György Konrád zum Todestag (2.4.1933 – 13.9.2026)

von Taccuino Del Vecchio | 13/09/2026 | Die Notizen des Alten

Das Geheimnis des Lesens

Vor langer, langer Zeit hat der Alte während eines Besuchs seiner Studenten im Praktikum darum gebeten, folgendes von seiner Lehrerin korrigiertes Schreibprodukt eines Schülers des 5. Schuljahres mitnehmen zu dürfen. „Selbstverständlich!“, so die Antwort der Lehrerin.

Seitdem diskutiert der Alte dieses authentische Schriftdokument mit den Studierenden in seinen Seminaren an der Universität.

Als der Alte letztes Jahr das Buch (2005) Sonnenfinsternis auf dem Berg – Autobiographischer Roman. Frankfurt am Main, Suhrkamp. des ungarischen Autors György Konrád las, fabd er auf Seite 232 folgenden Satz:

“Laß den Geschichten, wenn sie erst einmal in Schwung gekommen sind, ihren Lauf, damit sie sich einer geheimen Logik gemäß entwickeln.”

Dieser Satz trifft auf die quasi revolutionäre Kraft und auf das rasende Tempo dieser Schülerarbeit zu: ein unvergleichliches Liebesbekenntnis, welches von äußerster Dankbarkeit gekennzeichnet ist. Etwa ein märchenhaft angehauchter Text?

György Konrád weiß es besser:
“Im Rückspiegel wird die Wirklichkeit zu einem Märchen.” (S. 354)

Im selben Roman berichtet Konrád, wie er regelmäßig in die Stadtbibliothek entwischte, um dem langweiligen Schulunterricht zu entgehen. Er lieh sich dort billige Arztromane aus (etwa von Cronin? fragt sich der Alte). Eines Tages erschrak Konrád, als er der Präsenz seines Klassenlehrers in derselben Bibliothek gewahr wurde, der, nachdem er in dem Arztroman geblättert hatte, seinen Zögling aufforderte, zu warten, bis er zurückkehre:

“Während er sich drinnen zu schaffen machte, konnte ich mich nicht mehr auf den Arztroman konzentrieren; ich wartete, wie es mir mein Klassenlehrer aufgetragen hatte. Alsbald erschien er mit einem Bücherstapel, setzte ihn auf dem Tisch des Bibliothekars ab und instruierte diesen: ´Wenn der Junge wieder kommt, geben Sie ihm diese Bücher, damit er sie hier an Ort und Stelle lesen kann!´ Er nickte und ging in die Schule. Der Bibliothekar winkte mich zu sich und gab mir das auf dem Stapel ganz oben liegende Buch in die Hand: Schuld und Sühne. Später merkte der Herr Professor Sarlánky wie nebenbei auf dem Flur an, es mache nichts, wenn ich von diesen Büchern nur wenig verstünde, denn der Teil, den ich dennoch verstehen würde, sei mehr wert, als wenn ich ein schlechtes Buch ganz verstünde.”

Der Alte dankt György Konrád für die Enthüllung dieses Geheimnisses, nein, nicht des Glaubens, sondern des Lesens.