» (S. 33)
Deshalb ist es auch so wichtig zwischen guten und weniger guten Kinder- und Bilderbüchern zu unterscheiden:
«Wirklich gute Kinderbücher könnten das Mittel sein, den Kindern das Lesen vor dem Buchstabieren beizubringen. Das würde heißen, daß sie vorerst das Wesen und den Wert des Lesens und erst dann die Technik lernen würden. (…) Kinderbücher (…) bekommen ihren Wert erst durch die aktive geistige Arbeit des Kindes.» (S. 33, 34)
Das Durchschnittssortiment an Kinder- und Bilderbüchern lockt natürlich die Durchschnittskäufer:
«Der Durchschnittskäufer – also meine Tante – wird von der Bärchengeschichte sagen: ’Doch, das kann er sicher verstehen!’ Und wenn daneben ein Buch liegt, in dem richtige Erwachsene mitspielen, Lokomotivführer und Mechaniker und Astronauten vielleicht, dann sagt meine Tante: ‘Das ist ihm zu schwer!’ Dabei fällt ihr nicht auf, daß ihrem Neffen Astronauten bestimmt greifbarer sind als Bärchen, die Schürzchen tragen.» (S. 34)
Peter Bichsel erklärt den unschätzbaren Wert von Lexika, Wimmelbüchern und Themenbüchern, wie die eines Richard Scarry, auf den es die Kinder der ersten Klasse des Alten stets besonders abgesehen hatten vor fünfzig Jahren:
«Ich glaube, daß ich mit ‘Kochs Großem Malerhandbuch’ und mit ‘Meyers Konversationslexikon’ Glück gehabt habe. Im Lexikon haben Sonne und Mond keine Augen und Nasen, machen die Blumen nicht Bim-Bam und tragen die Tiere keine Schürzchen. Im Lexikon werden die Leser ernst genommen, und das ist etwas, das man auch von Kinderbüchern verlangen muß: daß die Leser, die Kinder ernst genommen werden. Kinderbücher sollten für Kinder und nicht für den schlechten Geschmack von kaufenden Tanten hergestellt werden.» (S. 35)
Peter Bichsel empfiehlt deshalb Kinderbücher von Maurice Sendak, Tomi Ungerer und Leo Lionni und warnt zugleich:
«Wer allerdings ruhige Kinder will, der kaufe diese Bücher nicht. Denn sie werden Fragen auslösen, und die Fragen werden die Kinder nicht in Ruhe lassen, und die Kinder die Eltern mit ihren Fragen nicht. Und vielleicht wird ein einzelnes dieser Bücher für einen einzelnen so wichtig, daß er es nie vergißt, daß er sich nicht nur an die Bilder des Buches erinnert, sondern durch dieses Buch an eine ganze Zeit, an die Zeit nämlich, in der er zum ersten Mal versuchte, sich ein Weltbild zu schaffen. Vielleicht wird jemandem eines dieser Bücher so wichtig wie mir das schöne, große, dicke und hellblaue Buch meines Vaters.» (S. 36)
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
