Ludwig Wittgenstein zum Geburts- und Todestag (26.4.1889 – 29.4.1951)

von Taccuino Del Vecchio | 26/04/2026 | Die Notizen des Alten

Hektor Haarkötter hat in seinem 2021 erschienenen Buch Notizzettel – Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert. Frankfurt am Main, S. Fischer. die Praxis des Notierens und Skizzierens thematisiert.

Zuerst bemüht Haarkötter Leonardo da Vinci, im Buch Lionardo genannt, der eindringlich
«(…) empfiehlt, die Sache selbst anzuschauen, statt Bücherwissen anzuhäufen. (…), dass man sich am wahren, alltäglichen Leben orientieren und so viele Notizen und Skizzen wie möglich davon machen solle (…).» (S. 99)

Als Musterbeispiel solcher dichter Beschreibung oder Verdichtung – denn Schreiben heißt Notizen bearbeiten (S. 127, 128) – erwähnt Hektor Haarkötter Ludwig Wittgensteins Schreibpraxis des Notierens und Überarbeitens in Form eines Algorithmus (…):

«a. Führe stets ein kleines Notizbuch bei dir und notiere spontane Gedanken
b. Übertrage die Gedanken vom kleinen Notizbuch in ein großes Notizbuch
c. Sichte regelmäßig die Notizen im großen Notizbuch, schneide sie aus und schreibe sie auf neuen Zetteln ab
d. Stelle wiederum neue Notizbücher auf Basis der ausgeschnittenen oder abgeschriebenen Schnipsel und Zettel her
e. Lasse diese Notizsammlungen abtippen und dadurch zu Typoskripten vereinigen
f. Schneide aus den Typoskripten Abschnitte aus oder schreibe sie ab und gehe zurück zu (d), sonst fahre fort bei (g)
g. Schreibe ein Vorwort zu dem Typoskript, gib ihm einen Titel und bereite es für die Publikation vor
h. Publiziere das Typoskript nicht und gehe zurück zu (a)
Wittgenstein hat auch eine eigene Notation für die Bewertung seiner Gedankensplitter und Notizen entwickelt.» (S. 138, 139)

Wahrlich ein starkes Plädoyer für das Führen von Notiz- und Gedankenbüchern, denn:
«Die Tausenden von Zetteln, Notizen, Blättern, Buchhaltungen und Typoskripten warten nicht darauf, zu einem Text zu werden, sondern sie sind schon der Text.» (S. 142)

Der Alte geht mit Hektor Haarkötter konform, wenn letzterer schreibt, dass Ludwig Wittgenstein in seinen Philosphischen Untersuchungen die Begründung für den Wert und die Notwendigkeit von persönlichen Notizen und Skizzen ausdrucksvoll betont:
«Wittgenstein folgert (…), dass ‚jeder Satz unserer Sprache „in Ordnung ist, wie er ist“. D.h daß wir nicht ein Ideal anstreben‘ (PU § 98) Auch die ‚gewöhnlichen, vagen Sätze‘, wie wir sie im Alltag gebrauchen oder auf Zetteln als ursprünglichstem Ausdruck unseres Denkens, als ‚inneres Schreiben‘ notieren, haben einen ‚untadelhaften Sinn‘. Entsprechend muss unsere Ordnungsvorstellung so konstruiert sein, dass sie auch das Verzettelte, Inkohärente, Verwirrte einschließt: ‚Wo Sinn ist, muß vollkommene Ordnung sein. – Also muß die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satze stecken‘ (ebd.).» (S. 215)

Im Zeitalter des rücksichstlosen Zugreifens auf die allzeit bereitstehende Künstliche Intelligenz täten wir gut daran, uns zu besinnen, zu notieren und zu skizzieren, denn
«Selbst-Schreiben heißt, Gedanken schriftlich auszudrücken. (…) Nur Selbst-Schreiber sind auch Selbst-Denker.» (S. 240)

Der Alte kennt kein besseres Plädoyer für das Selbst-Schreiben und das Selbst-Denken mittels Notizen und Skizzen in den Lernprozessen unserer Kinder, wofür die Lehrpersonen Raum und Zeit organisieren müssen.