Rudolf Arnheim, dem Herold der Anschauung, zum Todestag (15.7.1904 – 9.6.2007)
Die Posts des Alten zu Wilhelm Genazino haben stets die Wichtigkeit der eingehenden Betrachtung und des fokussierten Anschauens für die Entwicklung der ästhetischen Gestaltungen der Kinder als Basis auf dem Weg zur Schriftsprache hervorgehoben.
Rudolf Arnheim hat in dem Konzept der “Anschauung“ das Fundament jeglichen Lernens – auch des Lernens in der Schule – gesehen.
Diese Position stellt laut Arnheim hohe Ansprüche an die Lehrpersonen:
“Was, meiner Meinung nach, jeder Erzieher als einen unentbehrlichen Bestandteil seiner beruflichen Ausbildung braucht, ist eine gründliche Schulung des Gefühls für Anschaulichkeit.” (S. 296)
(1996) Anschauliches Denken – Zur Einheit von Bild und Begriff. Köln, DuMont.
Rudolf Arneim mahnt:
“So ziemlich unser gesamtes Erziehungssystem beruht nach wie vor auf Wort und Zahl. Gewiß lernen die Kleinsten in unseren Kindergärten, anschauliche Formen zu betrachten und mit ihnen umzugehen; sie erfinden auch selbst solche Formen auf dem Papier oder in Knetmaterial und denken dabei wahrnehmungsmäßig. Aber schon in den Vorschuljahren beginnen die Sinne ihren Rang als Erziehungsorgane zu verlieren. Immer mehr behandelt man die Künste als bloß manuelle Geschicklichkeit, als Unterhaltung und Erholung. Je nachdrücklicher die Hauptfächer sich auf Sprache und Zahlen konzentrieren, um so weniger sieht man ihre Verwandtschaft mit den Künsten, und der Kunstunterricht wird zum bloßen Anhängsel.” (S. 14)
Arneims Plädoyer für eine auf Anschauung gegründete Erziehung fußt auf den ästhetischen und künstlerischen Gestaltungen und Tätigkeiten aller Beteiligter.
Doch Obacht:
“Dabei empfiehlt es sich aber nicht, den Sinn für das Anschauliche als künstlerisch und ästhetisch abzustempeln, denn damit verbannt man ihn in eine privilegierte Zone, in der nur der talentierte Fachmann zuhause ist. (…) Die Kunst tut ihr Werk am besten, wenn sie nicht als solche bezeichnet wird. Sie zeigt, daß wenn Formen, Dinge und Vorgänge ihr eigenes Wesen zur Schau stellen, sie die tiefen, einfachen Grundkräfte wahrnehmbar machen, in denen der Mensch sich selbst erkennt.” (ibid.)
Sketchblog.lu liefert eine Unzahl von Beispielen einer intensiven Anschauung von Formen, Dingen und Prozessen.
Die Dynamik des Sehens, Betrachtens und Anschauens ist die Grundvoraussetzung jeglichen Denkens, denn sie gibt uns “unerschöpflich reiche Auskunft über die Dinge und Ereignisse der Außenwelt.” (S. 29)
Rudolf Arnheim schreibt: “(…) wenn wir vom Sehen sprechen, dann meinen wir eigentlich nicht Gegenstände, feste Gegenstände, sondern alles, was gesehen wird, hat den Charakter des Dynamischen; darin liegt der Ausdruck. (…) Jedes Objekt ist eigentlich nur Energiepaket. (…) man mit dem Wahrnehmungsmäßigen nur richtig handeln kann, wenn man das als ganz dynamisch versteht, als dynamische Beziehung, als dynamischen Ausdruck.” (S. 62, 63)
(1993) Zauber des Sehens. Göttingen, Lamuv.
Sehr schön beschreiben die folgenden Worte Arnheims den Prozess des anschaulichen Denkens:
“Wir greifen im Anschauen nach den Objekten. Wie mit einem unsichtbaren Finger fahren wir durch den Raum, gehen wir zu entfernten Orten, wo sich Dinge befinden, berühren sie, erhaschen sie, ertasten ihre Oberfläche, umfahren ihre Umrisse, erforschen ihre Struktur. Es ist ein höchst aktives Verhalten.” (S. 30)
(1996) Anschauliches Denken – Zur Einheit von Bild und Begriff. Köln, DuMont.
Die von Arneim gerade beschriebenen Prozesse erlauben später ein präzises und intensives Benennen von Dingen, Situationen und Sachverhalten und ermöglichen somit den Feinschliff unserer Sprachen.
Anschauung und selektives Erkennen sind primäre Intelligenzmerkmale und führen das Kind erst hin zur Sprache auf der Basis seiner höchst eigenen Interessen:
”Man sieht schon bei den Tieren und bei kleinen Kindern, die noch keine Sprache haben, wie das Erkennen das Primäre ist. Dieses Erkennen kommt aus dem Sinnlichen und nicht aus dem Sprachlichen. Das Sprachliche ist die Kodifizierung der Erkenntnisse; (…). Die Wörter enthalten den Gegenstand nicht. Wenn ich ein Wort ausspreche wie Pferd, dann ist ja das Pferd nicht in dem Wort enthalten. Das Wort ist zufällig, man kann mit dem Wort nicht denken. (…) daß die Sprache auf Hinweise, auf das Sinnliche angewiesen ist. Wenn ich über ein Pferd nachdenken will oder über einen Baum oder über ein Licht oder was immer, dann muß ich über das Wort hinaus auf seinen Bezug achten, nämlich was das Pferd für mich in der sinnlichen Erfahrung darstellt.” (S. 80)
(1993) Zauber des Sehens. Göttingen, Lamuv.
Rudolf Arnheim plädiert also für eine visuelle Alphabetisierung auf der Basis von eigenen ästhetischen Gestaltungen der Kinder:
“Die Kinderzeichnung ist die Grundwurzel von alledem. Wie kann ich denn die Kompliziertheit eines Menschen verstehen, der anders aussieht, je nachdem, von wo ich ihn mir ansehe, oder die Kompliziertheit eines Baumes? Da ist eben das Zeichnen und das Malen das große Grundmittel, eine Ordnung in der Welt zu finden.” (S. 89)
Der visuellen Alphabetisierung liegt aber stets die Neugier der Kinder auf die Welt und die anderen Menschen, die sich manifestiert , sobald das Kind den Bauch der Mutter verlassen hat:
“Aber das Herausfinden war die Hauptaufgabe.
(…) herauszufinden, was es denn mit der Welt, der Beziehung zwischen den Menschen und der Welt auf sich hat.” (S. 66)
Na denn, Schule, back to the basics, findet der Alte!
