Dieter Wellershoff zum Todestag (3.11.1925 – 15.6.2018)

von Taccuino Del Vecchio | 15/06/2026 | Die Notizen des Alten

Wie so viele andere Publizisten und Autoren hat der Kölner Dieter Wellershoff über seine Lebenserfahrungen in der Schule berichtet, hier insbesonders über den Wechsel von der Grundschule ins Gymnasium:

“Ein wirklich krisenhafter Einschnitt in meinem Leben war (…) der Wechsel aus der kleinen Gemeinschaft der evangelischen Zwergschule auf das Gymnasium. Diese Schule wurde für mich der Inbegriff des Zwangs, der geistigen Öde und des Sadismus verkorkster, scheinheiliger Erwachsener. (…) Die Zwänge der Paukschule, die Vokabel- und Geschichtszahlenverhöre, zu denen man einzeln vor die Klasse gerufen wurde (…).” (S. 43)

Der Alte hat wie Wellershoff Erinnerungen an einen Gymnasiallehrer und dessen massiven Siegelring ebenso wie an einen Absturz am Doppelbarren:

“Dieser (…) Latein- und Deutschlehrer und, wie ich mir dachte, natürlich ein Katholik, den man häufig mit dem Gebetbuch sah, hatte die Gewohnheit, uns mit dem spitzen Stein seines Fingerringes auf die Köpfe zu schlagen. (…) das fürcherliche Geräteturnen in der Schule (…).” (S. 44)
(1985) Die Arbeit des Lebens – Autobiographische Texte. Köln, Kiepenheuer & Witsch.

Wie hielt es Dieter Wellershoff mit der Aussicht auf den Lehrerberuf?

“Typisch wäre gewesen, wenn ich Lehrer geworden wäre. Das wäre seitens der Uni ja eine vorgeplante Studienrichtung gewesen. Ich bin aber einfach nur in die Bibliothek gegangen wie ein Rauschgiftsüchtiger und habe gefragt: Was lese ich denn jetzt? Es gibt viele Möglichkeiten, ein erwachsener, kultivierter Mensch zu werden. Ein Motiv, nicht Lehrer zu werden, war für mich, dass ich mich um die wirklichen, in den Büchern dargestellten Erfahrungen kümmern wollte.”
Und mehr zu seinen Lebenserfahrungen, besonders aus dem Krieg, findet man hier:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148371182/Jeder-von-uns-braucht-Erfahrungen-des-Scheiterns.html

Uns alle, die wir uns doch für den Lehrberuf entschieden haben, warnt Dieter Wellershoff eindringlich:

“Menschen sind nicht unbegrenzt der Belehrung und der Erziehung zugänglich. Wenn es zu viel wird, wenn es sich zur Langeweile oder zur Indoktrination auswächst, schalten sie einfach ab. (…) Die Augen fallen zu, die Ohren werden taub, eine schützende Gardine zieht sich vor die Seele und ein Schleier vor die Aufdringlichkeit der Außenwelt, sehr zum Unmut aller Propagandisten und pädagogischen Eiferer, die nie verstehen, dass die Steigerung des Drucks die Abwehr automatisch verstärkt. Abstumpfung kann ein wirksamer Schutz sein.” (S. 200)
(2025) Die Stadt ist wie ein ungeheures Buch – Ansichten von Köln. Düsseldorf, Lilienfeld.
Alle Bücher, welche der Alte von Dieter Wellershoff gelesen hat, haben ihm ein großes Lesevergnügen bereitet.