Walter Kempowski (29.4.1929 – 5.10.2007) und Jerome S. Bruner (1.10. 1915 – 5.6.2016) Hand in Hand
In einem bereits auf sketchblog.lu veröffentlichten Interview hat der amerikanische Psychologe und Pädagoge Jerome S. Bruner mit 99 Jahren das Fazit seiner Forschungen gezogen.
In der Schule gehe es nur darum, den Kindern immer wieder Möglichkeiten zu eröffnen. Darin bestehen die Notwendigkeit und die Berechtigung einer guten Erziehungsarbeit. Mehr wisse er auch nach fast 100 Jahren nicht, so jedenfalls Jerome Bruner.
So sieht es auch der stets etwas grantige Pädagoge und Schriftsteller Walter Kempowski, dessen akribische Archiv- und Dokumentationsarbeit so sehr unseren sketchblog.lu inspiriert hat:
”Wir können die Kinder nicht so lassen, wie sie sind. Wir müssen auch auf das achtgeben, was sie sein können in unserer Gesellschaft, sonst gehen wir und sie zugrunde. Das ist aber nicht ´Veränderung´ von Menschen, sondern ihre Verwirklichung.” (S. 146)
IN Siegfrid Lenz (1986) Über Phantasie. Gespräche mit Heinrich Böll, Günter Grass, Walter Kempowski und Pavel Kohout. (Alfred Mensak, Hrsg.). München, dtv.
Auch die Fanatiker der ´phonological awareness´, also des ´ phonologischen Bewußtseins´, welches neulich in der New York Times zur ´science of reading´ geadelt wurde, nimmt Walter Kempowski genüßlich auf die Schippe:
Summ das S so wie die Bien:
Sahne, Saft, Salat, Rosine.
Summ ganz weich, wie Samt und Seide,
Wie der Rieselsand der Heide.
Summe, säusle, liebes Kind:
Seele, Sehnsucht, Sommerwind.
Summ, was sonst sich summen läßt:
Süß und sauer, Soßenrest;
Sichel, Sense, silbergrau;
Suppe, Seife; Salz und Sau!
Zisch das ß, scharf wie ein Schuß:
Beißen, stoßen, Reißverschluß.
Zisch, als op Papier zerriß:
Mißgunst, Haß und Schlangenbiß.
Zische flüsternd wie du heißt,
Was du ißt und was du weißt.
Zische lustig: Spaß und Baß,
Grießkloß, Preßluft, Wasserfaß.
Zisch mit ß zum süßen Schluß:
Blumenstrauß und Gruß und Kuß!
IN (1990) Sirius – Eine Art Tagebuch
Welche Möglichkeiten eröffnet uns doch ein schöpferischer Umgang mit den Realitäten unseres Lebens, die wir in Sprache fassen und dadurch in getreuer Tonqualität, Tonart und Betonung erstehen lassen können.
Jeder soll das nach seinen Möglichkeiten gestalten und ausdrücken können.
Eine großartige und gekonnte Lektion des bärbeißigen Schulmeisters Kempowski, findet der Alte.
