Peter Bichsel zum Todestag (15.3.2025)
Vor einem Jahr verstarb der streitbare Schweizer Peter Bichsel kurz vor seinem 90. Geburtstag.
Peter Bichsel – selbst Lehrer – hat sich mit der Autorität, welche die Lehramtsfunktion mit sich bringt, eindrucksvoll auseinandergesetzt.
Gregor von Rezzori hatte in seinem Buch Greisengemurmel von 1994, erschienen beim Münchner Verlag C. Bertelsmann auf Seite 96 kurz und bündig verkündet:
„Lehrer bergen in ihrem Busen den Keim der Macht.“
In genau diese Kerbe schlägt Peter Bichsel.
Er glaubt, dass die Machtausübung und das Machtgehabe der Lehrpersonen auf der Institution der Pflichtschule beruht, welche bei Lehrern ein bestimmtes Pflichtverhalten hervorzurufen scheint:
«Aber die Bezeichnung Schulobligatorium hat ganz falsche Vorstellungen geweckt, die Vorstellung zum Beispiel, daß der Mensch zum Lernen gezwungen werden müsse, daß sich seine Natur gegen das Lernen wehre, daß er also keinen natürlichen Lernwillen habe. (…) Ich hatte mir als Lehrer eine fürchterliche Unart angewöhnt. Sozusagen jede Antwort eines Kindes wiederholte ich in irgendeiner Form, meistens sogar in derselben, die das Kind gebrauchte.
Ich bin also in der Schule so autoritär geworden, daß ein Satz erst dann gültig ist, wenn ich, der Lehrer, ihn ausgesprochen und damit bestätigt habe. Der Satz des Kindes ist damit nur ein unverbindlicher Vorschlag, ein Gespräch mit dem Kind ist verunmöglicht, seine Beteiligung am Lernvorgang eine Farce. (…) Die Kinder sind dem allen machtlos ausgeliefert. Ihre gesetzlichen Vertreter (die Eltern) sind nicht bereit und aufgeklärt genug, ihre Rechte wahrzunehmen und zu vertreten. Der Lehrer besitzt eine absolute Macht und wird von keiner Seite aufgefordert, gegenüber ihr Bedenken zu haben.»
(1969) Die Volksschule – ein Geschäft ohne Partner. IN Peter Bichsel (1998) Schulmeistereien. Frankfurt am Main, Suhrkamp. (S. 22, 23, 25, 26, 27)
Die von Peter Bichsel beschriebenen Lehrerverhalten und -strategien werden heutzutage durch immer stringentere Vorgaben und Prozeduren des Ministeriums hervorgerufen, insbesondere durch das immer weiter um sich greifende Testgebaren, welches einem vernünftigen Unterricht und dem Dialog mit Kindern und Eltern zuwiderläuft.
Der Alte denkt, dass die Publikationswut mit immer neuen Lernmaterialien in dieselbe Richtung geht.
