Pablo Neruda zum Todestag (12.7.1904 – 23.9.1073)

von Taccuino Del Vecchio | 23/09/2026 | Die Notizen des Alten

Wie in einem letzten Post zu Pablo Nerudas Geburtstag versprochen, veröffentlicht der Alte hiermit noch andere Texte seiner Studierenden, welche letztere zu den Ideen Nerudas aus seinem Buch der Fragen geschrieben haben.

Wo ist das Kind, das ich gewesen, wohnt es in mir oder ist es fort?

Diese Frage von Pablo Neruda berührt etwas sehr Persönliches. Sie bringt uns dazu, über unsere Vergangenheit und über uns selbst nachzudenken. Was ist mit dem Kind passiert, das wir einmal waren? Tragen wir es noch in uns oder ist es im Laufe der Jahre verschwunden?
Wenn wir an unsere Kindheit zurückdenken, tauchen viele Bilder auf. Man erinnert sich an kleine Momente, an das Staunen über die Welt, an das Spielen, an das Unbekümmerte und Sorgenfreie. Damals hatte vieles einen Zauber, den wir als Erwachsene oft verlieren. Und doch gibt es Augenblicke, in denen dieses frühere Ich plötzlich wieder ganz nahe scheint. Zum Beispiel, wenn wir lachen wie früher, wenn wir spontan sind oder etwas mit kindlicher Freude erleben.
Ich habe das kürzlich selbst erlebt, während meines TDT A2. Wir waren mit Schülerinnen und Schülern auf dem Airtramp und mein Formateur hat mich kurzerhand eingeladen, mit draufzukommen. In dem Moment habe ich mich selbst wieder wie ein Kind gefühlt. Dieses Gefühl von Leichtigkeit, das Lachen, das Springen, es war so, als hätte ich mein jüngeres Ich wieder für einen kurzen Moment getroffen.
Das Kind von damals ist also nicht einfach verschwunden. Es ist vielleicht ruhiger geworden, überdeckt von Erfahrungen, Regeln, Verantwortung. Aber es ist noch da. In bestimmten Momenten meldet es sich. Vielleicht in einem Gespräch, das etwas in uns berührt. Vielleicht, wenn wir barfuß durch das Gras laufen oder wenn wir uns wünschen, einfach mal wieder unbeschwert zu sein.
Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen ich mir denke: Mein früheres Ich wäre jetzt richtig stolz auf mich. Gerade weil es auch Phasen gab, die nicht einfach waren. Es gab Momente, in denen ich gezweifelt habe, an mir oder am Weg. Und trotzdem bin ich heute hier. Manchmal schaue ich zurück und denke mir: Ich hätte nie gedacht, dass ich das alles so mache, wie ich es jetzt tue. Das zeigt mir, dass das Kind von früher immer noch Einfluss hat und nicht nur auf das, was ich fühle, sondern auch auf das, was ich geworden bin.
Vielleicht geht es bei dieser Frage nicht darum, das Kind von früher exakt so wiederzufinden. Sondern eher darum, sich selbst Raum zu geben für das, was damals wichtig war. Für Neugier, für Fantasie, für echtes Staunen. Wenn wir das zulassen, dann merken wir, dass dieses Kind nicht nur eine Erinnerung ist, sondern ein Teil von uns, der uns begleitet, vielleicht manchmal versteckt, aber nie ganz verschwunden.
Am Ende ist es wohl so, dass das Kind, das wir gewesen sind, nicht an einem bestimmten Ort wohnt. Es zeigt sich in kleinen Gesten, in bestimmten Gefühlen, manchmal auch in Träumen. Es wartet nicht darauf, gefunden zu werden, sondern darauf, dass wir wieder zuhören.

Einer der Lieblingstexte des Alten aus dieser Serie:

Wie ist das stehengelassene Fahrrad zu seiner Freiheit gekommen?

Es stand lange still, angelehnt an einen rostigen Zaun am Rande eines überfüllten Parkplatzes. Tag für Tag strichen Menschen an ihm vorbei, ohne es wirklich zu sehen. Sein Rahmen war zerkratzt, die Kette locker, ein Reifen fast platt. Es hatte einst jemandem gehört, jemandem, der es oft rücksichtslos durch Pfützen jagte, es bei Regen draußen stehen ließ und es trat, wenn es nicht sofort gehorchte. Doch das Fahrrad schwieg, duldete, wartete.
Eines Tages kam dieser Jemand nicht mehr zurück.
Zuerst war da der Schmerz der Zurückgelassenheit, das Gefühl, nicht mehr gewollt zu sein. Der Wind zerrte an seinem Lenker, der Regen lief rostig durch seine Speichen. Die Einsamkeit war scharf, ein schneidender Gegenwind aus Zweifel und Schuld.
Doch dann, allmählich, veränderte sich etwas.
Es begann die Geräusche um sich herum wieder wahrzunehmen: das Lachen der Kinder auf dem Spielplatz, das Rascheln der Bäume, das rhythmische Klacken anderer Räder, die frei durch die Straßen zogen. Und das Fahrrad, das ehemals Abgestellte, das Unbeachtete, begann zu begreifen: Es war nicht verlassen worden. Es war befreit worden.
Der Mensch, dem es einst gehörte, hatte nie Rücksicht auf sein Tempo genommen, hatte es nicht gepflegt, nicht geliebt. Jetzt, allein, konnte es endlich aufatmen. Der Rost war kein Makel mehr, sondern ein Zeugnis überstandener Zeiten. Der abgeplatzte Lack, Zeichen von Kämpfen, die es überlebt hatte.
Eines Morgens kam jemand vorbei. Kein Besitzer, sondern ein Entdecker. Jemand, der mit vorsichtigen Händen über den Rahmen strich, der den Reifen aufpumpte, die Kette ölte. Jemand, der fragte, ob das Fahrrad noch fahren wolle, und nicht einfach nur erwartete, dass es funktionierte.
Das Fahrrad fuhr wieder los. Nicht mehr gehetzt, nicht mehr geschunden. Sondern frei. Nicht, weil es wieder einem Menschen gehörte, sondern weil es endlich sich selbst gehörte.
Manchmal ist das Verlassenwerden kein Ende, sondern der Anfang der Freiheit. Denn nicht jeder Mensch, der bei uns bleibt, tut uns gut. Und manchmal braucht es genau diesen Bruch, damit wir erkennen: Wir waren nie kaputt. Wir waren nur nicht am richtigen Ort.

Und als Zugabe:

Warum vergießen Wolken so viele Tränen und werden dabei immer froh?

Manchmal frage ich mich, ob Wolken vielleicht doch Gefühle haben. Ob sie über der Welt hängen, schwer vom Leben, schwer vom Himmel, und dann irgendwann weinen müssen. Sie weinen leise, mit Tropfen, die auf Dächer klopfen und auf Gesichter fallen. Und trotzdem oder gerade deshalb wirken sie danach leichter, heller, freier. Vielleicht sogar froh.
So ist es oft auch mit uns Menschen. Wir tragen Gedanken, Sorgen, Erinnerungen, wie Wolken ihre Feuchtigkeit. Wir werden voller und schwerer, bis wir kaum noch wissen, wohin mit all dem. Und dann braucht es manchmal nur einen Moment: ein trauriges Lied, ein stilles Gespräch, ein Blick in den Himmel. Und plötzlich fließen die Tränen. Nicht aus Schwäche. Sondern, weil das Herz atmen will.
Wolken schämen sich nicht fürs Weinen. Sie halten den Regen nicht zurück, aus Angst, zu viel zu sein. Sie lassen los, was sie nicht mehr tragen können und schenken der Erde damit neues Leben. Vielleicht können wir von ihnen lernen.
Denn nach dem Regen, wenn die Tropfen gefallen sind und die Wolken sich wieder teilen, zeigt sich oft ein strahlender Himmel. Manchmal sogar ein Regenbogen. Und das geschieht auch in uns: Nach dem Weinen kommt eine Stille. Eine Wärme. Ein kleines bisschen Frieden.

Vielleicht werden Wolken deshalb froh, wenn sie Tränen vergießen. Weil sie wissen, dass es dazugehört. Dass es gut ist, Platz zu machen für das Licht. Und dass im Loslassen die wahre Stärke liegt.

Der Alte dankt seinen Studierenden für ihre Anstrengungen, Einsichten und Gefühle.