Bora Ćosić zum 94. Geburtstag zum Zweiten (5.4.1932)

von Taccuino Del Vecchio | 05/04/2026 | Die Notizen des Alten

In seinem Buch (2012) Frühstück im Majestic – Belgrader Erinnerungen. München, Hanser.

setzt Bora Ćosić sich mit der Anfangslektüre von Kindern auseinander, welche in Fibeln und in Alphabetisierungsmaßnahmen jeglicher Couleur keine Berücksichtigung findet.
Ćosić schreibt dazu:

«Aus welcher Materie setzt sich die anfängliche Lektüre eines Fünfjährigen zusammen? Die eigentlich nicht aus Büchern besteht, sondern aus Produktinformationen in Pralinenschachteln, Rollen, in Fläschchen mit Kindermedizin eingewickelt sind, kleinen Prospekten für einzelne Waren in Form von Heftchen – das war die anfängliche Bibliothek, die ich gesammelt habe, zunächst bezaubert von der Form dieser Erzeugnisse und nicht von ihrem Inhalt, dem ohnehin unlesbaren. Ich mochte ein Büchlein, das nur aus Deckeln bestand, ohne dass das Innere drinnen gewesen wäre, weil schon diese Hülle besagte, dass es etwas Gesetztes, Gedrucktes und dann noch Eingebundenes gab, aber was das genau war, als Objekt einer verborgenen menschlichen Tätigkeit, das ahnte ich nur. Das Hin und Her der Menschen meiner Umgebung in den zwei oder drei Zimmern war also nicht alles, ihre ewig gleichen Handlungen im Bad, am Tisch und beim Hinabgehen der Treppen, all das war anscheinend in nacherzählter Form zu finden, aber in was für einer Form nur und in was für einer Nacherzählung nur? Auf diesen winzigen Pappdeckelchen und Papierchen und Hüllchen und Schächtelchen, die verlockender als jedes Spielzeug waren!» (S. 62, 63)

Diese Schrift- und Leseerfahrungen sollte jede Lehrperson zur Ausgangslage und zur Ausgangsvoraussetzung von sinnvollen Leselern- und Schreiblernprozessen machen, findet der Alte.