Spielen, Lernen & Erwachsenwerden
Ansichten von Kindern aus der Vorschule und dem ersten Schuljahr
"Zur Welt suchen wir den Entwurf - dieser Entwurf sind wir selbst."
Novalis
Kinder aus dem zweiten Vorschuljahr blicken in die Zukunft, im Lebensbereich Schule, an dessen Anfang sie stehen, der sich eben vor ihnen auftut.
Kinder des ersten Schuljahrs blicken in die Zukunft und auch schon zurück, im Lebensbereich Schule, in den sie bereits - oder erst? - vor etwas mehr als zwei Jahren eingetreten sind.
Studenten des ISERP haben sie zu diesem Thema interviewt, in kleinen Gruppen, damit sich die Kinder auch untereinander damit auseinandersetzen konnten.
Die Kinder haben darüber nachgedacht und sind weiter im Begriff darüber nachzudenken. Die Gedanken, die sie äußern, haben sich entwickelt in der Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen Gesprächspartnern in verschiedenen sozialen Kontexten. Das sind zuerst die Partner in der Familie: die Eltern, vielleicht auch die Großeltern, und die Geschwister, besonders die älteren, die schon mehr Schullebenserfahrung besitzen als sie selbst und die ihnen aus der Schule erzählen, manchmal mit dem Ziel, ihren jüngeren Geschwistern das Fürchten zu lehren. In der Familie, wenn ältere Geschwister da sind, erleben die Kinder, die selbst noch nicht zur Primärschule gehen, nicht selten die Anstrengungen, Zwänge, Ängste, die das Schulleben mit sich bringt.
Gesprächspartner sind auch die Lehrerin oder, bei den Erstklässlern, die Lehrerinnen, die sie in drei Jahren bereits kennengelernt haben. Sie bringen ihre eigenen Vorstellungen über Schule ein, denen sich die Kinder anpassen müssen und die sie, wenigstens zum Teil, selbst übernehmen müssen, wenn sie nicht zu Außenseitern werden wollen.
Gesprächspartner sind auch die mehr oder weniger Gleichaltrigen, denen sie in der Schule und außerhalb begegnen. In den Gruppen Gleichaltriger treten unterschiedliche Vorstellungen über die Schule zutage, gemäß den unterschiedlichen familiären Hintergründen und persönlichen Erfahrungen. Hier haben die Kinder eine größere Freiheit zur Auseinandersetzung als mit Erwachsenen. Hier können sie ihre Vorstellungen in Bezug auf diejenigen anderer situieren, sie können ihre Meinungen bekräftigen, überprüfen, abändern.
Auf diese Weise entwickelt sich Identität. Nach Salvador Minuchin
1 beruht Identität auf dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und dem Gefühl des Abgetrenntseins von dieser Gruppe, wobei natürlich in erster Linie an die Familie zu denken ist. Das Zugehörigkeitsgefühl zu und die Identifizierung mit den Personen und Vorstellungen in der Familie, die Anpassung an Denk- und Interaktionsmuster muss ausbalanciert werden durch eine Distanzierung zu diesen Personen und Vorstellungen. Das geschieht durch die Zugehörigkeit zu andern, außerfamilialen sozialen Gruppen. Andernfalls kann kein ausgewogener Prozess der "Individuation", wie Helm Stierlin 2 die Identitätsbildung nennt, stattfinden. Für unsere Kinder sind das vor allem die Gleichaltrigen und das soziale Gebilde Schule. Minuchin spricht von der "Matrix der Identität", die durch die Dimensionen der Zugehörigkeit und des Abgetrenntseins in Bezug auf verschiedene Gruppen definiert wird. Der Eintritt in die neuen sozialen Kontexte, die mit dem Lebensbereich der Schule verbunden sind, eröffnet dem Kind die Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu seiner Familie zu nehmen und seine Identität gegenüber den Familienmitgliedern zu affirmieren, was nicht immer ohne Konflikte vonstatten geht. In diesem Sinn stellt der Eintritt in die Schule tatsächlich ein "kritisches Lebensereignis" für die Kinder dar. Umgekehrt ermöglicht die Zugehörigkeit zur Familie und zur Gruppe der Gleichaltrigen dem Kind eine gewisse Distanzierung zur institutionell gefestigten Schule und deren Vorstellungen, falls diese beiden Gruppen selbst genügend Distanz zur Schule besitzen. Es gibt Familien, deren Vorstellungen über das Leben und Lernen in der Schule mit denen der Schulinstitution gut übereinstimmen. Bei anderen Familien stimmen die Auffassungen mit denen der Schule nicht überein, wie aus den nachfolgenden Gesprächsausschnitten ersichtlich ist. Die Kinder werden sehr unterschiedliche Anpassungsprozesse an die Schule durchmachen und gegebenenfalls große Anpassungsschwierigkeiten haben.In den aufgenommenen Gesprächen tritt dieses Thema nicht explizit zutage. Vordergründig wird über Spielen und Lernen gesprochen. Da letzteres aber in einem engen Zusammenhang mit Großwerden gesehen wird, steht die Frage der Identitätsfindung im Hintergrund. Die Leserin und der Leser sollten bei der Lektüre der Gespräche daran denken.
Studentinnen und Studenten des ISERP
3 haben Kinder aus dem zweiten Vorschuljahr (im zweiten Trimester 1997) und aus dem ersten Schuljahr (im ersten Trimester 1996) zu dem Thema des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule interviewt. Die Vorschulkinder wurden gefragt, wie sie sich das erste Schuljahr vorstellen. Die Erstklässler gaben Auskunft darüber, wie sie die "Spillschoul" erlebt haben, und wie sie nun das erste Grundschuljahr erleben, welchen Unterschied es zwischen den beiden gibt, usw.; dabei wurde auch die Frage angeschnitten, was Spielen und was Lernen sei.Die Kinder, besonders die aus der Vorschule, die noch keine Erfahrung mit der "Lernschule" haben, bringen die Vorstellungen aus ihrer jeweiligen Familie ins Gespräch ein. Diese werden in der Gruppe angenommen, korrigiert, zurückgewiesen. Wie sich die Gespräche entwickeln hängt natürlich von der Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe ab und von der Gesprächsführung der Studentinnen und Studenten, die durch ihre Fragen persönliche Äußerungen und gedankenproduzierende Dialoge zwischen den Kindern provozieren.
Die Kinder aus der Vorschule
Interviewer: Wat as dann am éischte Schoujoër anescht wéi hei?
Linda: Do muss ee léieren. An nët spillen.
Roy: An do muss ee vill léieren.
Andy: An do muss ee ganz vill léieren.
Das ist also klar: im ersten Schuljahr wird gelernt und nicht gespielt. Denn Lernen und Spielen sind nicht miteinander vereinbar, wie Caine es mit aller Deutlichkeit ausdrückt:
Interviewer: Caine, kann een am éischte Schoujoër spillen?
Caine: NeenInterviewer: Firwat däerf een dann nët am éischte Schouljoër spillen?
Danielle: Well 't muss ee léieren.
Caine: Well ee schreift.
Interviewer: Wann ee schreift, däerf een dann nët spillen?
Caine: Da kann een nët spillen. Well da schreift ee jo, an da kann een nët spillen.
Platz zum Spielen gibt es höchstens in der Pausenzeit, aber die ist nur sehr kurz, viel kürzer als im Kindergarten. Was ist das denn: Lernen? Zuerst bringen die Kinder das Lernen mit "schaffen" in Verbindung. Fabienne gibt eine ganz prägnante Definition:
Interviewer: Wat as dat iwwerhaapt: Léieren?
Fabienne: Schaffen
Die Kinder sind sich eins, dass Lernen mit Arbeiten verbunden ist. In der Primärschule wird gearbeitet. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zum Kindergarten.
Interviewer: hu dir iech schon iwwerluecht, wat anescht am éischte Schouljoër as?
Yannick: Rechenaufgaben an Hausaufgaben. 't muss ee plus rechnen.
Steve: Schaffen
Interviewer: An du, André?
André: Och schaffen.
Yannick: Schaffen
Interviewer: Wat mengt der dann, datt déi Kanner am éischte Schouljoër elo maachen?
Steve: Schaffen
André: Schreiwen, schwéier.
Yannick: An si maachen Hausaufgaben.
Steve: An si mécht plus a minus.
Die Kinder wissen selbstverständlich, dass das erste Schuljahr schwieriger sein wird als die Vorschule und dass die neue Tätigkeitsform, die auf sie zukommt, noch erlernt werden muss, wie Dino treffend bemerkt:
Interviewer: Wat mengs du dann dozou, Dino? Wat léiert een am éischte Schouljoër?
Dino: Schaffe léiert een.
Manche Kinder sind ganz zuversichtlich, dass sie sich an die neue Situation anpassen können:
Interviewer: Wat géingt der dann am léifste maachen am éischte Schouljoër?
Bobi: Nëmme schaffen. Schaffen dee ganzen Dag
Caroline: Ech wëll am éischte Schouljoër nëmmen am meeschte schaffen. Well da sin ech gewinnt, nëmme e bëssi wéineg ze spillen. A vill schaffen, well da sin ech doru gewinnt.
Andere hingegen haben Schwierigkeiten, sich ein Schulleben ohne Spiel vorzustellen und möchten deshalb lieber im Kindergarten bleiben. Aber das würde bedeuten, dass sie auf das Lernen verzichten müssten. Der Konflikt zwischen dem Wunsch, das Spielen als dominierende Tätigkeit in der Schule noch weiter geniessen zu können, und dem Wunsch, einen entscheidenden Schritt zum Erwachsenwerden zu tun, kommt in dem folgenden Gesprächsauschnitt zum Ausdruck:
Interviewer: Thierry, gees du och gären an d'éischt Schouljoër?
Thierry: Nee. Do kann en nët spillen.
Christophe: An da kanns du awer naïscht léieren.
Die Kinder erkennen nämlich ganz klar, dass der Weg zum Erwachsenwerden über das Lernen in der Schule führt. Sie wissen viel darüber zu sagen. In den Familien ist sicher über das Thema gesprochen worden. In manchen werden die gängigen stereotypen Aussagen aufgetischt mit den damit verbundenen Aussonderungen von Kindern, die nicht so gut zu lernen scheinen:
Interviewer: Firwat musse mer dann iwwerhaapt léieren?
Tamara: Well mer, wa mer gäre grouss sin, wa mer gären Dammen an Häre sin, da musse mer jo och schreiwe kënnen an zielen.
Manuel: Fir wa mer wëlle grouss sin.
Tamara: Well mer wëlle grouss sin, dass mer nët am Bulli musse schaffen.
Fabien zum Manuel: Du muss am Bulli schaffe goen.
Manuel: Nee. Firwat?
Tamara: Du kanns nach nët Ziffere schreiwen.
Solche üblen Bemerkungen haben ihre Wurzeln wahrscheinlich nicht in der Vorstellungswelt der Kinder. Auch die folgenden Äußerungen scheinen aus der familiären Umwelt zu stammen:
Interviewer: Firwat muss ee léieren?
Sam: Fir datt ee schlau gët.
Debbie: Fir datt een nët esou domm a frech as.
Die Kinder haben aber auch differenziertere und konkretere Vorstellungen:
Interviewer: Wat kann een da maachen, wann ee gutt liese kann?
Céline: Da kann ee Geschichten erzielen.
Debbie: An et kann ee Joffer gin.
Lynn: A Schoulmeeschter
Interviewer: As et da wichteg, datt een dat alles kann?
Debbie: Dat muss een, well dat as wichteg, wann ee méi grouss a méi staark gët.
Yannick: Ech fannen et wichteg. Well do kann ee vill Saache léieren.
Interviewer: Brauchs de déi dann eng Kéier?
Yannick: Jo, wann ee bezuelt. Och wann ee wëll zielen a wann ee wëll erzielen. A wann ee grouss as, fir Plussen ze man.
Steve: wa mer kucken, eent plus véier, da weess ee guer nët, wat dat as. An dann as dat fënnef. An da schreiwe mer do fënnef an d'Këscht.
Yannick: An dann as dat falsch.
Steve: Dach, eent plus véier as fënnef.
Interviewer: Firwat muss een da léieren am éischte Schouljoer?
Tamara: Da kënne mer eise Kanner eng Geschicht erzielen.
Alexandre: Jo, ech wëll gär schreiwen a liese léieren.
Tamara: da brauch ech nët ëmmer ze froen fir e Buch.
Lynn: Heinasdo kann ech dann och e Buch mathuelen, an et liest een de kanner dat vir.
Interviewer: Freet der iech dann op d'éischt Schouljoër?
Anne: Jo, e bëssen, well ech da ménger Bomi kann e Bréif schreiwen, fir a Griechenland ze schécken,
Caine: Well ech kann doheem Prüfunge maachen.
Alain: Well ech wëll Aufgaben doheem maachen a Prüfungen.
Danielle: Ech freë mech, well da gin ech geléiert schreiwen, an da kann ech doheem ménger Mamm alles schreiwen.
Aber mit dem Lernen sind auch unangenehme Zwänge verbunden. Ein Junge sagt, dass man immer auf dem Stuhl sitzen müsse, wenn man lernt. Da gibt es die Vorstellung über Prüfungen, Hausaufgaben, Fehler, Schelten von Seiten der Erwachsenen und nicht zuletzt die Befürchtung, dass das Lernen in der Schule langweilig sein wird.
Lynn: A wann ee scho laang an der Schoul as, da geet een nët méi gären an d'Schoul.
Interviewer: Nee? Firwat dann nët?
Lynn: Da muss een ëmmer ... dann as et ze langweileg.
Tamara: Da muss een ëmmer doheem schreiwen a nët méi spillen.
Sarah: Méng Mamm huet gesot, 't as guer nët langweileg. Et as och guer nët langweileg.
Romina: Dach, 't as langweileg.
Sarah: Nee
Romina: D'Antonella (dem Romina séng Schwëster) seet et as langweileg.
Interviewer: Romina, frees du dech dann op d'éischt Schouljoër?
Romina: Nee
Interviewer: Firwat nët? Fäerts du eppes?
Gil: Einfach e Feler man, da kréien ech gejaut.
Interviewer: Wie seet dat dann?
Gil: Méng Mamm. Dann hun ech nët genuch geléiert.
Sarah: 't muss een awer genuch léieren.
Romina: D'Antonelle huet dat nët gär.
Gil: Bei der Prüfung kuckt d'Joffer, ob een nach léiere muss.
Interviewer: Ah, a wann ee vill Punkten huet, da brauch een nët méi ze léieren?
Gil: Dach, aner Saachen.
Romina: Wa mir e Feler maachen, da jaïtz si mat eis ëmmer.
Gil: Oh, da jaïze mir mat der Joffer!
Romina: A wie kéng hausaufgab mécht, kritt och gejaïzt.
Interviewer: Wat as dat dann: eng Hausaufgab?
Sarah: Dat as, wann een doheem léiere muss.
Gil: Jo, wann een an der Schoul spillt, wann een an der Schoul nët léiert, da kritt een dat.
Romina: Hausaufgab as langweileg.
Gil: Da maache mer se nët.
Sarah: Dach, dat muss ee man.
Gil: Da maache mer se.
Romina: Ech hun d'éischt Schouljoër nët gär. Do gin et nët esou vill Saachen. D'Antonella fënnt d'Schreiwen nët schéin. Well 't as langweileg.
Sarah: Méng Mamm huet gesot, 't as nët langweileg. 't as och guer nët langweileg.
Gil: Nee. Dir schreift nët gär. Ech ka scho mäi ganze Numm schreiwen.
Wie man sieht, äußern die Kinder Vorstellungen und entwickeln Zukunftsentwürfe, die zumeist ihre Wurzeln im Gespräch mit Erwachsenen haben, sei es im Kontext der Familie oder in dem der Schule. Es gibt aber auch Kinder, die schon mehr persönliche Ideen entwickelt haben, wie Anne, die ihrer Großmutter Briefe nach Griechenland schreiben möchte, oder wie Tamara und Lynn, die gerne Bücher lesen oder sogar vorlesen möchten. Diese Vorstellung werden ohne weiteres von den andern Kindern akzeptiert, weil sie zum Bild der schönen Schule passen. Auch die nicht gerade so schönen Aussichten auf Zwänge, Bestrafung und Schelten werden als Gegebenheiten der Schule angenommen. Wenn jedoch Lynn und Romina von der drohenden Langeweile reden, von der sie aus der eigenen Familie wissen, stoßen sie auf Widerspruch. In der Tat ist die Vorstellung, dass Lernen und Erwachsenwerden mit Langeweile verknüpft ist, schlicht unannehmbar. Diese beiden Kinder, besonders Romina, haben sich - wenigstens im Augenblick - ganz stark von der Primärschule distanziert. Schwerarbeit und Strafe können noch akzeptiert werden, eine Langweilschule jedoch kann keinen Platz in Lebensentwürfen haben.
Wenn der Kindergarten auch vorwiegend der Ort des Spielens ist, so heißt das nicht, dass dort nicht auch gelernt wird. Lernen in der Vorschule heißt für die Kinder basteln, malen, ausschneiden, Zuordnungsaufgaben machen. Vor allem aber ist Lernen mit Büchern und Heften verbunden:
Interviewer: Léiert dir eppes an der Spillschoul?
Stefan: Mir musse Strécher maachen, klenger, grousser, riichter, a schifer. An da léiere mer och Haiser maachen.
Bobi: Jo. Am Buch. An engem Buch musse mer ëmmer léieren.
Caroline: Nët ëmmer, mee heiansdo.
Bobi: An da muss ee mam Bläistëft do eragoen, awer et as schwéier.
Caroline: Guer nët schwéier, Bobi.
Bobi: E bëssi schwéier awer. Well mir musse léieren.
Interviewer: Wat as dat dann: Léieren?
Bobi: Léieren as schaffen. Schaffen am Heft.
Stefan: Mir hun zum Beispiel do sou e Blat, an do musse mer de Wee weisen.
Caroline: Léieren as och op Blieder molen, wéi d'Joffer et seet. Mir léieren och ganz, ganz schwéier Saachen. Heiansdo weist d'Joffer un der Tafel vill Wierder, an da musse mir déi Wierder fannen, déi e puer mol do stin.
Stefan: Mir léieren och mat Pfeiler, an da musse mir soen, wat méi grouss oder méi kleng as.
Lernen ist auch, wenn man bereits im Kindergarten das Schreiben übt, besonders das Schreiben des eigenen Namens. Lernen im Kindergarten ist vor allem das, was im Vorgriff auf die Primärschule gemacht wird.
Die Kinder aus dem ersten Schuljahr
Die Kinder waren erst seit zwei Monaten im ersten Schuljahr, als sie befragt wurden. Aber sie haben schon das ganz sichere Gefühl, nun endlich zu den Großen zu gehören, auch wenn ein Junge die Feststellung macht, inmitten der Großen seien sie nun wieder die Kleinen. Christian bringt die Sachlage so auf den Nenner:
Christian: Weess de, an der Spillschoul as et nët esou wéi am éischte Schouljoër. Wann s de d'Dëcher géifs vergläichen, da giffs de gesin, datt déi Dëcher vun der grousser Schoul esou e Stéck méi grouss sin.
Aber bei vielen Kindern mischt sich in den Stolz das Bedauern, dass es nun mit dem Spielen in der Schule endgültig vorbei ist. Für manche ist der Übergang einfach zu abrupt.
Interviewer: Hut dir iech da gefreet, fir an d'éischt Schouljoër ze goen?
Jill: Mir hu gemengt, et wir méi flott do. Mee op eemol hu mer gemengt, datt et nët esou as.
Kelly: Ech war léiwer an der Spillschoul. Do konnte mer nach spillen, wat mer wëllen. Hei nët.
In fast allen Gesprächen gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Kindern darüber, welche Schule zu bevorzugen sei: der Kindergarten oder das erste Schuljahr Die einen sehnen sich nach der "Spillschoul" zurück, weil es dort nicht die Einschränkungen und Zwänge gab, denen sie nun unterworfen sind. Ruhig sein müssen und sich kaum bewegen dürfen empfinden sie als besonders belastend. lm ersten Schuljahr scheinen die Pädagogen auch mehr zu"jäizen". Den andern dagegen gefällt es besser in der Primärschule, weil sie hier lernen können, so wie sie es sich als Vorschulkinder vorgestellt hatten. Bei andern wiederum ist die Einstellung ambivalent.
Interviewer: Wou gefällt et iech dann am beschten?
Cynthai: An der Spillschoul.
Anne : An der Spillschoul
Fabien: Nee, hei.
Interviewer: Firwat?
Anne: Well mer do keng Strofe kréien.
Cynthia: Well mer do vill méi bastele konnten.
Kamin: A vill méi laang an der paus bleiwen.
Fabio: A vill méi mole konnten.
Interviewer: Fabien, firwat bas du léiwer am éischte Schouljoër?
Fabien: Well mer hei schreiwe léieren, a Buchstawe léieren, rechne léieren.
Cynthia: Well mer liese léieren.
Fabien: Ganz genee. Däitsch, Relioun, éveil aux sciences.
Interviewer: Op watt musst der dann gutt oppassen, wann der an d'ésicht Schouljoër kommt?
Fabien: De Fanger ausstrecken.
Fabio: Nët rolzen.
Cynthia: Nët schwätzen.
Kamin: Nët ronderëm d'Klass lafen.
Anne: An nët jäizen.
Fabio: An der Relioun, do musse mer bieden.
Fabien: Mir däerfen do keng Dommheete maachen, wa mer bieden.
Kamin: Mir däerfen och keng Dommheete maachen iwwert déi, déi dout sin.
Fabien: A wa mir an d'Kierch gin, musse mer ganz roueg sin.
Cynthia: An nët d'Luuchten ëmmer un an aus an un an aus maachen.
Interviewer: An der Spillschoul hut dir dat dierfen?
Kinder: Neen.
Anne: Awer wa mir dat an der Spillschoul gemeet hun, dann hu mer keng Strof dofir kritt.
Cynthia: A mir hun nët gejaut kritt.
Es gibt aber auch Kinder, welche sich gut angepasst zu haben scheinen. Die Ausdrücke, die sie verwenden, und die Vorstellungen die sie äußern, haben sie von den Erwachsenen übernommen. Sie scheinen schon längst begriffen zu haben, worauf es in der Primärschule ankommt und wie gelernt werden muss, um erfolgreich zu sein:
Christian: Mir gefällt et esou gutt am éischte Schouljoër, well mir do liesen, a well esi Joffer sot, mir wieren eng ganz staark Klass.
Mathias: Da muss man ruhig sein und zuhören, was sie sagt.
Julie: Dat geet zwar nët gutt am éischte Schouljoër.
Mathias: Und da kann man mehr lernen, wenn man ruhig ist, und wenn man rechnet.
Xenia: An do muss een sech konzentréieren.
Lynn: Am éischte Schouljoër as et esou wichtig, da muss ee ganz roueg sin. Et duerf een nët jäizen, wann d'Joffer seet: "Roueg!"
So stellt man große Unterschiede zwischen den Kindern fest Es gibt die, die nach außen die Identität des (schon fast perfekten) Primärschülers präsentieren. In ihrer Rede erkennt man die Erwachsenensprache. Und es gibt die, die ihr Kindsein präsentieren. In ihrer Rede klingt das Bedauern an, in der Primärschule einen wichtigen Teil ihres Kinddaseins aufgeben zu müssen: das Spiel.Ob im Kindergarten auch gelernt worden ist, darüber sind die Meinungen geteilt. Die einen, in der Minderheit, streiten das kategorisch ab:
Interviewer: Hut dir dann irgendeppes geléiert an der Spillschoul?
Nico: Neen.
Patricia: Mir hu näischt do geschriwwen. Guer näischt gemat.
Sheila: Mir hu gemolt, gepickt, geschnidden an esou.
Interviewer: As dat nët léieren?
Sheila: Neen
Nico: Molen as dach nët léieren!
Die meisten Kinder jedoch vertreten die Ansicht, dass es auch in der Vorschule Lernen gibt, und sie zählen die Tätigkeiten auf, die auch die Vorschulkinder genannt haben. Auffallend ist, mit welcher Freude viele Kinder sich an ganz konkrete Erlebnisse und Tätigkeiten im Kindergarten erinnern: an eine bestimmte Bastelarbeit, einen Ausflug, ein Fest, an eine Collage, usw. Die Erinnerungen sind sehr lebendig und vielfältig.
Wenn man die Kinder fragt, weshalb sie zur Vorschule gegangen sind, so nennen sie konkrete Tätigkeiten, wie Basteln, Malen, Spielen. Einige von ihnen haben das interiorisiert, was sie von den Erwachsenen gehört haben:
Interviewer: Firwat si dir eigentlech an d'Spillschoul gaang?
Michelle: Ech weess net: fir ze molen an ze spillen.
Christian: Fir ze léieren fir brav ze sin a fir d'Molen ze léieren.
Daniel: An der Spillschoul léiere mir, dass mer musse follechen.
Mandy: Fir ze léieren mateneen nët ze streiden, nët ze schloen mateneen.
Daniel: Fir ze léieren, wéi een sech am éischte Schouljoër behëlt.
Was wird im ersten Schuljahr gelernt? Wie schon die Kinder der Vorschule nennen die Erstklässler Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprachen, usw. Im Vergleich zum Kindergarten sind die Tätigkeiten, die genannt werden, viel einförmiger. Im ersten Schuljahr besteht nicht mehr die Vielfalt, die das Leben im Kindergarten so reich machte. Fragt man die Kinder, was sie denn lesen und schreiben, so erhält man Antworten wie:
Lisi: Maja weess de, mir hun ee Buch am éischte Schouljoër, dat as, do steet drop "Simsalebim", do as d'Susi drop an den Tim an d'Isabel, gell?
Monique: An der Spillschoul war et awer nët esou wichteg. Do konnte mer méi spillen a mateneen schwätzen. Awer an dem éischte Schouljoër as dat ganz wichteg. Mir hu jo e Buch vum Simsaleblim, vum Simsalebim. An do steet dran: "Isabel malt einen Teppich."
Lisi: " ... ein Handtuch".
Monique: Ech si frou, dass mer Rechne kënne maachen, an nach sou liesen. Dat hun ech ëmmer gär gemaach. Mee 't as awer och wichteg, dass ee liese muss, sou: "Susi malt einen Teppich."
Cathy: Mir hun "Susi" geléiert, "Tim" geléiert, "ist" geléiert, "da" geléiert ...
Martine: "Sim". "Isabel" kann ech scho schreiwen.
Cathy: A mir hate nach: "Isabel ist da" an "Da ist Isabel" an "Haus". "Da ist Isabel am Tisch".
Interviewer: Ech war bis elo nëmmen an der Spillschoul. Ech weess nët, wéi dat an engem éischte Schouljoër ausgesäit.
Tom: Langweileg. Et gesäit langweileg aus. Et muss een do nëmme schreiwen.
Cathy: Do muss een "Sim" ... an da muss een nach den "I" an den "s" an den "m".
Solche Lese- und Schreibinhalte erscheinen ziemlich arm im Vergleich zu dem, was der Kindergarten an lebensnahen und interessanten Lerninhalten zu bieten hatte. Kein Wunder dass manchmal schon im ersten Schuljahr die Langeweile einzieht. "Aber die Kinder können doch noch keine Romane schreiben, wenn sie erst seit zwei Monaten im ersten Schuljahr sind!" so lautet die gängige Antwort auf solche kritischen Bemerkungen, eine Antwort, die im übrigen die Fragestellung verfälscht, um sich ihr nicht stellen zu müssen. Gewiss, die Kinder sind erst Neulinge im Schreiben und Lesen. Aber das Neue müsste ja besonders faszinierend sein!
DECOLAP und DECOPRIM haben deutlich gemacht, dass auch der Schreib- und Leseanfang durch seine Vielfalt und Lebensnähe interessant sein kann.Selbstverständlich gibt es auch Kinder, die grosse Hoffnungen in Bezug auf die Schule haben und ganz interessante Entwürfe für ihr zukünftiges Schulleben machen. Philippe, zum Beispiel, will Schriftsteller werden und hofft, in der Schule Geschichten schreiben zu können. David ist voller Begeisterung, dass er schreiben kann und gibt eine interessante Definition von "Deutsch". Francesca, die an anderer Stelle andeutet, dass sie Schwierigkeiten beim Schreiben hat, und die sich darüber Sorgen macht, hofft, in der "großen" Schule ihr Wissen erweitern zu können in Gebieten, die ihr von Wichtigkeit sind.
Philippe: Ech hun et am éischte Schouljoër am flottste fond, well mir léieren Wierder schreiwen. Dat as méi flott wéi spillen. Ech gi gäre Schrëftsteller, wann ech grouss sin.
David: Ech fannen et hei am schéinsten, well ech do schreiwe wëll, a well ech och schon oft schreiwe wollt. Däitsch as Schreiwen. Däitsch as däitsch Schreiwen. Mir kënnen awer och schon e bëssche gutt schreiwen.
Interviewer: Wat maacht dir dann elo am éischte Schouljoër?
Francesca: Mir maachen aner Saachen. Mir gin nët ëmmer an de Bësch di selwecht Dag wéi an der Spillschoul. An Spillschoul hu mer dat nëmmen an Summer gemaach, e bëssen am wanter. Am éischte Schouljoër maache mer dat bestëmmt nët. Mee bestëmmt gi mer Plaze kucken, wou al Bicher, a Saachen, déi hun honnert Joër de Mënsche gefond hun, vu Schlasser an al Suen an esou Saachen. Well elo si mir an der grouss Schoul.
Philippe: Mir schreiwen. An der grousser Schoul gi Geschichte geschriwwen.
Francesca: Mir léieren déng Kierper.
Spielen und Lernen: was ist das?
Es ist nicht einfach, Spielen und Lernen zu definieren. (Zur Probe können die Leserin und der Leser es mal versuchen.)
Um so bemerkenswerter ist es, dass die Fünf- und Sechsjährigen
4 sich um Definitionen bemühen und manchmal zu erstaunlichen Ergebnissen kommen. In der Tat kann ich nur über das Denken und Sprechen dieser Kinder staunen. Ich will ihre Ausführungen deshalb kommentarlos wiedergeben. Sie sprechen für sich selbst.Kinder aus dem zweiten Vorschuljahr über Spielen und Lernen
Interviewer: Wat as den Ennerscheed tëschent Spillen a Léieren. Dir sot jo, et wär nët dat selwecht.
Claire: Spillen, dat as eppes, wou ee muss spillen ...
Christophe: Do kann een dohanne ronderëm goen.
Interviewer: A beim Léieren?
Claire: Do däerf een ... do muss een esou oppassen.
Paul: ... roueg sin.
Claire: Jo, roueg sin, an oppassen, wat d'Joffer seet.
Interviewer: Braucht dir dat dann nët ze maachen, hei an der Spillschoul?
Claire: Dach ... mee am éischte Schouljoër as dat e bëssen anescht.
Interviewer: Wéi anescht?
Claire: Do léiert een ... mmm ...
Paul: Beim Spillen kann een sech e bëssen ameséieren.
Interviewer: Ah! A beim Léieren ameséiert een sech do guer nët, oder wéi?
Paul: Do muss ee léieren a léieren.
Claire: Et as och e bëssen ... et as och e bëssen vlaäicht méi langweileg?
Interviewer: Spillen a Léieren, as dat dann nët dat selwecht? Wat as den Ennerscheed tëschent Spillen a Léieren?
Kilian: En Auto kann een huelen an domat spillen. Léieren muss ee kucken a schreiwen an oppassen a rechnen.
Interviewer: Wat as dat dann, Léieren?
Sarah: Dat as, ... wann ee weess, wat dat as, a wat dat as. Datt ee weess, firwat e Fësch dat as, a wat dat as ... Majo, datt een all Kéier weess, wat dat as.
Interviewer: An du Fabrizio, firwat mengs du, muss ee léieren?
Fabrizio: Léieren fir d'Prüfungen.
Alex: Nummeren.
Kinder aus dem ersten Schuljahr über Spielen und Lernen
Interviewer: Wat as Léiere fir iech?
Milène: Dat as e Buch kucken a villäicht ... Léieren, dat as e Buch kucken a kucken, wat as geschriwwen a soen, ...
Interviewer: Wat as dann nach Léieren, Martine?
Martine: Schreiwen, Nummere maachen.
Nadine: Plus, minus, a Stäbecher faarweg molen.
Mandy: Schreiwen a Spillen as eppes ganz aneschters.
Interviewer: Erklär mer emol firwat.
Mandy: Well beim Schreiwen do huet ee keng Spillsaachen, a fir ze spillen, do huet ee Spillsaachen.
Patrick: ... a keng Schreifsaachen.
Interviewer: Wat as Léieren?
Christian: Dat as, wa mir musse schreiwen, molen a Relioun maachen.
Michelle: A mir musse liesen.
Svenja: Mir musse liesen a schreiwen, da musse mir nach roueg sin.
Interviewer: As Léieren a Spillen dat selwecht?
Christian: Nee, dat as nët spillen. Spillen as mat Saachen esou an d'Hand huelen an da geheien an esou domadder fueren. A Léieren a Schreiwen as eppes anescht.
Michelle: Nee, well wann ee spillt, dat as eppes anescht.
Svenja: Da kann ee fuere mat engem Zuch, a mat Männercher a mat Spillsaachen an nach mat Poppen a Bebéen a mam Teddy.
Interviewer: As Spillen a Léieren dat selwecht?
Sheila: Nee. Spillen as nët esou wichteg.
Interviewer: Wat as dat: Léieren?
Pol: Saache léieren.
Interviewer: Wéi eng Saachen?
Pol: Iwwert de Kierper.
Kim: De Bësch.
Pol: Iwwert de Bongert.
Interviewer: Wat as Léieren?
Yves: Léieren, dat as Rechnen, Schreiwen an ... Däitsch.
Interviewer: Wann e spillt, kann een dobäi näischt léieren?
Yves: Nee
Julie: Nee.
Daniel: Nee
Interviewer: Firwat as Léieren a Spillen nët dat selwecht?
Yves: Well ee beim Spillen maache kann, wat ee wëllt, a beim Léieren do muss ee follechen.
In amerikanischen Kindergärten wird ähnlich gedacht.
Vivian Gussin Paley hat in ihrem Kindergarten in Chicago mit den Kindern darüber gesprochen, was Lernen vom Spielen unterscheidet. Sie schreibt: "The customary notion that 'real' school happens at a table is hard to dispel. The thoughtful management of materials, design, and people in the block area seldom receives the same respect as table "work'. (....) The children are in agreement. Whatever involves fantasy or creates a mess is play. Work is achieved sitting at a table, with a teacher nearby giving orders. Girls sit more and therefore work more, while boys, who run more, are seen as playing more" 5.
Ich glaube, dass die Ansichten der Fünf- und Sechsjährigen über Spielen und Lernen ziemlich genau dem.entsprechen, was sie in der Schule, von den Erwachsenen so arrangiert, vorfinden: hier Spiel, da Lernen, scharf getrennt.
Spielen ist Freiheit, Lernen ist Zwang.
Keine guten Aussichten!
1 Minuchin, S.: Families and Family Therapy. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press 1976
2 Stierlin, H., Rücker-Embden, I., Wetzel, N.: Das erste Familiengespräch. Stuttgart: Klett-Cotta 1977
3 Die Intreviews wurden im Rahmen von zwei Semesterarbeiten im Fach Entwicklungspsychologie von folgenden Studenten und Studentinnen des ISERP durchgeführt und transkribiert: Anne Aselborn, Diane Dahm, Dina de Oliveira, Eric Falchero, Cynthia Feidt, Tania Giovagnoli, Patrice Goedert, Christiane Hupperich, Michèle Lanners, Claudine Pansin, Peggy Reisdorff, Christian Rohner, Diane Rolles, Martine Schmit, Brigitte Schoos, Fabienne Schou, Mike Steichen, Katia Tomé und Enrico Tritta.
4 Eric Falchero und Enrico Tritta haben im Frühjahr 1997 Kinder des zweiten Schuljahres speziell zu dem Thema "Was ist Lernen?" befragt. Das Material, das sie zusammengetragen haben, ist so reichhaltig, dass es im Rahmen dieses Beitrags nicht dargstellt werden kann. Ich hoffe es in einer Publikation von DECOPRIM II präsentieren zu können.
Paley, V.G.: Boys and Girls. Superheroes in the Doll Corner. Chicago: The University of Chicago Press 1984 (S.30-32)