Bernhard Bosch zum Geburtstag (29.6.1904 – 2.3.2004)
In einem Brief an Prof. Dr. Heinz Günnewig lamentiert der 80jährige eminente Erstleseforscher Bernhard Bosch:
„Bis heute komme ich nicht zum zweckfreien Studieren. Daß ich´s als Professor nicht konnte, lag an den Zeiten, vielleicht auch daran, daß ich alle schriftlichen Studentenarbeiten Zeile für Zeile las – nicht wie ein Kollege, der diagonal las (oder gar nicht) und dann – in totaler Sicherheit gegenüber dem Verwaltungsgericht – Zensuren in der Reihe: 2 – 3 – 2 – 3 – 2 – 3 – 2 – 3 usw. gab; manchmal machte es auch die Schreibkraft, wie das damals hieß.
Zweckfreies Lesen, Studieren – nur weil die Sache interessiert! Schön wär´s!“
Eine Mahnung, auch an uns.
Dann gibt Bernhard Bosch noch einen guten Ratschlag an alle Universitätsgelehrten:
„Bis zu meiner Emeritierung habe ich wenigstens jede Woche, obzwar Professor für ´Allgemeine Pädagogik´, einen Tag in der Woche unterrichtet; es durfte jeder kommen und mich hernach kritisieren. Man betrieb damals schon Ohrenbläserei über mich.“
Herzhaft sind Bernhard Boschs Kommentare über Kollegen und Kolleginnen in der Lesedidaktik:
„Ist die Kollegin schreibwütig?“ oder
„Der schreibt ab, z. B. auch bei Bosch! Bitte, seien Sie mir nicht gram, mir scheint das Buch ein Galimathias von einem Narziß zu sein. Der Mann ist nie in der Schule gewesen; er soll Sozialwissenschaftler sein.“
In einem Interview mit Ingrid Naegele hat Bernhard Bosch seine Position zur Vergegenständlichung (objectifying) des Gesprochenen im Rahmen des kindlichen Schriftspracherwerbs kurz und bündig zusammengefasst:
Ingrid Naegele fragt:
„Überfordert solche sozusagen sprachanalytische Reflexion das Kind nicht?“
Bernhard Bosch antwortet:
„Die Frage ist berechtigt. Man darf aber nicht übersehen, daß das Kind keinesfalls über den Sachverhalt theoretisch belehrt werden soll. Vielmehr ist der Unterricht gehalten, sich so einzurichten, daß die erforderlichen Prozesse einsichtigen Denkens alle im tätigen Umgang mit der Schrift vor sich gehen. Hierbei erfährt das Kind, daß die Sprache, die es bislang im Großen und Ganzen nur im Vollzug, dem Sprechhandeln nämlich, erlebte, zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht werden kann.“
Auch über Bernhard Boschs Worte sollte jede Lehrperson tief nachdenken, findet der Alte.
